Nach zwei dann doch mehr oder weniger unproduktiven Tagen gelang mir am Donnerstag immerhin der Termin mit Lunatic-Hai, der im Endeffekt zu diesem Artikel führte. Nach einer recht entspannten Busfahrt in den tiefsten Süden traf ich im Revolution PC-Bang ein. Schon vor dem Interview, während mir Garfield alles zeigte, wurde mir klar, dass das hier wirklich nicht mit europäischen Maßstäben zu erklären ist. Eine Abstellkammer wurde mir als „Schlafraum“ vorgestellt. Da könne immer einer zur Zeit sich mal für einen Moment hinlegen. Sehr gut, diese Matte auf dem Boden wirkte auch wirklich bequem. Also ich bin nun kein CS-Redakteur und kann das vielleicht nicht so übermäßig einschätzen, aber wenn dieses Team bei der CPL nix reißt, würde mich das schon verwundern.
Freitag und Samstag sind dann wieder Spieltage, ich schaue Matches, schreibe nach Möglichkeit was dazu und stelle dabei fest, dass mich das nach nun gut drei Wochen langsam langweilt. Abends gehe ich dann mit dem WEG Staff essen. Das Restaurant, welches wir besuchen, hat zahlreiche Stände, an denen man sich was zu essen holen kann. Unter anderem auch einen deutschen. So esse ich „Sausage with Rösti and Redkraut“. Zum Nachtisch ein Marmeladenbrötchen. Lustig war dann für mich persönlich noch, dass kaum das ich meinen ersten Bissen im Mund hatte, aus den Boxen ein fröhliches „Hu! Ha! Dsching – Dsching – Dschingis Khaaan“ tönte. Ich wurde zwar ob des spontanen Kicheranfalles ein wenig scheel angekuckt, aber das war es mir wert. Die Situation war einfach zu kurios: Um mich herum sitzen 50 Koreaner, die fleissig ihren Reis mit Stäbchen essen, während ich eine Bratwurst genieße und dazu Dschingis Khan von ebendieser Band höre. Wieso dieses Prunkstück des deutschen Liedgutes in diesem Restaurant lief, habe ich leider nicht herausfinden können.
Am Sonntag war dann nach zwölf Spielen wirklich mal Feierabend angesagt. Der Abend startete für mich gegen Mitternacht im Uncle 29, einer gemütlichen Bar. Dort nahm ich mit SaSe, ElakeDuck und QuiSh ein Abendessen ein. Das Gesprächsthema (wenn wir eins hatten): Warcraft 3. Standpunkt Duck: Cyclone ist imba. Standpunkt SaSe: Ist es nicht. Standpunkt Quish: „Well,…“ Wir reden über Ducks Matches gegen GoStop, das Halbfinale. Duck beklagt sich, dass alle guten koreanischen Orcs Freunde von GoStop sind und nicht mit ihm trainieren werden. SaSe isst ein Stück Apfel. Duck kuckt in die Luft und träumt laut davon, Nightelf zu nerfen. Das alternative Gesprächsthema: Warcraft 3 Szene. Wann läuft Ducks Vertrag aus? Bald. Wird er wechseln? Mal sehen. Danke, daraus mach ich jetzt einen Exklusivartikel.
Ganz bezeichnend war, dass am anderen Ende des Raumes Mark, Vesslan und DarK von NoA mit zwei koreanischen Mädels saßen, die sie irgendwie an der Bar aufgegabelt hatten. Sie lachten und scherzten, tranken Alkohol. SaSe und ElakeDuck bevorzugten Cola. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, am Nerdtisch zu sitzen.
