Die ESL Pro Series ist inzwischen sieben Saisons alt. Seit ihrer Geburtstunde hat sie den Anspruch, sich als eine der professionellsten Ligen in Deutschland zu etablieren. In den Informationen zur Liga heißt es: „Die Pro-Series ist eine Gaming Liga welche in Ihrer Durchführung und Ihrem Anspruch mit der Champions League im Fußball vergleichbar ist.“. Obwohl der Vergleich natürlich etwas hinkt, denn in der Championsleague im Fußball spielen bekanntlich die bestplatzierten Mannschaften aus Europas Ligen, wohingegen sich in der EPS die besten Spieler Deutschlands messen, trifft er zumindest in Sachen Übertragungen im Bereich WC3 wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.
Während der interessierte Hobby-Fragger im CS-Bereich der EPS schon seit Anbeginn die Spiele seiner Idole via HLTV verfolgen kann, war dies in WC3 lange Zeit durch die eingeschränkte Observeranzahl rein technisch lediglich Freunden der EPS-Spieler vorbehalten, da ein Pendant zu HLTV zunächst lange auf sich warten ließ. Doch seit Mai 2004 gibt es endlich die Möglichkeit, einer großen Anzahl an Zuschauern komfortabel ein WC3-Spiel näher zu bringen: Waaagh!TV war geboren. Doch schaut man sich die EPS an, so bekommt man das Gefühl, dass diese Entwicklung spurlos an ihr vorbei gegangen ist.
Ein EPS-Match im Waaagh!TV-Clienten zu erspähen ist fast so, als würde man mehr als ein Spiel der Fußball Championsleague im Free-TV zu sehen bekommen. Die Möglichkeit, die EPS.WC3 zu verfolgen, beschränkt sich derzeit auf eine ESL-TV-Übertragung pro Woche. Zwei Spiele pro Spieltag flimmern dabei an jedem Dienstagabend über die Bildschirme der interessierten Fans – immerhin ein Spiel mehr, als in der Fußball Championsleague im Free-TV pro Spieltag übertragen wird. Hinzu kommen natürlich noch die IFNGs, doch im Vergleich zur EPS.CS, wo jeder Clanwar von HLTV begleitet wird, bleibt es trotzdem eine lächerliche Ausbeute.
Diese Tatsache hat weitreichende Konsequenzen für den Stellenwert der EPS im Bereich Warcraft III. Mit der größten internationalen Clanliga WC3L hat man bereits einen übermächtig scheinenden Konkurrenten um die Zuschauergunst im eigenen Haus. Dort wird selbstverständlich jeder Clanwar von einer ausgiebigen Waaagh!TV- und Shoutcast-Livecoverage begleitet. Und genau das ist die Voraussetzung, die eine Liga erfüllen muss, um von der Masse mit Spannung verfolgt zu werden. Es reicht nicht, dass man sich die Replays im Nachhinein anschauen kann; es reicht nicht, wenn man auf diversen Szeneseiten die Ergebnisse der Partien serviert bekommt. Man will das Spiel live verfolgen, denn nur dabei kommt wirklich Spannung und Atmosphäre auf.
Doch warum gibt es so wenige Übertragungen? Der Mythos, dass man in der EPS.WC3 die Spiele überhaupt nicht via Waaagh!TV und Shoutcast übertragen darf, kann zunächst schlichtweg dementiert werden. Es ist theoretisch jedem möglich, nach einer kurzen Anmeldung per E-Mail einen Shoutcast mit Waaagh!TV für eine EPS-Begegnung zu stellen, sofern die Spieler damit einverstanden sind. Ist die Liga uninteressant? Wohl kaum. Gerade in Zeiten wo viele sich über die immer größer werdende „Koreanisierung“ in der WC3L beschweren, könnte die EPS mit Spitzenpartien deutscher Spieler Zuschauer locken. Momentan ist in der EPS der Kampf um die Finalplätze entbrannt und die Restprogramme der Favoriten versprechen noch einiges an Spannung. Miou muss zum Beispiel noch gegen DaviN, Spell und Fire antreten und hat bereits zwei Niederlagen auf dem Konto; eine denkbar knappe Situation für den dreifachen Meister. Uninteressant? Sicher nicht!
Das größte Problem scheinen die unsicheren Spieltermine zu sein. Ein EPS-Dienstag geht selten ohne mindestens zwei Wildcards von statten. Eine Übertragung würde also einen relativ hohen organisatorischen Aufwand bedeuten. Ein Problem, dem man aber sicher Herr werden könnte, wenn man das wirklich will. Ob von der Liga selbst durch strengere Regeln zur Verschiebung von Spielen, durch die Inkaufnahme des etwas höheren Aufwands für Streamer und Shoutcaster und durch bessere Zusammenarbeit beider Parteien.
Die derzeitige Situation ist einer Liga wie der ESL Pro Series unangemessen. Es wird unnötig Potential verschenkt; die Liga fährt unter ihren Möglichkeiten. Eine Lösung dieses Problems wäre sowohl für die ESL selbst als auch für den Zuschauer wünschenswert, denn wem nützt eine Königsklasse, die niemanden interessiert?