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Wenn Politiker von Medienkompetenz reden

Noch ist sie nicht gestorben, die politische Diskussion um „Killerspiele“. Die Grünen warfen zwar gerade noch einen Fraktionsbeschluss in die Runde, der jedoch außer der Spielepresse niemanden zu interessieren scheint und keinerlei gesetzgeberische Konsequenzen mit sich bringt. Wenn die große Koalition sich einig ist, beschließt sie ein Verbot. Die Zeiten, in denen vor einer solchen Entscheidung die Bündnis-Grünen konsultiert wurden sind vorbei. Doch die große Koalition ist sich alles andere als einig, ob sie wirklich ein Verbot von „Killerspielen“ anstreben will. Erst kürzlich bezeichnete die einflussreiche SPD-Bundespolitikerin Monika Griefahn den betreffenden Passus als „fahrlässig“. Im November äußerte SPD-Medienexperte und MdB Jörg Tauss gar verfassungsrechtliche Bedenken. Ein Verbot scheint aufgrund dieser schwierigen Gemengelage innerhalb der Koalition außer Reichweite, selbst wenn sich einzelne Fürsprecher für ein solches Verbot finden. Die voraussichtliche Abwendung des Killerspiele-Verbots wird die Diskussion über den politischen Umgang mit Spielen allerdings nicht beenden, sie wird ihr eine neue Richtung geben. In welche, das kann man erahnen, wenn man den Politikern genau zuhört.

Keine Äußerung über Computerspiele, die nicht darauf verweist, man müsse unbedingt Medienkompetenz vermitteln, zumeist Jugendlichen, Eltern und Lehrern. Die Message, die sich durchzusetzen scheint, ist, dass Computerspiele einen Wert haben, z.B. pädagogischer oder kultureller Natur. Es setzt sich die Ansicht durch, dass man von Computerspielen profitieren kann, sofern sie für die zutreffende Altersgruppe konzipiert sind. Das sind die Aspekte, die beim Begriff Medienkompetenz mitschwingen, die viele im eSport und in der Gamesbranche erleichtert aufatmen lassen. Man unterschreibt die Forderungen nach mehr Medienkompetenz, startet Kampagnen oder unterstützt bestehende. In der Hoffnung auf den Einstieg in einen Dialog mit der Politik, freundet man sich mit dem Gedanken an, den Institutionen bei der Vermittlung von Medienkompetenz zur Seite zu stehen. Und das obwohl der Gedanke, man müsse erst irgendwie geartete Kompetenzen erwerben, um mit Computerspielen umgehen und sie verarbeiten zu können, so absolut bescheuert ist, dass er sicher niemandem einfallen würde, der selbst spielt.

In Bezug auf das Internet und dessen gigantischen Informationsfluss kann ich es völlig verstehen, wenn man hier die Vermittlung von Kompetenzen an Heranwachsende fördern möchte. Den Umgang mit dem Internet muss man erlernen wie Studenten erst lernen müssen, wie man eine Bibliothek benutzt. Aber wie soll das bei einem in sich abgeschlossenen, auf emotionale Einbindung des Konsumenten abzielenden Computerspiel funktionieren? Clevere Gestaltung des User-Interface ist ein wichtiger Punkt im Design von Computerspielen. Ein guter Teil der Spiele ist für gelegentliche Spieler sofort zu durchschauen, selbst für Nicht-Spieler gibt es genug Produkte, bei denen sie sofort durchsteigen. Dem Volk beizubringen, wie man Computerspiele bedient und effizient nutzt, scheint mir mit Medienkompetenz vermitteln nicht gemeint.

Vielleicht umschließt der Begriff Medienkompetenz eher die Überlegung, dass man lernen muss, kritischen Abstand zu diesem Medium zu halten. Dass Computerspiele in Isolation führen können, weil Spieler von Spielen emotional mitunter zu stark eingenommen werden. Dass Spiele isolieren, weil den Spielern gerade online ein neues soziales Bezugssystem geboten wird, das mit dem Spielen verknüpft und darin eingebettet ist. Ein soziales Umfeld, das einen verführen kann, wenn man keinen kritischen Abstand dazu hält. Kritischen Abstand zu einem Medium, das einen zeitlich, sozial und emotional vereinnahmen kann. Ein Medium, das einem Jugendlichen falsche Handlungsleitlinien liefern könnte, mit potenziell tödlichen Folgen, wenn man ihm nicht beibringt, wie er es behandeln muss, bzw. wenn man ihm, seinen Eltern und seinen Lehrern nicht die Medienkompetenz vermittelt, die benötigt wird, um einen vernünftigen Umgang mit Spielen zu betreiben. Ein Umgang mit Spielen, der ihre positiven Seiten hervorkehrt und die gefährlichen unterdrückt, der der Gesellschaft hilft, statt sie zu gefährden.