Nach dem Essen trennte ich mich von meinen neuen Freunden mit einem herzlichen GG und machte mich mit der inzwischen eingetroffenen Meute aus anderen CS-Spielern auf in die Monkey Bar, wo der Alkoholkonsum deutlich günstiger war. Dort wurden manche auf mich aufmerksam und zeigten stolz ihre Deutschkenntnisse vor. Auch HeatoN sprach fast akzentfrei Deutsch. Er kennt jetzt sogar meinen Namen! Natürlich ist es albern, sich darüber zu freuen. Aber mal im Ernst: Welcher 16-jährige CS-Spieler träumte 2003 nachts nicht davon, einmal mit HeatoN zu sprechen? Haha, ich habs geschafft, ihr Opfer!!1111 Er ist sogar ganz witzig. Glaube ich. Er sprach dann schwedisch, mit Walle und Zet. Potti war zu Hause, spielte Poker, an vier Tischen gleichzeitig. Hat aber angeblich schon einen fünfstelligen Betrag gewonnen.
Mezzo, Teammanager von Serious-Gaming fiel mit seinem Vortrag „Meine Tante haben keine Brille“ leider durch den großen Deutsch-Test. Nachdem wir alle ein wenig aufgetankt hatten, machten wir uns auf, die Clubszene von Seoul zu stürmen.
Nach einer zwanzigminütigen Taxifahrt kamen wir schließlich im NB in Hong Dae an. Dort sprachen dann die mitgereisten Spieler besonders dem dunklen Tequila zu, mit einem Preis von 5$ der billigste Kurze. Na dann mal Prost. Sodann wurde auch getanzt. Mit Verlaub, manche sind dazu wirklich nicht geboren. Ein Wort zu den vielzitierten Frauen: Ja, die waren dort wirklich größtenteils schön anzuschauen. Auch die Bekleidung war teilweise äußert dürftig. Gegen 5 Uhr leerte sich der Club, die Mägen einiger Genossen waren dafür noch gut gefüllt. Man tat sich hervor, man tanzte, scherzte, lachte, umarmte Koreaner, deren Freundin man grade angetanzt hatte, umarmte die Türsteher, die einen rausschmeissen wollten. Das Leben ist schön.
Nun, ich sollte froh sein, dass ich an dem Abend einigermaßen nüchtern war. Mal eine kleine Zwischenfrage, geschätzte Leser: Was war das bisher Peinlichste, was euch in eurem Leben widerfahren ist?
Ich will euch meine kleine Geschichte erzählen: Stellt euch vor, ihr befindet euch in einem fremden Land, in dem Höflichkeit groß geschrieben wird und „Losing Face“ eine der schlimmsten Konsequenzen des eigenen Tuns ist. In diesem Land sprechen viele keine euch bekannte Sprache. Besonders nicht die Taxifahrer. Nun, in so einem Gefährt sitzt ihr gerade. Auf dem Beifahrersitz. Ihr seid auf dem Heimweg. Auf der Rückbank sitzen zwei euch flüchtig bekannte Personen. Der eine stark angetrunken, der andere heillos besoffen.
Auf Geheiß des Angetrunkenen stoppt das Taxi, der Besoffene beugt sich nach Öffnen der Tür zur Seite. Das Taxi fährt weiter. Der Besoffe lässt auf der Autobahn das Fenster herunter. Er beugt sich aus dem Fenster. Sitz, T-Shirt und Außenhülle des Fahrzeugs bleiben nicht unbefleckt. Ihr fahrt nach Hause, macht zwischendurch noch einige Stops. Nachdem ihr bezahlt habt, macht sich der Taxifahrer an eine Generalreinigung des Fahrzeuges. Der Angetrunkene lallt „He’s just drunk, man.“ Ihr wünscht dem Taxifahrer eine gute Nacht. Ihr tragt den Besoffenen ins Hotel.
Ich bin kurz danach auch Schlafen gegangen. Danke Jungs, toller Abend, gute Heimfahrt am Dienstag, hehe!
Bisherige Einträge:
Die Anreise
first contact
der erste Arbeitstag
Seoul bei Nacht und ‚fag day‘
der koreanische Alltag
Ich hab Heimweh – oder auch nicht
Die zweite Woche
Mit diesem Tagebuch würde ich gerne die ganze HZ Gemeinde inklusive Jens aka Dschingis-Khan und den ewig unzufriedenen Sumsa grüßen.