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Wer den Göttern zu opfern vergisst

Mit dem Anspruch, das größte und professionellste Turnier der Welt des elektronischen Sports zu sein und das auch zu bleiben, veranstalteten die Organisatoren der World Cyber Games am vergangenen Wochenende das große Finale ihres diesjährigen Turniers, für das sich über 550 Spieler qualifizierten, im Autodromo Nazionale di Monza. Eine Mammutaufgabe, die, wie sich bei der Wahl der Location und einigen anderen Punkten zeigte, nicht komplett gelöst werden konnte.

Durchweg positiv ist das Turnier zunächst aus sportlicher Sicht zu bewerten: Egal welche Disziplin, sowohl die Klasse der Kontrahenten als auch die Spiele selbst waren durchweg gut, zum Teil sogar überragend. Dass dabei nicht jeweils die komplette Welt-Elite anwesend war, lag natürlich auch an den bisweilen sehr harten nationalen Vorausscheidungen. Aber gerade Spiele wie die zwischen NiP Gaming und hoorai oder Pentagram gegen Team NoA werden, wie auch das CS-Finale, noch lange in Erinnerung bleiben.

Mainstage

Mainstage

Problematisch war aber der Veranstaltungsort als solcher. Schnell wurde klar, dass der Bereich der Boxengasse der Rennstrecke von Monza zumindest für die Zuschauer eine Open-Air-Veranstaltung war: Sponsoren und Aussteller hatten Zelte aufgebaut oder sich in den Garagen von Ferrari und Renault eingerichtet. Auch die so genannten Cyberspaces, in denen unterschiedliche Spiele vor maximal ca. 100 Zuschauern auf Leinwänden gezeigt wurden, waren in diesen „Boxen“ aufgebaut. Um von Halle zu Halle bzw. von Zelt zu Zelt zu kommen oder die Freizeitaktivitäten wie Hüpfburgen, Autoscooter oder Kartbahn nutzen zu können, war ein Gang unter freiem Himmel jedoch unabdinglich.

Untypisch italienisches Wetter

Untypisch italienisches Wetter

Die Organisatoren legten ihr Schicksal also in Jupiters Hände. Mit Wohlwollen des römischen Wettergottes und strahlendem Sonnenschein hätten sich am Ende alle Beteiligten die Hände schütteln können. Doch Ende Oktober war allein die Wahrscheinlichkeit, dass es in Norditalien nicht mehr sommerlich sein würde, eigentlich Grund genug, sich gegen die Location zu entscheiden. Ob man es nun falschen Optmimismus oder Blauäugigkeit nennt, am Ende hatte Jupiter einiges gegen gutes Wetter einzuwenden und so waren drei Wettkampftage zumindest teilweise verregnet.

Einen elementaren Teil des Veranstaltungsgeländes stellte die große Hauptbühne dar, auf der täglich Spiele in Counter-Strike, WarCraft 3, FIFA, Quake und Starcraft gezeigt wurden. Die Bühne selbst war mit beeindruckender Lichttechnik und einer Tonanlage für Rockkonzerte ausgestattet, welche besonders bei abendlichen Partys und Konzerten zum Einsatz kamen. Schade nur, dass hier zumindest teilweise nur eine Hand voll Gäste anwesend waren. Auf der Bühne selbst wurde die Übertragung von Counter-Strike vor Zuschauern auf ein neues Level gehoben.

Die große Bühne bei Nacht

Die große Bühne bei Nacht

Beide Teams saßen nebeneinander, vor ihnen jeweils ein großer flacher Fernseher, auf dem im Format 16:9 die Ineye des Spielers zu sehen war. Hinter den Teams sorgte eine riesige Leinwand für die Hauptimpressionen. Hier wurde das schon auf dem ESWC erstmals genutzte System in einer noch einmal verbesserten Version genutzt: Links und rechts unten am Bildrand fanden sich die Spielernamen, nebst der Information, wie viele Frags ihnen bisher gelangen und welche Waffe bzw. Granate sie gerade benutzten. Genial: Der blaue bzw. rote Hintergrund, auf dem die Nicks standen, war gleichzeitig die Anzeige, wie viele Hitpoints noch übrig waren. So konnte erstmalig genau gesehen werden, ob und wie viel Schaden eine HE-Granate anrichtete oder wie effektiv das unerlässliche Schießen durch Wände wirklich war. Die Leistung der Spieler konnte so noch eindrucksvoller nachvollzogen werden. GIGA-Verantwortliche, die in Scharen vor Ort waren, werden neidisch mit einem „Das-will-ich-auch-wenn-Geld-keine-Rolle-mehr-spielt“-Blick hingesehen haben.