Das Vermitteln von Medienkompetenz wirkt deshalb so attraktiv auf die Branche, weil es sich wie eine Problemlösungsstrategie darstellt, die Verkaufsverboten entgegenwirkt. Was die Politiker genau unter Medienkompetenz verstehen, bleibt allerdings vorerst ihr Geheimnis. Wie sie vermittelt werden soll, ist dagegen schon bekannt. Allerorten werden Schulen medial aufgerüstet, Lehrer im Umgang mit Computern geschult: Multimedialer Unterricht soll die Zukunft werden, die deutschen Schüler sollen dadurch den Umgang mit den neuen Medien lernen, offenbar nicht nur mit dem Internet an sich sondern auch mit Computerspielen. Hier werden Konzepte aus anderen Ländern geklaut und in das Konzept der Medienkompetenz gepresst. In Großbritannien beispielsweise werden Computerspiele in einer großangelegten Feldstudie als natürliche Lernmittel in ausgewählten Fächern eingesetzt, um im Unterricht vielfältige Fähigkeiten und Wissen zu vermitteln. Man geht davon aus, dass die Schüler mit dem Medium bereits vertraut sind, ihm positiv gegenüber stehen und es sich daher besser als andere Medien für den Unterricht eignet. Auf die Idee, dass man den Schülern vorher erst Kompetenzen beibringen müsse, oder dass dies eins der Ziele des Experiments sein könnte, kam dort keiner.

Wozu auch? Wenn man den ersten Spiele-Erfahrungen mit einer Schulung in Medienkompetenz vorgreifen möchte, wäre man heutzutage wohl schon im Kindergarten zu spät dran. Computerspiele sind ein Alltagsmedium, mit dem jeder unter 25 ausreichend Kontakt hatte, um es als das einzuordnen, was es ist: ein überaus spaßiges Hobby. Leicht zugänglich, sehr tief aufgrund der Auswahl an Spielen, nicht wirklich vergleichbar mit anderen Unterhaltungsangeboten. Und es bedient das Muster des Generationenkonflikts. Spiele sind ein Medium, zu dem ältere Leute nur Zugang zu finden scheinen, wenn sie zum einen offen für Neues sind und zum anderen die Zeit haben, Neues kennen und schätzen zu lernen. Gerade letztere Eigenschaft dürfte Politikern eher abgehen. Und so liest man in der aktuellen Stern-Reihe über prominente Spieler von Schauspielern, Fußballern und Musikern, nicht aber von Politikern. Wenn jemand wie Bundesverkehrsminister Tiefensee über Computerspiele in seinem persönlichen Umfeld berichtet, so beschränken sich die Erfahrungen zumeist auf die Beobachtung der eigenen, spielenden Kinder. Es liegt wohl auf der Hand, wer in einer solchen Politikerfamilie Medienkompetenz benötigen würde, sofern sie überhaupt jemand braucht.

Angesichts der grassierenden Unkenntnis über Spiele bei Politikern, der Bestrebungen bereits umfangreich vorgebildeten Jugendlichen im Unterricht den Umgang mit neuen Medien zu erklären und Aufklärungskampagnen a la „Schau Hin“, sollte Vorsicht geboten sein, wenn ein Politiker das Wort Medienkompetenz in den Mund nimmt. Wenn erstmal das Vermitteln von Medienkompetenz in Bezug auf Computerspiele auf der politischen Agenda steht, wird damit auch festgesetzt, dass Computerspiele etwas potenziell Gefährliches sind, für dessen Benutzung man bestimmte Kompetenzen benötigt.

