Nur eine Woche vor dem World Tour Stop in Schweden hat die CPL mit einer Regeländerung die Spieler in helle Aufregung versetzt. Besonders folgende Passage verursachte zahlreiche Proteste:
In one-versus-one deathmatch competitions, the Cyberathlete Professional League (CPL) expects all players to remain competitive and engaged in combat throughout the entire match. Stalling and/or hiding in an effort to keep your opponent from finding you or to stall game play, is unprofessional and not acceptable during tournament matches.
Was war passiert, dass die CPL sich gezwungen fühlte, eine derart kontroverse Regeländerung in der laufenden Saison vorzunehmen?
Rückblick zum dritten World Tour Stop in Brasilien Ende Mai: An der Copa Cabana trifft Vo0 zum dritten Mal nach der CPL Summer und dem Spain Qualifier im Overall Finale auf Fatal1ty. Erneut kann der Niederländer sich gegen die Shooter-Legende behaupten. Die Art und Weise wie er seinen ewigen Kontrahenten demütigte, sorgte für besonderes Aufsehen. Zum ersten Mal in der einjährigen Painkiller-Geschichte wendet jemand Fatal1tys ureigene, und in PK normalerweise vollkommen unnütze, Taktik gegen ihn an. Sowohl in Q3 als auch in der kurzen Doom 3 Phase war Fatal1ty dafür bekannt, als erster neue Mapareale zu entdecken, und sie als Verstecke in besonders wichtigen Matches (zumeist CPL Finalspiele) zu nutzen. Beim schnellen Painkiller mit seinen übersichtlichen Maps schien es bisher unmöglich, sich über einen längeren Zeitraum vor dem Gegner zu verstecken, insbesondere wenn der Gegner bestimmt schon seine Tausend „Flugstunden“ hinter sich hat.
Ein Sonderfall in jeder Hinsicht, zumal Vo0 die Taktik bewusst gegen diesen Gegner eingesetzt hat. Das zeigt auch folgendes Zitat aus den ESReality Comments:
I haven’t used it against anyone ever before and I would probably not use it against any other player.
Angestachelt durch Vo0s Andeutungen hat sich die Meinung der Community bezüglich der Gründe für diese Entscheidung deutlich in eine Richtung bewegt: Die CPL will ihr hochgelobtes Wunderkind Fatal1ty vor dem bösen Nobody Vo0 beschützen.
Dass diese Erklärung wenig Sinn macht, liegt auf der Hand. Bei der geringen Rotation im Mappool wird so ein Kunststück niemals wieder gelingen, und erst recht nicht gegen Fatal1ty. Die paar wenigen Stellen, an denen man wirklich schwer zu sehen ist, dürfte nun jeder kennen. Und Vo0 wird sich sicher wieder neue Gemeinheiten ausdenken, die keine Regel der CPL verhindern kann, schließlich prägt er die Spielweise in Painkiller wie kein anderer. Der mittlerweile inaktive Moerser hat es mal gut auf den Punkt gebracht:
Ich hab am Anfang, als ich das Spiel 2 Monate gespielt habe, auch gedacht, dass alles entdeckt ist an Trickjumps und auch was mit dem Movement möglich ist. Als dann Vo0 anfing alles rückwärts zu machen, hab‘ ich gemerkt, dass ich etwas übersehen hatte.
Was sind also die tatsächlichen Gründe dafür, eine Regel einzubinden, die durch ihre vage Formulierung schwerwiegenden Einfluss auf das Spielgeschehen haben könnte? (Eine schöne Zusammenfassung der Gefahren findet sich in dieser Rushed Kolumne)
Ich sehe mehrere Faktoren, die CPL Chef Angel Munoz dazu veranlasst haben, diese „deathmatch rule“ durchzusetzen. Die Regelwerke der CPL Turniere waren schon immer für einige Lacher gut, und zeigen einen deutlichen Hang zu unrealistischer Überregulierung. So ist es den Spielern offiziell verboten, Getränke oder Kissen zu ihren Matches mitzubringen. Andererseits sieht man sich offenbar genötigt, das Tragen von Hüten explizit zu erlauben, und das Tragen von Schuhen gar vorzuschreiben. Die knallharten Mussbestimmungen im mehr als umfangreichen Regelwerk werden in der Turnierpraxis wenig beachtet. Fast jeder benutzt für die tiefen Stühle Kissen ohne Probleme mit Admins zu bekommen, manchmal werden die Spieler nichtmal ermahnt wenn sie das besonders streng verbotene Stühlestapeln betreiben.