FlipiN muss sich warm anziehen

FlipiN muss sich warm anziehen

Die Spieler selbst hatten auf der Bühne aber ihre liebe Mühe mit den äußeren Bedingungen: Schien die Sonne, war die Sicht auf den Monitor automatisch eingeschränkt, das Klischee vom Kellerkind hat also irgendwo doch seine Berechtigung. Künstliches Licht ist zumindest Teil einer optimalen Spielumgebung. War es dagegen bewölkt und man wurde nicht unangenehm geblendet, so wurde es schnell unangenehm kalt. Nicht nur die Spanier von x6tence bekamen hier kalte Finger. Insgesamt war die Open-Air-Bühne im Oktober daher eine Fehlentscheidung.

Werbung für die WCG

Werbung für die WCG

Die World Cyber Games ein Publikumsmagnet, zu dem wie auf dem ESWC bis 3000 oder mehr Zuschauer gleichzeitig anwesend sind, war leider nur eine Utopie der Veranstalter. Dass dies erreicht werden sollte, konnte man alleine am Werbeaufwand sehen, der in und um Mailand herum betrieben wurde. Schätzungsweise im hohen fünfstelligen Bereich investierten die Verantwortlichen alleine in Plakate und riesige Banner, die jeweils zu dutzenden über die Hauptverkehrsstraßen in der Stadt gespannt wurden. Doch auf dem Gelände selbst waren die Spieler, Sponsoren, Organisatoren und Journalisten lange Zeit fast nur unter sich. Noch am Samstag wurde das Hauptspiel des Tages auf der großen Bühne von gerade einmal 100 Leuten angeschaut, 90% von denen hatten einen sie als Nichtzuschauer auszeichnenden Ausweis um den Hals hängen.

Dass ein Zusammenhang zwischen dem Wetter und der geringen Zuschaueranzahl besteht, liegt auf der Hand. Der Italiener ist nicht dafür bekannt, mit stoischer Gelassenheit jedes Wetter in Kauf zu nehmen und trotzdem in kurzen Hosen das Leben zu genießen. Ganz im Gegenteil, beim ersten Anzeichen, dass die Temperaturen unter die 30-Grad-Marke fallen könnten, haben die ersten Signoras und Signorinas bereits ihre Pelzmäntel in der Hand. Dementsprechend verständlich war, dass es nur sehr wenige trotz des Wetters bis nach Monza schafften. Wahrscheinlich waren die meisten echten Zuschauer ohnehin ortsansässig.

Hinzu kommt, dass es in Italien ein nur sehr kleines potenzielles Publikum für eSport gibt. Dies schmälert die Zahl der möglichen Zuschauer schon einmal enorm. Doch auch die Mailänder, die gerne nach Monza gefahren wären, hatten es nicht leicht. Eigentlich gab es zwar ausreichend Shuttle-Busse, die aus verschiedenen Orten in Mailand zur Rennstrecke fuhren. Nur konnte niemand wissen, wo genau diese Orte waren. Denn weder im Presseguide, der ansonsten die Sponsoren und deren hochwichtige Carom-3D-Spiele detailgenau beschrieb, stand etwas hierüber, noch konnte irgendwer am Veranstaltungsort Auskunft darüber geben, wann und wo die Busse denn nun starteten. readmore.de brauchte an machen Tagen zwei Stunden, um auf dem kürzesten Weg vom Mailänder Hauptbahnhof zum Autodromo zu kommen. Dass dies die Mailänder nicht auf sich nehmen wollten, ist nur allzu leicht verständlich.

Bedenkt man nun, dass die Veranstalter ein Budget von ca. 6,5 Millionen Euro zur Verfügung hatten, so fehlt das Verständnis für die Wahl des Veranstaltungsortes. Der Gedanke, die Eröffnungs- und Abschlusszeremonie an der Ziellinie einer der berühmtesten Rennstrecken der Welt stattfinden zu lassen, ist zwar sehr verlockend. Dabei aber die praktischen Dinge so sehr aus den Augen zu lassen, war fahrlässig. Vielleicht war den koreanischen Verantwortlichen nicht bewusst, dass nicht ganz Italien durchgängig von strahlendem Sonnenschein überflutet wird. Doch am Ende zählt nur das Ergebnis. In diesem Punkt waren die World Cyber Games nicht das professionellste Turnier der Welt des elektronischen Sports. Um den eigenen Ansprüchen wieder gerecht werden zu können, müssen die WCG vielmehr im nächsten Jahr wieder einen entscheidenden Schritt nach vorne machen.

  1. icQN #1
    die nächste wcg findet bestimmt im giga studio statt
    klexr #2
    #1 hehe

    da scheint ja immer die sonne :D
    RA_Feanor #3
    Die nächste WCG ist in Seattle und wird hoffentlich wieder in einer Halle stattfinden! Artikel kann man ansonsten so stehen lassen, bringt es ziemlich gut auf den Punkt.

    mfg

    Feanor
    AEQUITAS #4
    2008 in der kölner messehalle und ich bin dabei ^^
    raeque #5
    ganz gut zusammengefasst
    #6
    ich find die Kritik am Wetter etwas zu extrem, weil das, in diesem Artikel, ja das kompletturteil massiv beeinflusst. Die Spieler auf der Bühne sollen sich mal nicht so anstellen. Sowas gehört dazu wenn man wirklich professionell spielen will. Wie heißt es so schön "wer pro sein will muss leiden". Ein Fussballer kann sich das Wetter auch nicht aussuchen. Ein wahrer Sieger muss mit allen Umständen zurecht kommen.

