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Die Inet-Only-Nation

Der elektronische Sport ist in Deutschland weit entwickelt und steht in vielen Bereichen an der Spitze, seien es professionelle Organisationen wie SK Gaming und mousesports oder große Ligen wie die ESL. Es gibt jedoch einen Bereich, in dem wir dem Rest der Welt hinterherhinken. Ob Osteuropa, Asien oder Amerika, überall spielen Internetcafes eine große Rolle, nur in Deutschland vermisst man sie nahezu gänzlich. Doch wie wichtig sind Internetcafes wirklich?

Hierzulande wird hauptsächlich auf Internettraining gesetzt, fast alle Ligen, darunter die ESL Amateur/Pro Series, die national als wichtigstes Turnier angesehen wird, werden größtenteils online ausgetragen. Im Ausland existieren hingegen zahlreiche Internetcafes mit eSport-Ausrichtung. Vor allem in Russland ist das Spielen aus einem Internetcafe – dort wird im Normalfall der Name Computerclub verwendet – sehr verbreitet. Tagtäglich versammeln sich Computerspieler in den mit 30-100 PCs ausgestatteten Clubs, von denen es alleine in Moskau rund 400 Stück gibt, und spielen mit- und gegeneinander.

Dabei geht es nicht nur um ein wenig Zeitvertreib, sondern um echten eSport: Viele Spieler spielen mit dem Ziel, besser zu werden und an Turnieren teilzunehmen, manche weniger ambitioniert als andere. Komplette Teams kommen regelmäßig und trainieren offline gegen andere anwesende Teams oder nutzen die Internet- leitungen für Onlinespiele. Viele Mannschaften spielen sogar ausschließlich in Clubs – Training hat einen ähnlichen Stellenwert wie beispielsweise Fußballtraining, es gibt feste Termine, an die man sich zu halten hat.

Die Hightech-Spielplätze sind speziell auf Spieler ausgerichtet, sie verfügen über gute Internetverbindungen, Gamer-Hardware und optimal konfigurierte Rechner. Doch nicht nur das Spielen selbst steht im Mittelpunkt, soziale Kontakte werden geknüpft und man kann sich privat kennenlernen. Ein Computerclub ist mehr als nur ein Ort, in dem man Computerspiele spielen kann, sondern ein Treffpunkt für Jugendliche. Die meisten Einrichtungen verfügen neben einem PC-Bereich auch über eine Bar, manchmal sogar Billiardtische und andere Aktivitäten. Nicht selten haben sie rund um die Uhr geöffnet, so dass langandauernde Bootcamps veranstaltet werden können. Übrigens verfügen gar nicht alle Clubs auch über einen Internetanschluss, es gibt tatsächlich einige, die ausschließlich auf Netzwerkspielen setzen und auf dieser Schiene gut zu fahren scheinen.

Doch nicht nur in Russland trifft man auf das Phänomen Internetcafe, auch in Asien erfreuen sich Computerhallen einer großen Beliebtheit. In Südkorea steht an fast jeder Ecke ein sogenannter PC Bang, der neben World of Warcraft auch intensiv für StarCraft – oder sogar WarCraft, Counter-Strike und andere Multiplayerspiele – genutzt wird. Auch in den USA haben Internetcafes einen recht hohen Stellenwert: Nicht nur, dass sie oft für Turniere wie beispielsweise die WCG-Prequalifier genutzt werden, unter dem Namen Cyber Square Alliance haben einige der anerkanntesten Internetcafes sogar eine eigene Turnierserie auf die Beine gestellt, die mit vierstelligen Preisgeldern lockt. In einem dieser Cafes, dem renomierten web2zone in New York, fanden die Vorausscheidungsmatches der CPL World Tour Finals, des wohl wichtigsten Turniers, das je stattgefunden hat, statt. Da die Entfernungen im drittgrößten Staat der Erde so oder so zu groß für gänzlich interregionale Teams sind, sind die meisten auch in einer bestimmten Gegend beheimatet, nur selten verirren sich Spieler zu Mannschaften von der anderen Küste – bei Entfernungen von bis zu 4500 Kilometern verständlich. Auch hier in Europa sind Internetcafes weit verbreitet. Gerade im Norden sind sie in der eSport-Landschaft fest verankert, die meisten Profiteams trainieren regelmäßig von dort aus, doch auch in anderen europäischen Nationen zeigen sie Präsenz.

