Wer gestern nach dem 3:0 über Tunesien Interviews mit Jürgen Klinsmann gesehen hat, dem wird sein Optimismus inzwischen wahrscheinlich ähnlich monoton und unglaubwürdig erscheinen wie mir. Ernsthaft stelle ich mir die Frage, ob er wohl das gleiche Spiel gesehen hat? Natürlich hat er das, doch wieso erzählt er jedem, was er durch seine rosa Brille sieht und nicht was alle anderen sehen?
Der Grund sind seine Spieler. Damit sie mit der richtigen Einstellung ins Spiel gehen, und nicht wie das Team von Völler während der EM den Druck gehässiger Medien zu spüren bekommen, macht er sich mit seinem Sprung in der Platte „spannender Aufbauprozess“ inzwischen fast lächerlich. Dabei muss ich ihm zugestehen, dass man den Deutschen ansieht, dass sie versuchen so zu spielen, wie es beispielsweise Argentinien einfach schon kann – ansehnlich. Wie groß die Blockaden in den Köpfen der Spieler sind und wie viel Klinsmann auch schon erreicht hat, konnte man gestern am Unterschied im Spiel vor und nach dem Elfmeter eindeutig beobachten. Was hat sich mit dem Bundestrainer geändert? Nicht mehr das Ergebnis, sondern die Spieler und ihre Fans stehen im Vordergrund. Schnelles, freudiges Spiel statt Sicherheit. Die berechtigte Hoffnung: Mit der Zeit stellt sich daraus der Erfolg ein.
Im eSport investieren die größten Clans in Spieler, die die höchste Konstanz und größte Öffentlichkeitswirksamkeit versprechen. Die Parallele ist dabei nicht zu verkennen, dass nämlich, wie vor Klinsmann in der Nationalmannschaft, auf Erfolg und Sicherheit gesetzt wird. Nicht auf Fans und mit Sicherheit nicht auf die Spieler hinter dem Nick. Und auch die Konsequenzen sind entsprechend: Für Teams mit großem Namen werden die vermeintlich kleineren, die mit ganz anderer Motivation, ohne gewichtigen Namen und nur mit Blick auf sich als Spieler antreten, immer häufiger zur Falle. Mit dem gern attestierten Zufall des Spiels im eSport hat das jedoch nichts zu tun.
Dass sich daraufhin die erfolgsverwöhnteren Spieler in ihre heile Welt von Geld und Egozentrik und diejenigen, die nicht mehr an sich glauben, in die „Inaktivität“ zurückziehen, finde ich nicht unverständlich. Bei allem, was erfolgreichen eSportlern immer häufiger an Egoismus, Arroganz und mangelnder Loyalität vorgeworfen wird – im Fussball finden wir deutlich unsozialere Charaktere. Dabei bietet der noch nicht ausgereifte eSport eine weit größere Angriffsfläche für diese Problematik, die nicht nur aus persönlichem Hang zu Starallüren resultiert, sondern aus dem Umgang der Verantwortlichen mit den Leistungsträgern.
Das eindrucksvollste Beispiel ist sicherlich der Aufstieg von compLexity. Auch wenn ihr anfänglicher Motivator Jason „1“ Lake wahrscheinlich eine etwas andere Philosophie vertrat als Klinsmann, zeigt sich deutlich, dass auch im eSport bedingungslose Arbeit mit den Spieler mit der nötigen Geduld zu Erfolg führt. Für viele Clans ist beides ein Fremdwort, denn beides erfordert einen Trainer und dauerhafte Zusammenarbeit vor Ort.
Zum Glück plant man mit der Nationalmannschaft langfristiger, als die Schuldigen im eSport, bezeichnend kein Trainer, sondern die Spieler, Vertrauen genießen.
Ältere Artikel