Und bitte welche Kompetenzen möchte man vermitteln, die Jugendliche (und Erwachsene) davon abhalten beispielsweise der World-of-Warcraft-Sucht zu verfallen? Dass die beste Vermittlung von Medienkompetenz ein schwaches, soziales Umfeld ausgleichen, abfedern oder in irgendeiner anderen Weise beeinflussen kann, lässt sich durchaus anzweifeln. Wie könnte man denn das Suchtpotenzial eines MMORPG konkret entschärfen? Wohl kaum mit Warnungen oder aufklärendem Unterricht in der Schule – die Eltern sind gefragt. Dementsprechend will man den Eltern mehr Medienkompetenz vermitteln, in erster Linie indirekte zur Unterstützung der Erziehung. Die Eltern sollen lernen, worauf sie bei ihren Kindern achten müssen. Bei Kampagnen wie „Schau hin“ macht man keinen Hehl daraus, dass Spiele verheerende Wirkung auf Heranwachsende haben könnten, und leitet aus dieser Tatsache den Auftrag ab, Eltern aufzuklären und ihnen Ratschläge an die Hand zu geben. Dass die Branche da mitmacht, könnte mit einem schlechten Gewissen zusammenhängen.

Dass Rollenspiele ihre Konsumenten in eine Art Suchthölle führen können, hat man zumindest in der Szene durch WoW gelernt. Es gibt eine Menge Leute, die, selbst aus Sicht eines aktiven Online-Spielers, jede Vernunft in Bezug auf ihr Spielverhalten vermissen lassen. Irgendwann wird diese neue Entwicklung auch zu Politikern vordringen. Und was dann? Eine weitere Kampagne mit Fokus auf Suchtprävention? Michael Ballack zerrt in TV-Werbespots Kinder vom PC mit World of Warcraft weg auf den Fußballplatz? Vermutlich würde sogar jemand auf eine solche Idee kommen. Den Politikern wird an diesem Punkt klar werden, dass sie was Computerspiele angeht, nun mit einem akuten Problem konfrontiert sind. Wenn die Politik die Computerspieler weiter als Schutzbefohlene ansieht, wie es im neuen Jugendschutzgesetz den Anschein hat, wird sie erneut zu staatlicher Regulierung greifen. Bei der letzten Novellierung des Gesetzes führte der Bundestag verbindliche Altersstufen für Spiele ein. Der Zugriff auf bestimmte Spiele wird damit seither gewissen Altersgruppen verwehrt. Diese Beschränkung – und nicht die Vermittlung von diffusen Kompetenzen – wurde als Antwort auf das damals als akut angesehene Problem „Computerspieler laufen Amok“ gewählt.

Mittlerweile wendet sich auch die Wissenschaft dem Thema Sucht zu. Jahrelang hat er gegen Killerspiele gewettert, jetzt warnt Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Institut Niedersachsen vor „Verwahrlosung“ und Sucht verursacht durch Computerspiele im Allgemeinen. Und in dieser Debatte kann man ihm auch nicht ernsthaft kontra geben, es ist in der Tat ein Problem. Sicher nicht ein Problem aller Spieler, aber man kann nur schwerlich abstreiten, dass es Betroffene gibt. Während es bei den Killerspielen ein einhellig negatives Echo aus der Szene gab, sind die Kommentare zur Suchtproblematik zu einem guten Teil selbstkritisch und sachorientiert. Nachrichten auf deutschen und internationalen Szeneseiten dazu gibt es zuhauf, ihr Inhalt ist oft alles andere als erfreulich. Selbst wenn man die Meldungen aus Asien mit einer gewissen Skepsis verfolgt, kann man durchaus, auf den Gedanken kommen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir auch in Europa über ähnlich gelagerte Fälle berichten müssen.