Doch wenn man nach Deutschland blickt, sieht man nur wenige Internetcafes, für den elektronischen Sport scheint sich dort niemand zu interessieren. Warum ist das so? Die Gründe liegen scheinbar auf der Hand. Es besteht keinerlei dringender Bedarf an Internetclubs, jeder kann sich einen leistungsstarken Rechner und eine gute Verbindung leisten. Man kann problemlos von jedem beliebigen Ort in Deutschland aus mit Spielern aus dem ganzen Land zusammenspielen. Doch ob es wirklich daran liegt? Im Land der Zaren ist es heute durchaus möglich, sich einen PC zuzulegen und von Zuhause aus zu spielen, aber viele schätzen die Gemeinschaft und das Umfeld in den Clubs. Auf andere Länder wie Südkorea oder Skandinavien trifft dies ebenso wenig zu, also kann man es kaum an der sozialen Struktur festmachen.

Primär liegt es wohl daran, dass das wettbewerbsorientierte Computerspielen sich hierzulande so entwickelt hat, dass der geographische Standort keine Rolle spielt. Teams sind über das ganze Land verteilt und die Spieler haben häufig überhaupt keinen persönlichen Kontakt zueinander oder sehen sich nur sehr selten. Kein Team würde es in Kauf nehmen, stundenlang zu reisen, nur um gemeinsam im selben Raum zu sitzen und von dort aus zu spielen. Auch auf einem hohen Level wie der CS-EPS ist ein Ventrilo-Server der primäre Trainingsort aller Teams.

Dies ist schließlich darauf zurückführbar, dass es eigentlich nur in Deutschland eine Onlineliga gibt, die sich so etabliert hat, dass sie teilweise sogar die nationalen Qualifikationen für Großevents wie den ESWC oder die World Cyber Games untergehen. Es gibt keine Notwendigkeit für das Spielen im LAN, solange man nicht gerade die Teilnahme an einer CPL plant. Das Ziel der meisten Teams ist es, die EAS in Angriff zu nehmen, um sich für die ESL Pro Series qualifizieren zu können. Andere Online- und LAN-Turniere oder Turnierserien sind dabei untergeordnet, einige Teams lassen sich sogar nur selten auf Offlineevents blicken.

Besonders in Osteuropa liegt der Schwerpunkt dagegen auf Turnieren, die in Internetclubs stattfinden: „Inet Only“ undenkbar. Es gibt zahlreiche kleinere, unabhängige Turniere, die direkt von den Internetcafes organisiert werden. Fast jedes Wochenende finden Wettbewerbe statt, bei denen man sich ein bisschen Taschengeld dazuverdienen kann, und das, ohne sich erst monatelang durch eine Liga zu kämpfen. Anstatt einer EPS gibt es außerdem renommierte LAN-Ligen, wie die Kiev Cybersport League oder die neugegründete NPCL in Russland, die es von der Professionalität sogar durchaus mit der nationalen ESL-Vorzeigeliga aufnehmen kann.

Wenn es nicht möglich ist, nur mit Eigeninvestitionen und Sponsorengeldern für ein ansehnliches Preisgeld zu sorgen, kann man durchaus versuchen, die Prämie durch Teilnahmegebühren mitzufinanzieren. Die meisten kleinen Turniere leben von Startgeldern, die die Preisgelder und den Aufwand finanzieren. Damit wäre das Organisieren von Turnieren nicht nur eine gute Werbemöglichkeit, sondern auch ein lukrativer Nebenverdienst. Kleinere Qualifikationsturniere könnten ebenso problemlos in Internetcafes gespielt werden, man denke nur an die Pre-Qualifier für die KODE5 Germany Finals, die auf kleineren LAN-Partys gespielt wurden und dadurch kaum Beachtung fanden. Mit Sicherheit ließen sich Internetcafes also auch in die deutsche Veranstaltungslandschaft einbetten, so wie sie es in anderen Ländern geschafft haben. Gegebenenfalls ließe sich sicherlich auch das Regelwerk der Onlineligen dementsprechend anpassen, so dass es ermöglicht wird, beispielsweise EAS-Matches offline auszutragen.

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