Viele der Regeln scheinen bei oberflächlicher Betrachtung sinnlos. Ein guter Teil des für die CPL so zentralen Regelwerks bezweckt also etwas völlig anderes als die Regelung von Turnieren. Die Regularien sind so etwas wie das Grundgesetz der CPL. Sie dienen auch der Außendarstellung. Gerne wird in Pressemitteilungen aus besonders ausgefeilten Teilen zitiert, in denen man beispielsweise Spielern aller Nationalitäten, Geschlechter und Rassen die Teilnahme an CPL Turnieren zusichert. Ein jeder Mensch hat das Grundrecht, auf einer CPL Computer zu spielen. Die PR-Asse von New World Incorporated haben keine Skrupel, mit solch zynischen Aussagen Werbung zu betreiben. Doch all dies ist schon lange Teil der PR Strategie und damit ungeeignet, die World Tour aktuell unzufriedenen Partnern wieder schmackhaft zu machen.
So scheint die geplante MTV-Übertragung des World Tour Finales auf der Kippe zu stehen: Die MTV-Chefs haben wohl kalte Füße bekommen angesichts der Vorstellung, wieviele jugendliche Zuschauer ihren Fernseher abschalten würden, wenn MTV 90 Sekunden lang ein grün leuchtendes Männchen zeigt, das zwischen Rohren eingeklemmt ist. Dies wird nicht der einzige Kritikpunkt seitens des Senders gegenüber der CPL sein, hilfreich war das Brasilien Finale jedenfalls nicht. Wie Angel Munoz in diesem Thread auf eine harmlose Anfrage von GIGA reagierte, spricht Bände über die Kompromissfähigkeit und Einstellungen des Big Boss.
Denkbar ist auch, dass die CPL die Spieler mit der Maßnahme abstrafen möchte. Angel Munoz betont immer wieder, dass es essentiell ist, dass die CPL als Organisation das Sagen hat („call the shots“). Als gellehsak im CPL Forum seinem Unmut gegenüber fehlenden Gameplayveränderungen Luft machte, statuierte die CPL ein Exempel. Die Art und Weise wie die CPL damit umgeht, dass die Spieler sich widersetzen, wird in diesem Thread gut sichtbar.
CPL|Tonya: Gellehsak, you have several posts on these forums in which your languages is inappropriate. Do not think that just because the words are censored out that you cannot be banned from these forums for using them.
Gellehsak: believe me, i didnt intentionally censor out the words, nor do i believe the censor protects me from anything.
CPL|Tonya: You seem to be pushing me to ban you – I will oblige.
Der Austausch soll zeigen: Die CPL hat das Sagen – nicht die Spieler. So könnte es sein, dass die Regeländerung die Grundlage für erneute Abstrafaktionen ist. Bei einem weiteren Fall wie dem Brasilien Finale könnten sie durch ihr Regelwerk gedeckte, weitreichende Sanktionen gegen Spieler verhängen.
Eventuell will man durch diese Regeländerung auch von anderen Problemen ablenken, die die World Tour plagen. Schon mit dem Start im Februar wurde allen Beteiligten klar vor Augen geführt, dass die lokalen Veranstalter der Stops den Anforderungen nicht gewachsen sind. Die türkischen Orgas haben ihre Arbeit so gut gemacht, dass die CPL liebend gerne gleich zwei CPL Turniere dort veranstaltete. Ironie beiseite, bisher gab es noch keinen problemlos verlaufenen Stop, vor allem die Pressevertreter müssen mit schwierigen Einschränkungen ihrer Arbeitsbedingungen leben. Die CPL gerät immer weiter in Verzug, was die wichtigen Stops in den beiden größten eSport Nationen Deutschland und Großbritannien angeht. In der Szene munkelt man schon, der für Berlin geplante Halt würde aufgrund rechtlicher Probleme nach Frankreich abwandern.
Während sich Angel Munoz mit seiner neuen Regel als großer Zampano präsentiert, und von seinem Gebahren her immer mehr an „Formel 1“-Besitzer Bernie Ecclestone erinnert, bröckelt das Großunternehmen World Tour an allen Ecken und Enden. Die Gründe für die Probleme sind mannigfaltig, lassen sich aber grob unter nicht beachteten externen Faktoren und mangelhafter Organisation zusammenfassen. So lobenswert das Unterfangen auch ist, eine den Globus umspannende Turnierserie zu erschaffen – im jetzigen Zustand ist das Bestehen massiv bedroht. Ohne die Medienaufmerksamkeit sinkt das Interesse der Sponsoren. Die zunehmende Unzufriedenheit der Spieler lässt sich sicher nicht gut verkaufen. Während man sich also in Jönköping spannende Duelle liefert, ziehen dunkle Wolken auf. Eine düstere Zukunft steht der World Tour bevor.
Zur Kolumne der letzten Woche: Rien ne va plus auf der CPL World Tour