Wenn man mal genau überlegt, fällt einem spontan keine Sportart ein, die nicht vor Publikum stattfindet. Wo auch immer Spitzensport stattfindet: Es sind Menschen dabei, die sich für den Sport interessieren und begeistern. Was z.B. wäre Fußball ohne die vollen Stadien?
Auch im eSport wird an das Publikum vor Ort gedacht: Beamer auf LANs, Friday Night Games der ESL, eSport im Kino…. Die Anzahl der Versuche, eSport als „Live-Sportart“ zu etablieren, sind zahlreich. Doch waren sie auch erfolgreich? Die Antwort ist vielschichtig, ein klares „Ja“ scheidet allerdings aus. Mit Grausen erinnert sich der eSport-Liebhaber an Events wie die deutsche ESWC-Qualifikation in München oder auch die GSL/WWCL-Finals in Hamburg, die immerhin im Stadion eines (noch-)Bundesligisten ausgetragen wurden. Zuschauer dort? Fehlanzeige. Jeder, der dort grad nicht die Maus in der Hand hielt, war irgendwie anders mit dem Thema befasst. Sei es als Presse, Freund eines Spielers oder Admin. Der eSport unter sich.
Die Friday Night Games sind da schon weiter: Sie ziehen regelmäßig 500 – 1000 Menschen in verschiedenen Großstädten vor die Leinwände. Damit haben sie selbst auf internationalem Niveau eine stattliche Größe erreicht. Doch ist das wirklich nur dem eSport zuzuschreiben? Eher nicht. Die ESL war schließlich nicht doof. Mit dem Freitag Abend wurde ein Termin gewählt, wo überdurchschnittlich viele Jugendliche ausgehen und mit einem Veranstaltungsende gegen 23.00 Uhr lässt es den Zuschauern noch genug Zeit, danach ihrem „Real-Life“ nachzugehen. Man muss weder ein Insider noch ein übermäßig genauer Beobachter sein um zu bemerken, dass iFNGs gerne auch gut moderierte Vorsaufevents mit Gratis-Shirts sein können.
Hat der eSport wirklich nicht mehr zu bieten? Wo sind die echten Fans, die echten Emotionen? Auf iFNGs kommen sie meist von denen, die zuvor ordentlich Gas am Glas gegeben haben. Sicher lustig. Wann folgt dann das erste iFNG im 17. Bundesland oder auf dem Oktoberfest? Hoffentlich nie. Nein, eSport ist mehr als das. Jeder weiß das. Doch warum kommt es live nicht so „geil“ rüber, um es mal salopp zu formulieren?
Weil man die Spieler nicht sieht. Jubeln und Anfeuern auf einem iFNG ist im Grunde nicht mehr als Emotionen vor dem Fernseher zeigen. Natürlich freut sich der Spieler über Sprechchöre, die ihn anfeuern und aufbrandender Jubel sorgt nur bei den kältesten Spielern nicht für Gänsehaut. Doch kriegen die Spieler etwas mit? Kaum. Sie sitzen seit jeher gut versteckt in Hinterzimmern, nur umgeben von Kameras und einzelnen Admins. Warum soll ich als Fan dann meiner Sympathie Ausdruck verleihen? Warum soll ich jubeln, singen, tanzen? Mein Idol merkt es doch sowieso nicht. Klar, auch „Public Viewing“ – um mal ein Unwort des Sommers aufzugreifen – hat seinen Reiz. Doch eSport ist zu jung und sein Publikum in Jubelsachen zu unerfahren, um voll zu funktionieren.
Dabei ist es ja nicht so, dass eSport völlig emotionsfreier Raum wäre. Zumindest im Bezug auf Counter-Strike, bei WarCraft ist da schon schwieriger. Aber jeder, der selber einmal Clanwars gespielt hat und das Spielen sogar ein bisschen ernst genommen hat, weiß das. Auf professionellem Niveau geht das noch weiter. Wenn wNv live spielt, dann ist das kollektive Ekstase. Spieler, Manager und Zuschauer werden zu einer uniformen Jubelmasse. Warum werden in Deutschland die Fans hier ausgesperrt? Die echten Emotionen des eSport werden auf dem Altar der Moderation geopfert. Gibt es da nicht einen Mittelweg?
Viele andere Events haben es versucht. Auf den WEG Masters 2006 gab es Cast, der aus Boxen drang, die von den Spielern abgewandt wurden. So hoffte man, das einzige chinesische Team (wNv) würde durch den Cast keine Vorteile haben. Nachweisbar war es nie, doch die Spieler, die des Chinesischen nicht mächtig waren, beklagten sich lautstark über die unfairen Wettbewerbsbedingungen. KODE5 versuchte es anders. Cast und Videoübertragung mit Delay, also asynchron zum Spielgeschehen, welches ebenfalls auf der Bühne stattfand. Zwar wurde das WEG-Problem dadurch beseitigt, doch Spannung konnte so nicht aufkommen, da man an den Reaktionen der Spieler schon problemlos das Rundenergebnis erkennen konnte, bevor es auf der Leinwand gezeigt wurde.
Die Problematik ist folgende: Wie bringe ich die Fans dazu, abzugehen? Wie schaffe ich dennoch faire Wettbewerbsbedingungen? Wie schaffe ich Kommunikation zwischen Fans und Spielern?
Als Königsweg galt lange Zeit eine Bühne mit schalldichten Glaskästen, die in der Anschaffung so teuer waren, so dass sie schon allein deswegen Heilsbringer sein mussten. Doch sie verkleinern die Problematik nur. Zwar kann der Spieler nun sehen, wie die Fans reagieren, hören kann er sie trotzdem nicht. So wird der Spieler zum Exponat einer Ausstellung, die sich eSport nennt. Auch nicht gut.
Was wäre nun, wenn die Spieler einfach so auf der iFNG-Bühne spielen würden? Kein Cast, keine Kompromisse. Im Fußballstadion wünscht sich auch niemand, Heribert Faßbender möge nun bitte aus den Boxen erschallen. Man kann mir nun entgegenhalten, dass das für Einsteiger zu kompliziert wäre. Klar, kompliziert wäre es. Dann fragt man eben nach. Jeder einigermaßen Kundige sollte das Prinzip von Counter-Strike in wenigen Sätzen erklären können. „Die da versuchen grade die Bombe zu legen, die da versuchen, das zu verhindern / sie zu entschärfen“. Außerdem wäre – wenn auch leiser als der Cast bisher – das zu hören, was die Spieler untereinander reden. Für Einsteiger zunächst unverständliches Kauderwelsch, doch die Anspannung, die dann auf der Bühne liegen würde, wäre auch für den 45-jährigen Papi greifbar, der seinem Sohn durch das Mitkommen einen Gefallen tun will.
Ich kann nicht beschwören, dass das funktionieren würde. Vielleicht braucht Counter-Strike ja auch den Cast, damit das Publikum überhaupt Emotionen zeigt. Vielleicht braucht der eSport ja die MadDogs, die nochmal um einen „Riesenapplaus“ bitten. Echter wäre auf jeden Fall die Bühne als Austragungsort. Ungefilterte Party zwischen Spielern und Fans. Und Arni kann dann auch endlich mal winken, wenn seine Fans wieder singen.