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The Cheat Report – Filmkritik

So stark wie „The Cheat Report“ endet, so schwach beginnt er. Die Anfangsmontage, die die Geschichte des Cheatens anhand von Epochen der Menschheitsgeschichte zeigt, ist schlicht geschmacklos. Der Kontext in dem beispielsweise die Hexenverbrennungen genannt werden, zeugt von mangelhaftem Einfühlungsvermögen. Die Montage reiht durchaus gute Ideen an absolut schlechte, was zumindest mir den Einstieg in den Film erschwerte. Wie man nur aus historischen Dokumenten und Zeichnungen eine beängstigende Verschwörungstheorie komponiert, hat erst vor kurzem der koreanische Film „Save the Green Planet“ eindrucksvoll vorgemacht, Schenks Version wirkt da wie ein blasser Abklatsch. Die Stimme von Joachim Kerzel kann hier einiges bereinigen, die Wortwahl leider nicht.

Der nächste Schock kommt mit den Szenen in einem historischen Bergwerk. In einer eindrucksvollen Location vernimmt man das unmotivierte lateinische Gebrabbel einiger jüngerer Schauspieler. Hier wird offenbar, welchen Drahtseilakt Regisseur und Drehbuchautor Daniel P. Schenk vollziehen muss. Seine Schauspieler, überwiegend Laien, müssen gewisse Plotpoints vermitteln. Schenk weiß ganz offensichtlich, wie er bestimmte Situationen in Szene setzen muss, nur Idealbild und Realität am Set gehen gerade bei Produktionen dieser Größe zwangsläufig auseinander. Manche Sachen gelingen einfach nicht perfekt, vor allem weil die Zeit zum Drehen durch diverse Faktoren begrenzt ist, und das merkt man nun mal als erstes an den Schauspielern.

Kleinere Ausrutscher wie die Lateinnachhilfeschüler lassen sich verschmerzen, doch wie sieht es mit den richtigen Sprechrollen aus? Gerade Mockumentarys stehen und fallen mit ihren Protagonisten. Und die erste Szene ist eine, die alles andere als einfach zu spielen ist. Der Schauspieler, ich vermute sein Name ist Andreas Gregorius, stellt den Anführer eines Cheaterkults dar. Mit seiner verschrobenen Perücke und krächzenden Stimme bekommt man es schnell mit der Angst zu tun, dass der Cheat Report nun auf unterstes Z-Grade Niveau abdriftet. Doch die Szene entwickelt sich nicht wie erwartet, Gregorius setzt zu einem fulminanten Monolog an, in dem er zunehmend zu seiner Rolle findet. Der unbedingte Mut zur Hässlichkeit verleiht der Darstellung ihre Stärke und zieht sich wie ein roter Faden durch den Film, und wird hier durch die Cheaterjünger deutlich. Der Monolog hat eine weitere Funktion darin, dass er den sprachlichen Rahmen absteckt, in dem sich alles weitere bewegt. Der hält sich auf niedrigem Niveau, das aber zumindest konstant.

Die Szene bietet daher einen idealen Einstieg in den Film. Man weiß ab dieser Stelle, welches Niveau geboten wird, und kann sich ganz darauf konzentrieren, mit welchen Raffinessen Schenk seine Story ausschmückt. Über den Feinsinn des Humors lässt sich streiten, das Herumreiten auf dem Wort Penis mag den einen infantil dämlich erscheinen, ist aber andererseits aus Szenehumor in Form von Zeichnungen und Audiofiles kaum noch wegzudenken. Gerade durch die älteren Darsteller verschafft sich Schenk dafür die nötige Legitimation, wie beispielsweise in der Psychoanalyse-Szene. Profane Jugendsprache ausgesprochen von älteren Herren ist witzig, das bewies zum Beispiel Eugene Levy in den „American Pie“ Filmen, und Schenk macht davon konsequent und ausgiebig Gebrauch.

Aber auch die jüngeren Schauspieler haben durchaus dankbares Material. Marcus Decker darf als PACT-Offizier in einen fanatischen Waffenaufzählungsmonolog abdriften, der genau im richtigen Moment eine Wende erfährt und statt peinlich zu wirken seine Pointe findet. Das soll nicht die schauspielerische Leistung schmälern, es ist eher eine Auszeichnung für Schenk darauf hinzuweisen, dass ein Großteil der Dialoge einem recht genauen Drehbuch zu folgen scheint. Sprache und Darstellung wirken meist natürlich genug, um bestimmte Punkte glaubhaft zu vermitteln. Dass ausgerechnet der von Alexander Roth gespielte Cheaterdealer stark improvisiert wirkt, kann einem, muss aber nicht, einiges über den Schauspieler verraten. In einer der besten Szenen des Films sieht man ihn in einer Tiefgarage seine Waren anpreisen. In grobkörniger, frontal beleuchteter Videoaufnahme lässt er seiner Fantasie freien Lauf und gibt dem Charakter durch Rückgriff auf diverse Drogenklischees erstaunliche Tiefe.