    Und kontrollieren kann man das Wetter wohl auch sehr schwer, geschweigedenn vorhersagen. Wie oft hat mir morgens schon der Radiosender ein Regenrisiko von 2% und 20° Sonnenschein vorhergesagt, während ich durch den Regen fuhr und die Heizung auf Maximum gestellt habe.

    Nehmen wir z.b. WCG Singapur. Da hat man eigentlich mit WESENTLICH mehr Regen gerechnet, weil es auch so angekündigt war, aber letztendlich war es zu 98% sonnig und hat nur 2-3 mal in der Nacht geregnet.

    Das Wetter ist halt ein unkalkulierbarer Faktor. Wenn man den überall so extrem wie hier dargestellt einbeziehen würde, dann hätten wir bald nur noch Events in geschlossenen Bauklotzhallen ohne jeglichen Charme.
    Kelrak #7
    Aber mitten im Oktober eine Open-Air Bühne aufzubauen find ich schon extrem, man muss doch in der Jahreszeit damit rechnen dass das Wetter schlecht ist. Als Zuschauer hätte ich keine lust mich in die Kälte zu setzen. Dein Vergleich mit dem Fußball kann ich nicht ganz nachvollziehen, Fußballer haben keine andere Möglichkeit als draußen zu spielen. Anders die E-Sportler, war zwar nicht vor Ort aber es gab sicherlich eine möglichkeit die Angelegenheit anders zu regeln.
    csc #8
    Also der eine oder andere Punkt ist sicherlich berechtigt, aber ich meine dennoch, dass hier wieder das Haar in der Suppe gesucht wird :)

    Die Idee das als Outdoor Veranstaltung zu machen und das ganze im warmen Italien, ist sicherlich mal was neues und auch ein weiterer Schritt, weg von den dunklen Räumen mit künstlichen Licht, Gedrängel, schlechte Luft und ohne Fenster zu gehen. Salopp bemerkt, sollte es den eSports salonfähiger machen und das geht nur so als breite und öffentliche outdor-mega Veranstaltung, wie Konzerte etc. Hätte die Sonne bischen mehr geleistet oder wären paar Regentropfen weniger vom Himmel gefallen - Alle wären super zufrieden gewesen. Die Location als solche war zudem auch mal was neues, wenn gleich der eine oder andere Raum oder das eine oder andere Zelt besser hätte aufgestellt bzw. angelegt sein können.

    Der Stau bzw. der Weg selber zur Location hin war bekannt und auch einkalkulierbar. Dennoch findet jeder die Rennstrecke, weil es quasi das einzige Symbol der Stadt ist. Buse fuhren auch, aber da gab es wohl Probleme mit der Kennzeichnung dieser.

    Ansonsten meine ich, dass trotz dieser zwei Faktoren ( Wetter und Anfahrt ) das ganze Event vernünftig und relativ gut umgesetzt wurde.

    Und was die Zuschauer angeht, das ist Wetter, Laune- und PR Abhängig. Da kann man nichts machen... Ausserdem war das Event sicherlich nicht darauf ausgelegt, dass 20.000 Leute vor Ort sein sollten. Am Wochenende und dem Finaltag war es doch okay...

    Gruss,

    Conrad / csc
    #9
    naja kelrak, wir hatten freitag auch in ganz Deutschland mal nen super heißen Tag. So ist das Wetter halt. Vorletztes Jahr war ich in Italien in Urlaub im Oktober und das Wetter war bombig. Fussballer können auch durchaus drinnen spielen in modernen Stadien ;) Der Vergleich sollte aber auch eher dazu dienen klar zu machen, dass ein Profi sich halt dem Turnier anpassen muss und nicht umgekehrt.
    yoh #10
    Als ob es lange nichts geben würde zwischen einer solchen Freilichtbühne und einer miefenden Fabrikhalle, also bitte.

    Ich denke auch nicht, dass bei besserem Wetter viel mehr Zuschauer gekommen wären.

    Etwas anderes sind aber die Bedingungen für die Spieler. Einfach zu sagen, dass sich die Spieler an die Bedingungen anzupassen haben, weil sie schließlich Profis sind, kann sich auf lange Sicht auch ein Event wie die WCG nicht erlauben und damit macht man es sich auch etwas zu einfach. Dass der Fußball-Vergleich da mal wieder enorm hinkt, sollte klar sein.
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