Dass die Politik immer noch Vermittlung von Medienkompetenz heißen wird, wenn sie plötzlich nicht mehr auf die Vermeidung von Amokläufen sondern auf die Behebung eines akuten Suchtproblems ausgerichtet werden muss, darf man anzweifeln. Wahrscheinlicher ist, dass die Politiker dann einen neuen Bedarf an staatlichem Jugendschutz entdecken, den sie nicht mit einfachen Verkaufsverboten bedienen können, denn Online-Spiele sind nicht an deutsche Läden gebunden. An deutsche Gesetze müssen sich Publisher dennoch halten. Schon jetzt ist Deutschland ein unangenehmes Pflaster für die Spieleindustrie, so mancher Titel muss aufgrund der staatlichen Regulierungen außen vor bleiben oder „lokalisiert“ werden. Eher unfreiwillige „Lokalisierungen“, also ein Spiel für ein bestimmtes Land zu verändern, um es dort überhaupt auf den Markt bringen zu dürfen, müssen auch für China vorgenommen werden. Unter anderem auch, weil die chinesische Regierung sich Sorgen um die Volksgesundheit macht – aufgrund von exzessivem Spielen. Online-Rollenspiele dürfen ihren Benutzer dort nur noch sechs Stunden pro Tag in die virtuelle Welt lassen. Was sich wohl unsere Politiker für eine Problemlösung ausdenken werden?

  1. LlamaD #1
    eine kontraproduktive...
    hunter #2
    bist ein kluges kerlchen, affentod!

    btw wofür steht "MMORPG"? :)
    #3
    Schöner Artikel

    Das Thema ist extrem kompliziert und vielschichtig, allerdings sehe ich uns persönlich gerade auf einem relativ guten Weg. bzw. auf einem besseren als noch letztes Jahr

    Was Suchtpotentiale angeht, muss ich sagen: Ja, das gibt es, besonders in einem Game wie WoW. Wer das Gegenteil behauptet lügt schlichtweg. Ich verweise da nun mal auf ein Interview von mir, auf das die Reaktionen ziemlich heftig waren.

    www.wcg-europe.org/news172.htm

    Man muss die Entwicklung abwarten, aber ich halte es für notwendig die Medienkompetenz und eine differenzierte Betrachtung bei Spielen zu fördern
    #4
    hunter schrieb am 28.01. - 19:36:

    bist ein kluges kerlchen, affentod!

    btw wofür steht "MMORPG"? :)

    Massive Multiplayer Online Role Play Game
    CP3 #5
    langweilig :o
    TROLLERCOASTER #6
    #5

    100 euro darauf dass du ihn nach einem absatz nicht mehr gelesen hast. inhalt hat gute struktur btw
    knutwuchtich #7
    Knecht schrieb am 28.01. - 19:37:

    Was Suchtpotentiale angeht, muss ich sagen: Ja, das gibt es, besonders in einem Game wie WoW. Wer das Gegenteil behauptet lügt schlichtweg.

    True.

    Hab selber leider nen Freund der süchtig ist / Potential hat extrem abhängig zu werden :/
    bbb666 #8
    @Knecht:

    Dein Link führt bei mir leider zu keinem Interview.

    Ansonsten feiner Artikel!
    Heraklit #9
    Den Politikern fehlt die Kompetenz in Sachen Spielkultur. Von den ueblichen Fernseh-Talkrunden-Professoren die Frontal21 usw als legitimierende Werbeplattform fuer ihre "wissenschaftliche Meinung" benutzen sind sie schlecht beraten.

    Warum? Weil Politiker anderer Laender wie Finnland oder mancher US Bundesstaaten stattdessen stark auf die Spieleindustrie+Forschung setzen, was auch mit einer Wertschaetzung fuer die Spieleszene und die dazugehoerende Spielkultur ihrer Kinder und Enkel verbunden ist.

    Filme kommen aus Hollywood, unsere mal vorhandener Vorsprung in Sachen neue Antriebe oder Biotech ist laengst verloren, und jegliche Euphorie in Sachen Spieleindustrie bestimmt auch bald - und die uebernaechste Generation der Spiele aus Finnland.

    Die 68er Politiker bekommen nun langsam graue Haare, und das hinter jedem Computer in den Haushalten ihrer Waehler auch ein Gamer sitzt, bleibt ihnen verborgen. Wie denn auch wenn man "Killerspiele" als Instrument des Eigenmarketing missbraucht um damit die gedachten braven Buerger hinter sich zu schaaren, damit diese BILD-Zeitungs-gerecht ins Zimmer ihrers Nachwuchses stuerzen und die DSL Leitung aus der Wand reissen...

    Wenn die juengere Generation der Politiker sich ueber eine kompetente Behandlung des Themas zu profilieren versucht ist das uneingeschraenkt zu begruessen.
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