Eine weitere hervorragende Szene zeigt den Regisseur selbst als Opfer eines Cheaters, erst nur im Interview, dann auch im Spiel. In dieser Szene beweist er nicht nur Schauspieltalent sondern führt auch zwei der schönsten Stilelemente seines Films vor. Da wären zum einen die aufwendig inszenierten Ingame Szenen, in erster Linie aus Counter-Strike, die perfekt in die Handlung eingebettet sind. Für Schenk sind die Spielszenen keine bloße Referenz an den Beginn seiner Filmerkarriere sondern elementarer Bestandteil des Geschehens. In der Montage von traumatisiertem Opfer und der „Tat“ wird diese Stärke offenbar. Die Erzählung wird mit einer Präzision visualisiert, als ob die Szene vorgerendert wäre, was sie nicht ist – der Aufwand, das genau so mit echten Mitspielern hinzukriegen, dürfte enorm gewesen sein.

Ebenso präzise trifft die Filmmusik die Szene, Komponist Maurice Greder stellte sich beim Arrangement ganz in den Dienst des Gesamtkunstwerks und kreierte eine stimmungsvolle Untermalung, die nie aufdringlich oder kitschig wirkt sondern stets die Situation unterstützt. Er hat sich ganz offensichtlich von Hollywood-Scores inspirieren lassen, aber das tut dem Film nur gut. Die action-reiche Musik in den Schlussszenen bleibt besonders positiv in Erinnerung.

Die Gastauftritte von eSport-Stars wie Vo0 oder quick passen wunderbar ins Geschehen und ins Genre, denn keine Doku ohne Experten. Die beiden treten sehr professionell auf und können schauspielerisch gut mit den anderen Akteuren mithalten, zumal es bekanntlich am schwersten ist, sich selbst zu spielen. Faszinierend ist der Auftritt von plan-B, der gegen Ende in völlig unverständliches Gemurmel abdriftet. Die Kameraeinstellung und das Posieren des Teams für einen Fotographen vermitteln noch genau den richtigen Eindruck – von umjubelten Stars, die während einem Fotoshooting lockere Sprüche abgeben. Hier treffen gute Ideen auf amateurhaften Charme. Wie die Spieler reihum ihren Satz aufsagen funktioniert, auch wenn man merkt, wie ungewohnt es für sie ist. Eine derart lange Szene ohne Schnitt durchzuhalten stellt selbst Profi-Schauspieler vor eine harte Probe, wenn man am liebsten laut loslachen würde.

Sehr sympathisch ist die sicher bewusste Entscheidung, als Kamerateam nicht selbst in Erscheinung zu treten. Macher von Mockumentarys müssen sich immer entscheiden, ob sie selbst als Filmemacher im Film, den sie machen, auftreten wollen. „Forgotten Silver“, eine der Perlen des Genres, wäre ohne die Schauspielleistung von Peter Jackson als Regisseur und Entdecker kaum denkbar. Ein anderer Meister des Genres, Christopher Guest (Spinal Tap, A Mighty Wind), hält die Filmer seiner fiktiven Dokumentation bis auf gelegentliche Interview-Einwürfe aus dem Geschehen heraus, was ihn nicht daran hindert, die schrulligsten Rollen selbst zu spielen. Die Entscheidung für letzteren Weg prägt das Gesamtbild von „The Cheat Report“.

„The Cheat Report“ macht das, was er machen will, sehr gut. Die von geringem Budget und mangelnder Erfahrung bedingten Kritikpunkte sollten einen nicht davon abhalten, den Film zu genießen. Einzig der durchweg infantile Humor könnte für den ein oder anderen die Freude trüben. Man muss aber immer im Hinterkopf behalten, dass der Film eine Mockumentary sein möchte und nichts anderes. Ich glaube viele enttäuschte Zuschauer, die es ohne Zweifel gibt, hätten die Thematik Cheater gerne anders umgesetzt gesehen.

