Schon lange hatte ich vor, dem Wort Kolumne im eSport seine wahre Bedeutung zu verleihen. Nun soll es endlich soweit sein. Einmal in der Woche möchte ich meine Gedanken über das Internet und die Welt des eSports mit euch teilen. Als erstes Thema habe ich bewusst einen größeren Brocken angepackt, aber in Zukunft soll es hier durchaus auch mal lustig oder lehrreich und vor allem kürzer zugehen. In jedem Fall wird dies mein persönliches Zuhause bei readmore, die Dinge, die mich beschäftigen, meine Meinung zu aktuellen Themen oder auch Themen, die an sich nicht auf der Tagesordnung stehen. Womit ich mich beschäftige und wie, hängt zu einem guten Teil von euch ab. Keine Meinung ist nicht angreifbar, alles ist kommentierbar. „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.“
Nun ist sie also in vollem Gange, die CPL World Tour, bekanntermaßen dotiert mit 1.000.000 US-Dollar. Es liegt bereits ein Drittel der geplanten neun Tourstops hinter uns, was einen dazu verleitet, die ersten Analysen vorzunehmen, inwieweit der ehrgeizige Plan von Angel Munoz aufging, eine dem Profisport ebenbürtige Computerspiel-Turnierserie auf die Beine zu stellen. Gerne verwies er im Vorfeld auf den Formel-1-Zirkus oder die ATP Tennis Tour. Über den ganzen Globus verteilt sollten altgediente eSport-Recken und heiße Lokalmatadoren um stattliche Preisgelder und Punkte in der Rangliste kämpfen.
Eine Neuerung zum Turniergeschehen des Jahres 2004 gab es jedenfalls zu vermelden. Der unschlagbar scheinende Holländer Vo0 verpasste erstmals einen Painkiller Turniersieg. In Barcelona war der deutschen Quake-Legende SteLam das Meisterstück gelungen, während er auf den anderen beiden Stops nicht mal das Podium erreichte. Der einzige Spieler in der Spitzengruppe mit ähnlichen Formschwankungen scheint Fatal1ty zu sein, mit den Plätzen 2, 4 und 6. Ansonsten gibt es nahezu keine Bewegung in der Top 8, auf die der überwiegende Teil des Preisgelds abfällt.
So sind sie also unter sich, wenn es um die Verteilung des größten Batzen der 50.000$ pro Stop geht: die deutschen SK-Spieler, die Italiener von play.it, die internationale Equipe von fnatic und der reichste Mann im westlichen Pro-Gaming. Und damit auch in der Rangliste der CPL, die neben den internationalen Austragungsorten und der zunehmenden Professionalisierung von Teams und Spielern den wichtigsten Bezugpunkt zum herkömmlichen Sport darstellt.

Bevor man nun anfängt, diesen Stillstand in der Spitzengruppe zu kritisieren, sollte man sich erstmal genauer anschauen, worauf diese Rangliste faktisch Einfluss hat. Gerne wird von der CPL angeführt, dass der Erstplatzierte nach den neun Stops eine Extrabörse von 20.000$ gewinnt. Damit dieses Geld nicht an Vo0 geht, müsste dieser sich schon eine schwerere Verletzung an den Armen zuziehen, was man ihm sicherlich nicht wünschen sollte, er hat diese Position verdient wie kein anderer. Wesentlich entscheidender ist hingegen, dass aufgrund der Rangliste die Seedings für die einzelnen Turniere gebildet werden.
Diese Regelung ist es, die uns Monat für Monat ein Déjà-Vu verschafft, wenn man den Turnierverlauf der World Tour Stops betrachtet. Die Top 8, die sich in Istanbul herauskristallisiert hat, dominiert jedes Mal. Wer am Turnier in der Türkei nicht teilgenommen hat, oder zu diesem Zeitpunkt noch nicht seine volle Leistungskapazität ausgeschöpft hat, kann das Jahr im Grunde abhaken. Da spielt es auch keine Rolle, ob man ein gefeiertes Nachwuchstalent wie der Schwede Sakh ist, oder gar mehrfacher Titelträger wie Burnie. Die Seedings kennen keine Gnade. In den Single Elimination Runden müssen die Neueinsteiger sich gegenseitig eliminieren. Wer es ins DE Bracket schafft, bekommt einen schweren Brocken nach dem anderen vorgesetzt, bis zum Ausscheiden in den ersten Loser Bracket Runden. Während man also im einstelligen Punktebereich rumdümpelt, sammelt das Establishment seine Pfründe ein.
Nun kann man sicher sagen, dass die Seedings auch schöne Seiten haben, beispielsweise die Garantie, dass man Vo0 weiter dabei zusehen kann, wie er versucht den Mythos der Unbesiegbarkeit am Leben zu erhalten, oder dass sich SteLam und zyz mal wieder duellieren müssen. Spannende Matches in allen Phasen des Turniers sind garantiert, auch unter den Teilnehmern, die noch wenig oder keine Weltranglistenpunkte gesammelt haben, aber rein vom Namen her Interesse wecken. Es ist wohl ein wenig wie in der Formel 1, wo sich die Spannung auch oft darauf beschränkt, wer aus der Spitzen-, Mittelfeld- oder Unterklassengruppe sich nun mal wieder einen minimal höheren oder niederen Rang erfahren hat.
