Nach einem überraschenden Turnaround gegen Ende von Spiel 3 und einem zunächst geradezu unmöglich scheinenden 3:2 Sieg nach 0:2 Rückstand gab es für JungHee Chun, im Internet besser als WE.Sweet bekannt, kein Halten mehr. Während hundert Hände versuchten, vom frischgekrönten Champion das beste Bild zu machen, konnte Sweet seine Tränen kaum zurückhalten. Seine Freude bahnte sich ihren Weg durch die Kanülen in der Augen- und Nasengegend und legte Emotionen frei, wie sie im eSport bisher selten zu sehen waren.
Besonders bei Sweet, der zuvor eher äußerst introvertiert erschien. Zwar ist das teilweise sicher auch auf seine marginalen Englischkenntnisse zurückzuführen, doch auch unter anderen Koreanern schien er immer einer von der stilleren Sorte zu sein. Der große, traurige Sweet. Der Undead mit dem Hundeblick war nur sehr selten mit einem Lächeln zu sehen.
Nach dem Spiel wurde im Rahmen der Pressekonferenz auch nach dem Grund für diesen Ausbruch gefragt. 20.000$ hin oder her. Um vor 4000 Menschen vor Ort und einem Vielfachen davon zu Hause vor dem PC seinen Gefühlen derart freien Lauf zu lassen, braucht es normalerweise mehr als nur einen schnöden Geldgewinn. Trotz Schwierigkeiten bei der Übersetzung wurde klar, dass seine Regung durch die nicht immer leichte Beziehung zu seinem Elternhaus zu erklären sei. Erneut unter Tränen berichtete Sweet, seine Eltern hätten sich schon bald nach seiner Geburt scheiden lassen und er habe zwischenzeitlich sogar in einem Heim wohnen müssen. Er habe nie die Gelegenheit gehabt, gut in der Schule zu sein, WarCraft sei lange das einzige gewesen, was ihm Spaß und vor allem Erfolg bereitet habe. Nun sei er überglücklich, endlich ganz oben angelangt zu sein.
Nach der Preisverleihung, die er dann wesentlich routinierter über sich ergehen ließ, stand Jung Hee noch lange auf der Bühne, schaute gedankenverloren auf die sich leerenden Ränge und konnte sein Glück kaum fassen. Verständich, wenn man bedenkt, wie groß die Leistungsdichte im asiatischen Raum ist und ein so großes Turnier zu gewinnen für ihn den vorläufigen Höhepunkt seiner Karrriere markiert.
Hier liegt doch ein riesiger Unterschied zwischen Deutschland und Korea: Während Miou nach dem Gewinn der EPS zwar kurz die Fäuste in die Luft reckt, sein blondes Haupthaar schüttelt und übers ganze Gesicht grinst, wäre wohl einen tränenreicher Ausbruch für ihn völlig undenkbar. Sieg oder Niederlage, das Leben geht weiter. Schule, Ausbildung, Studium. Nichts ist durch Sieg oder Niederlage gefährdet. Und beim nächsten Turnier sind die Karten neu gemischt. Anders bei Sweet. Für ihn ist WarCraft alles, was er hat. Er gibt offen zu, keine gute Schulbildung zu haben. Und beim nächsten Turnier gibt es zwanzig andere Spieler, die fast ebenso gute Chancen haben, zu siegen.
Ob so ein Lebensweg erstrebenswert ist, mag bestritten werden, doch für ihn war es offenbar der einzige Weg.