Startseite/Artikel/Das Koreatagebuch – Seoul bei Nacht und ‚fag day‘

Das Koreatagebuch – Seoul bei Nacht und ‚fag day‘

Nach einer langen Sonntagnacht habe ich nun, gegen 16.00 Uhr Ortszeit, die Muße gefunden, mich von meinem Lager zu erheben und mit meiner Kamera die Stadt zu erkunden, die mich seit drei Tagen beherbergt. Praktischerweise wird es schon langsam dunkel und ich streife durch das schon nachmittags nächtlich anmutende Seoul. Um meinen Frühstückshunger zu stillen entscheide ich mich für „Streetfood“. Kleine, zeltähnliche Stände auf den Bürgersteigen, die ungefähr so zahlreich wie „Mittelmeerspezialitäten“ in Berlin-Kreuzberg sind. Hier gibt es frisch gegrillte Spieße mit Fleisch unbekannter Herkunft, die circa einen Euro kosten. Eigentlich ganz lecker, besonders der Marshmellow, der den Abschluss bildet. Wer meint Marshmellow mit Bratensoße würde nicht schmecken, wird hier eines besseren belehrt.

Ansonsten präsentiert Seoul sich als eine lebhafte, pulsierende Stadt, die ihre Gegensätze, die wohl jede Stadt hat, nicht groß räumlich trennt. Direkt neben schicken Bars, vor denen aufgemotzte deutsche Autos parken, befinden sich heruntergewirtschaftete kleine Läden und auch sonst erscheint das Sauberkeitsgefühl der Koreaner ein wenig paradox. So sehen manche Häuser zwar aus, als ob sie dringend mal eine Generalrenovierung vertragen könnten, aber trotzdem achtet der Ladenbesitzer peinlich genau darauf, dass kein überzähliges Blatt davor liegt. Ich glaube es gibt nirgendwo so saubere Gossen wie in Seoul.

Auffällig ist die allgegenwärtige Affinität der Koreaner zu Spielen. Sei es das „Realtime Full 3D Internet Horse Racing Game“ oder die zahlreichen „PC Bangs“ (Internetcafés): Überall wird man zu bunten, multimedialen Zeitvertreib eingeladen. Als ich der Ansicht bin, genug von den Seouler Straßen gesehen zu haben, fahre ich mit dem Taxi zum COEX Mall, um dort richtig koreanisch zu essen. Dort angekommen bestelle ich „Rice topped with Bulgogi“. Bulgogi ist so gyrosartig geschnittenes Fleisch unbekannter Herkunft (bevor ihr fragt: Ich GLAUBE das kein Hund dabei war). Dazu gibt es Kim’chi, äußerst pikanten Salat, und merkwürdig eingelegte Ananasscheiben, die von ihrem Geschmack her nicht als solche zu erkennen sind. Insgesamt alles recht lecker, vor allem günstig. Für 5$ bin ich wirklich pappsatt. Auch das mit den Stäbchen klappt besser als gedacht.

Die COEX ist ansonsten riesig. Ein unglaubliches Gewirr von großen und kleinen Gängen mit Cafés amerikanischer Ketten, die für einen Kaffee mehr verlangen, als ich eben für mein Essen bezahlt habe und koreanischen Beauty-Geschäften. Natürlich ist auch hier alles unglaublich modern und – wie könnte es anders sein – sauber. Wenn ich irgendwo vom Boden essen müsste, dann bitte hier.

Zurück im Hotel treffe ich mich mit Malte und Jeff von VBCast, der als Kommentator bei der WEG arbeitet. Gemeinsam sehen wir Star Wars Episode 5: The Empire strikes back und ich muss sagen, dass Darth Vader auf Deutsch einfach cooler klingt. Hat vielleicht historische Gründe.

Der nächste Tag ist wieder frei und ich habe gestern Abend ausgemacht, mit Malte und Jeff zum Friseur zu gehen. Also wieder in die COEX und wenige Minuten später sitze ich in einem Sessel und lasse mir die Haare waschen. Ahh…entspannend. Nach dem Schnitt nochmal Waschen, diesmal sogar mit Kopfmassage. Tut zwar fast weh, wie mir die koreanische Friseuse mit ihrem Daumen den Schädel eindrückt, aber die weiß hoffentlich was sie tut. Das alles für 12$. Dafür kriegt man in Deutschland nichtmal einen lieblosen Schnitt mit einem aufgebohrten Rasierer. Herrlich.

Danach entwickeln Jeff und Malte eine Idee, die mir von Anfang an suspekt ist. Maniküre. Mit dem Begriff verband ich zuvor das zügige Abschnibbeln der zu lang gewordenen Fingernägel morgens im Bad. Und nicht eine längere Wohlfühl-Prozedur, die sich meine Begleiter wünschten. Nun gut, was tut man nicht alles, wenn man vom Gruppenzwang erdrückt wird. In der COEX gibt es zahlreiche von diesen kleinen Nagelstudios, die einem einen Rembrandt auf die Nägel malen, wenn man dafür bezahlt und da sitze ich nun, hilflos einer Koreanerin ausgeliefert, die mir die Nägel feilt, glasiert, schmirgelt und was noch alles. Diese beiden natürlich überzeugt heterosexuellen Herren an meiner Seite genießen das wie ein kühles Bier an einem heißen Sommertag und mir fällt es einfach schwer, mich zu entspannen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass gleich die ganze Community hinter ihrem Vorhang hervorkommt und mir einen „Haha, you’re gay“ ins Gesicht schleudert.

Irgendwann es ist dann endlich vorbei. Ich kann mich in meinen Fingernägeln spiegeln und wünsche mir nichts sehnlicher als ein schönes Paar Fäustlinge.

Abends brauche ich dann erstmal ein schönes Bier, um zumindest einen Teil meiner Männlichkeit wiederherzustellen und entscheide mich für die praktische 1,6 Liter Plastikflasche. Da weiß man, was man hat. Nach der obligatorischen Folge Star Wars mache ich mich mit Jeff und einigen CS-Spielern auf den Weg in eine Bar. Dort ordern wir einen Pitcher Bier und eine Flasche Soju, mit dem wir erstmal ordentlich rumferkeln. Da in der ersten Bar kein Arirang (Mediapartner der WEG) läuft, wechseln wir nach den eben genannten Getränken in eine andere Bar, die freundlicherweise für uns Arirang auf ihre Bildschirme bringt. Und da sitzen wir dann. In einer schicken Bar. Und sehen Counter-Strike. Willkommen in Korea.

Thx to Turmoil^bdub for the bar pictures!

nächster Eintrag: der koreanische Alltag


Bisherige Einträge:

Die Anreise
first contact
der erste Arbeitstag

  1. sot3k #1
    einfach zu krass die bar...
    Xerxes #2
    Haha, you're gay
    otacon #3
    1,6l flasche bier?

    kosten? schmeckts?

    ach der letzte absatz is echt der beste *träum* :D
    #4
    david, du bist der beste :)
    keksen #5
    hübsche bar. ich hoffe du trinkst denen nicht alles weg ;)
    ganga` #7
    wie kein bild von den fingernägeln..?
    timey #8
    "Und da sitzen wir dann. In einer schicken Bar. Und sehen Counter-Strike. Willkommen in Korea. " sehr nice harhar :) Achja Craven machs dir nichts drauß, ein bisschen bi schaden nie haha :)
    IradeX #9
    echt nice geschrieben...
    #10
    Was soll man dazu sagen? Hat Spass gemacht zu lesen. Will ein Bild von deinen Fingernägeln ;)
Nur registrierte und eingeloggte Mitglieder können Kommmentare abgeben.