Die ersten Olympischen Spiele fanden vor mehr als 2500 Jahren statt. Schon damals erkannten die Griechen, wie wichtig ein exaktes Regelwerk ist, um die faire Austragung eines sportlichen Wettkämpfs zu gewährleisten. Immer wieder versuchten Teilnehmer, Lücken im olympischen Regelwerk auszunutzen und die Verantwortlichen mussten die Regeln ständig erweitern und Entwicklungen voraus sehen, um mögliche Umgehungsversuche von vorn herein zu unterbinden.
Auch im eSport lässt sich eine ähnliche Entwicklung verfolgen, jederzeit wird an den Regelwerken gearbeitet, um stets faire Rahmenbedingungen für die Wettbewerber zu schaffen. Häufig kommt es zu Diskussionen zwischen Veranstaltern und Teilnehmern oder die Teilnehmer verwickeln sich untereinander in einen Streit. Um in diesen, oft komplizierten Situationen klare Handlungsgrundlagen zu haben, wurden bereits vor einigen Jahren die ersten Regelwerke von Turnierveranstaltern veröffentlicht. Oft löste bereits die bloße Veröffentlichung eine heftige Diskussion aus und Regeln wurden nachträglich geändert oder präzisiert.
Die ESL hat als größte eSport-Liga in Europa auf diesem Gebiet wichtige Pionierarbeit geleistet und gewann gerade deshalb große Popularität, auch Sponsoren waren daher eher gewillt, große Summen zu investieren. Kaum ein anderer Ausrichter verfügt über ein ähnlich umfassendes und genaues Regelwerk. Die ESL Pro Series hat mit ihrem professionellen Anspruch und Ablauf wichtige Erfahrungswerte auf diesem Gebiet vermittelt. Es ist aber vor allem den tatkräftigen Schiedsrichtern zu verdanken, dass die ESL auch in online ausgetragenen Turnieren Preisgelder in bisher nie dagewesener Größenordnung auszahlen kann.
Der aktuelle Entwicklungsstand der ESL-Regelwerke von Counter-Strike und WarCraft 3 spiegelt sich im auf englischen verfassten Regelement der ersten Extreme Masters Saison wieder. Das Regelwerk ähnelt dem der deutschen ESL Pro Series stark, enthält allerdings auch einige Neuerungen. Gerade für die noch nicht EPS erfahrenen Teams aus dem Ausland ist sehr wichtig, sich mit den Regeln genau vertraut zu machen, damit es keine bösen Überraschungen gibt. Zu oft gab es bereits Streit um verbotene Positionen auf bestimmten Karten und auch das Benutzen von Fehlern im Spiel, erinnere man sich nur an die Partie zwischen aTTaX und Made in Brazil auf dem Electronic Sports World Cup diesen Jahres. Damals hat das eventuell absichtliche Benutzen des Flashbugs die Schiedsrichter vor eine schwere Entscheidung gestellt, bei der ein Team teilweise stark benachteiligt werden musste, da Regelwerke unvollständig oder ungenau waren. Leider ist der Abschnitt über das absichtliche Benutzen von Fehlern im Spiel aber fast genauso schwammig wie im ESWC-Regelwerk.
In dem entsprechenden Abschnitt heißt es: „Sollte ein Team absichtlich Fehler im Spiel benutzen, ist der Schiedsrichter bemächtigt, die Runde für das gegnerische Team zu werten.“ Es wird also nicht näher definiert, in welchen Fällen eine absichtliche Benutzung zu unterstellen ist. Allerdings ist es vorgeschrieben, nur die Karten, die im Extreme Masters Server Paket enthalten sind, zu verwenden. Dort wurden alle Flashbugs beseitigt, so das zumindest dieser Missbrauch nicht mehr möglich ist. Gleichzeitig ist die Liste der in den Extreme Master verbotenen Positionen überraschenderweise kürzer als in der Pro Series. Lediglich die verbotenen Positionen auf de_dust2 sind identisch mit denen der EPS. Offensichtlich wollte die ESL in diesem Punkt nicht von den international etablierten Regeln abweichen.
Eine rechtzeitige Veröffentlichung des Regelwerks reicht allerdings nicht aus, um sicher zu gehen dass alle Teams die Notwendigkeit der Regeln auch verstehen. Das hat auch die ESL erkannt und vorausschauend, wie in der deutschen EPS, auch für die Extreme Masters ein Spielerratsforum eingerichtet. Dort können alle Regelfragen geklärt und Meinungen zu eventuell vorzunehmenden Änderungen geäußert werden.
Eine offensichtliche Veränderung im Vergleich zum EPS-Reglement ist der Aufbau des Regelwerks, es wurde mit dem Gedanken, das Regelwerk noch verständlicher zu gestalten, vorgenommen. Ein wenig verwirrend ist allerdings, dass es keine spielspezifischen Regelwerke, sondern nur ein Gesamtwerk, welches Warcraft 3 und Counter-Strike Regeln umfasst, gibt.
Scheinbar hatte die ESL auch Sorgen, bestimmte Regelabschnitte könnten die Teams noch überfordern und vereinfachte jene. Ein Unterschied zur ESL Pro Series liegt zum Beispiel darin, dass jedem Spieler pro Saison ein einmaliges Wechseln des Teams erlaubt wird. Von einer Lockerung des Regelwerks zu sprechen, wäre allerdings verfehlt, denn gerade bei dem heiklen Thema Strafpunkte hat die ESL sogar noch strengere Regeln durchgesetzt. Darunter fällt die Einführung von zwei verschieden Strafpunktklassen.
In dem neuen Turnierformat wird es sogenannte bedeutende und unbedeutende Strafpunkte geben. Bedeutende Strafpunkte werden unter anderem für heftige Beschimpfungen während eines Spiels oder das Hochladen von beschädigten oder manipulierten Aequitas-Dateien gegeben. Unbedeutende Strafpunkte werden neben anderen Vergehen auf Grund von fehlenden Premium Accounts oder für das nicht termingerechte Einreichen von Spielerdaten verhängt. Wichtig ist, dass nur zwei bedeutende oder zehn unbedeutende Strafpunkte im Verlauf einer Saison zum Ausschluss aus dem Wettbewerb führen. Außerdem wird jeder bedeutende Strafpunkt mit einem Abzug von zehn Prozent des Preisgeldes geahndet, ein unbedeutender Strafpunkt führt zum Abzug von nur zwei Prozent der Preisgeldsumme. Sollte ein Spieler unter dem Einfluss von Drogen ein Spiel bestreiten, kann es ebenfalls zur Verbannung aus der Liga kommen, wie ein derartiges Vergehen jedoch nachgewiesen werden soll wird offen gelassen.
Konflikte wird es im eSport immer geben, die Kunst liegt darin, für beide Parteien eine zufriedenstellende Lösung zu finden. Dazu sind neben exakten Regelwerken natürlich auch unvoreingenommene Schiedsrichter von Nöten. Ob die Besetzung der obersten Posten, wie bei den Extreme Masters, mit ausschließlich deutschen, belgischen und einem österreichischen Referee eine unvoreingenommene Entscheidungsfindung in komplizierten Fällen sicherstellt, muss sich im Laufe der Saison zeigen.
Insgesamt scheinen die wirklich wichtigen Punkte im Regelwerk den geregelten Ablauf sichern zu können, ob dies wirklich der Fall ist oder ob es, wie schon bei den olympischen Spielen vor mehr als 2500 Jahren, zu Versuchen kommen wird, die aufgestellten Regeln zu umgehen, bleibt abzuwarten. Ganz auszuschließen ist es aber natürlich nicht.