Man kann aber kaum bestreiten, dass Cheaten zumindest prinzipiell ein gutes Film-Thema zu sein scheint, das blitzt im „Cheat Report“ in diversen Szenen auf. Musikalisch gab es sogar eine Vorlage mit Jan Hegenbergs Cheater-Song, der auch im Film vorkommt. Die handwerklichen Fähigkeiten von Schenk sollte man ebenso wenig unterschätzen. Und dann im Abspann das Zitat eines nicht weiter genannten Team Managers eines prominenten deutschen CS-Teams: „I don’t think that this theme is a good idea to make a film of and to be honest I don’t think our guys want to talk about such a shit.“ Bei einer solchen Aussage kann man nur mit dem Kopf schütteln. Die Leistung, einen handwerklich hochwertigen Film auf die Beine zu stellen, verdient Anerkennung und Unterstützung. So gilt auch für die zahlreichen vernichtenden Kommentare, die man auf diversen Seiten lesen durfte: Einzeilige Aburteilungen von kreativer Arbeit, die Monate gekostet hat, sind grundsätzlich fehl am Platz. Niemand wird gezwungen den Film zu mögen oder über die vielen Anfängerfehler gnädig hinweg zu sehen. Aber genauso wenig wird niemand gezwungen, nur Negatives über den Film zu schreiben. Destruktive Kritik hilft keinem weiter.

Dass man sich einen anderen Film gewünscht hätte, kann man durchaus offen sagen. Ich glaube eine solche Diskussion ist den Autoren nur Recht, dient das Feedback so gewissermaßen als kreative Nahrung. Ich persönlich hätte mir mehr Realitätsbezug gewünscht. Das Leben schreibt doch immer wieder die schönsten Geschichten, gerade was Cheaten anbelangt gibt es einen reichen Fundus an Fällen. Die Situation rund um pro-gaming im vergangenen Jahr war definitiv filmreif. Man müsste ja nicht alle Namen und Vorfälle übernehmen müssen, aber man hätte ein wunderbares Grundgerüst für eine Story. So bleibt zu hoffen, dass vielleicht mal jemand einen der echten eSport-Krimis verfilmt. Vielleicht ja im letzten Teil von Schenks eSport-Trilogie.

Interview mit Regisser Daniel P. Schenk

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  1. matrixLe #1
    über die hexen sache konnte ich auch nicht wirklich lachen .. keine ahnung was die sich dabei gedacht haben
    bond #2
    dafür war das trojanische pferd mit der 32 mann routine um so besser ;)
    starComa.Tagan | MC_T #3
    bei dem plan-B Auftritt: "Eine derart lange Szene ohne Schnitt durchzuhalten stellt selbst Profi-Schauspieler vor eine harte Probe, wenn man am liebsten laut loslachen würde."

    Kleiner Tipp: Die Szene wurde mehrmals gedreht, die hat nicht auf Anhieb geklappt. Das ist übrigends bei allen Filmen so...keine Szene muss aufs erste Mal klappen, hat mit Profi-Schauspielern überhaupt nichts zu tun :-).
    fox #4
    am dienstag is bei uns kinotag. da kann ich mir jeden hollywoodfilm den ich will fuer 3,50 im grossleinwand-kino anschauen.

    wieso sollte ich mir so nen cheatreport auf meinem 17 zoll monitor bitte geben?

    und das auch fuer 3,50.

    mh

    versteh ich ned
    Pavi #5
    boa mc_T, wo hast du das insiderwissen her ?
    keith jarrett #6
    mulder viel spaß im kino heute abend! blöd wenn man ken geld hat wa? den Film habe ich noch nicht gesehn, die Kritik hat mich aber neugierig gemacht. Ach ja, der Tip von MC_T ist wirklich heiß oO
    mAgix #8
    cool mulder, bei mir kostet kino 8,50 :(
    RA_Feanor #9
    Ich muss sagen sehr schöne Kritik, die ich sehr ansprechend finde, nun kann ich mir eher ein Bild von dem Film machen, den ich nicht gesehen habe.

    Ich habe großen Respekt vor jemandem, der so ein Projekt privat auf die Beine stellt und sich von seiner Arbeit auch nicht abbringen lässt.

    Trotzdem scheint mir der Preis von 3.50€ doch etwas zu hoch und

    @rm|s0fa das hat mit Geld haben usw. nichts zu tun ich hoffe auf einen sinnvolleren Beitrag deinerseits beim nächsten Anlauf.

    mfg

    Feanor
    maddes #10
    also ich kann sagen, dass ich diesen ersten film von ihn super scheisse fand und einfach nur schlecht, langweilig sowie eintönig ... deswegen guck ich mir den zweiten bestimmt nicht an - und dann auch noch für geld, nein danke.

    cheat thema find ich auch äußerst uninteressant
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