Doch nicht immer. In der Formel 1 werden schließlich vor jedem Rennen Startplatzqualifikationen durchgeführt, die je nach Strecke und Wetter zu durchaus unterschiedlichen Ausgangssituationen für den folgenden Grand Prix führen können. Selbst mit dieser Einrichtung ist der Rennverlauf oft vorgezeichnet, aber Überraschungen werden dadurch wenigstens ansatzweise gefördert. Man stelle sich vor, der Ausrichter FIA würde entscheiden, dass die Startpositionen aufgrund der Fahrerrangliste vergeben werden sollten. Formel 1 Rennen wären ähnlich berechenbar wie es die CPL World Tour momentan ist.
Und wie sieht es beim anderen Profisport Gegenstück zu Painkiller aus? Bei den Grand Slams der ATP Tennis Tour gibt es ein System, das dem der CPL sehr ähnelt, zumal es sich hier nicht um ein gemeinschaftlich gefahrenes Rennen handelt sondern um eine Reihe von 1on1 Begegnungen auf dem Dedicated Tenniscourt. Die ersten 32 der 128 Spieler bekommen ein Seeding, basierend auf ihrer Weltranglistenposition. Die weiteren 96 Teilnehmer werden zufällig eingeordnet, unabhängig davon ob sie aufgrund einer guten Weltranglistenposition abseits der Top 32, über ein Qualifikationsturnier oder eine Wildcard an ihren Platz gekommen sind. Die Art der Teilnahme ist nicht besonders wichtig, da die CPL seit jeher nur nach Anmeldedatum ihre Turnierplätze vergibt. Ganz so eindeutig ist der Zusammenhang zwischen Seeding und Weltrangliste allerdings nicht immer. Die US Open beispielsweise halten sich stets an diesen offiziellen Spielstärkeanzeiger, während man in Wimbledon die Reihenfolge gerne mal ein wenig modifiziert, um frühzeitige Duelle aussichtsreicher Briten zu vermeiden. Denn anhand der Seedings werden auch beim Tennis Brackets erstellt, allerdings durchgehend Single Elimination.
Bei der CPL World Tour hingegen basieren die kompletten Seedings auf der Weltrangliste und nicht nur die der Spitzengruppe. Die Leistungsdichte im Profitennis ist höher einzuschätzen als die in Painkiller, diese Leute leben ihren Sport schon länger als es Painkiller überhaupt gibt. Und dennoch gibt es dort noch Gevatter Zufall, sicher nicht ohne Grund. Alle 128 Teilnehmer nach ihrem Weltranglistenplatz zu seeden und anschließend erst die dort nicht vertretenen Spieler zufällig zu verteilen, würde die Ansehnlichkeit der Grand Slams massiv verringern. Warum greift Angel Munoz nicht auf diese Erfahrungen zurück, und erlaubt den Veranstaltern die Seedings hinter der der Top 8 nach eigenem Gutdünken und in Zusammenarbeit mit der lokalen Szene zu bestimmen?
Zumindest die deutschen eSport-Fans würden es ihm danken. Außer SteLam und zyz hat keiner unserer Spieler mit der momentanen Lage noch ernsthafte Chancen auf gute Platzierungen bei einem Stop. Wie toll wäre es, wenn die deutschen Veranstalter beim Stop in Berlin dafür sorgen könnten, dass unsere hart trainierenden Spitzenspieler doch nochmal eine Chance bekommen. Ein solides Mittelfeldseeding für Burnie, reptile, dragon oder deatz würde ganz neue Möglichkeiten eröffnen, und unseren heimischen Stop gleichbedeutend machen mit einem Formel 1 Grand Prix in Hockenheim. Heimvorteil ist etwas ganz wichtiges im Sport allgemein und sollte sich nicht darauf beschränken, dass man die gleiche Sprache spricht wie die Schiedsrichter.
Dazu wird es dieses Jahr sicher nicht mehr kommen. Die CPL ist momentan auch noch viel zu sehr in die Organisation der unmittelbar anstehenden Stops integriert, schließlich kann man diese nicht selbständig arbeiten lassen. Ein Termin und eine Location für den deutschen Stop in zwei Monaten wurden immer noch nicht bekannt gegeben. So kann man davon ausgehen, dass sich die CPL nicht wirklich bewusst ist, inwieweit sie durch diese Regel die dauerhafte Attraktivität der World Tour untergräbt. Man will doch nicht immer nur die selben Spieler oben sehen, und lediglich immer darauf hoffen, dass irgendwer Vo0 eine Map abnimmt. Wo bleibt die Chancengleichheit, wo die Gerechtigkeit? Und wo wird die Spannung bleiben, wenn wir nach den nächsten drei Stops feststellen müssen, dass sich die Spitzengruppe geschlossener denn je präsentiert, schließlich macht man auch fast nur noch untereinander die so wichtigen Bootcamps.
Es bleibt die Hoffnung, dass die CPL Ende des Jahres noch zur Einsicht kommt, wenn beim vollmundig angekündigten Final Event die Abschlussplatzierungen brav nach den Standings aus den neun Stops vergeben werden, schließlich werden auch dort die bewährten Ranglistenseedings zu Rate gezogen. Abschließend muss man allerdings auch gestehen, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass die momentan stagnierende Spitzengruppe durch das Spiel Painkiller selbst bedingt wird. Der kleine Mappool und die unterschiedlich lange Erfahrung mit dem Spiel scheinen ebenfalls großen Einfluss darauf zu haben, wer ein ums andere Mal ganz oben auf dem Podium steht. Wer allerdings nur darauf hofft, dass nächstes Jahr mit Quake 4 alles anders wird, könnte ein herbe Überraschung erleben, wenn der Spieletross nächstes Jahr mit dem gleichen Turnierspiel und den selben undurchdachten Regeln erneut auf Weltreise geht.