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Der Preis der Balance

Seit mehreren Jahren nun verfolge ich aktiv die Warcraft 3-Szene. Etwas, was mich dabei seit dem ersten Tag begleitet, ist die altbekannte Balance-Diskussion. Dabei habe ich zu keinem Zeitpunkt eine völlige Zufriedenheit innerhalb der Community erleben können. Das Gegenteil war der Fall. Balance- bzw. Imba-Diskussionen wurden verbissen und manchmal mit überzeugenden, meist mit weniger plausiblen Argumenten in den Matchkommentaren, in extra dafür erstellten Threads oder unter News geführt. Ich möchte nun auch gar nicht auf die verschiedenen Argumente eingehen sondern stelle eine andere, viel grundlegendere Frage:
Kann jemals eine universelle Balance erreicht werden?

Die meisten Diskussionen rund um das Thema Balance beruhen auf Spielen zwischen Spielern auf Pro-Niveau. Wenn nun Nachtelfen überproportional oft gegen Orcs gewinnen, stimmt anscheinend etwas mit der Balance nicht. Rufe nach Patches, welche diese Imbalance beheben sollen werden schnell laut.
Abgesehen davon, dass oft kein Eingriff seitens Blizzard notwendig ist, da sich das Spiel nach einem bestimmten Zeitraum oft selbst ausbalanciert, bleibt noch die Frage, ob ein Eingriff überhaupt erstrebenswert ist.
Falls es Blizzard schaffen sollte, das Spiel so auszubalancieren, dass es auf Pro-Niveau eine vollständige Rassengleichheit gibt (wobei dann natürlich auch die Maps modifiziert werden müssten) bedeutet dies mitnichten, dass das Spiel auch für den Otto-Normal-Spieler ausbalanciert ist.
Ich möchte sogar so weit gehen uns behaupten, dass es immer nur einen (mehr oder weniger guten) Kompromiss geben kann, das Spiel aber nicht für alle Spielerschichten ausbalanciert sein kann.

Der Grund dafür ist ganz einfach, dass die „Pros“ deutlich mehr Möglichkeiten besitzen das Spiel zu gestalten und das ganze Potential einer jeden Einheit(-enkombination) auszuschöpfen, da sie sich in ihrem Micro, ihrem Macro, ihrem Timing sowie anderen Fähigkeiten von schwächeren Spielern deutlich abheben.
Als Beispiel möchte ich hierzu die Mass-Talon-Taktik anführen, welche nur wirklich effektiv ist, wenn sie sehr gut durchgeführt wird, wobei ein exzellentes Timing sowie viel Spielverständnis und ja, sogar Micro notwendig ist, sprich, auf niedrigem Niveau ist diese Taktik weitaus weniger stark. Eine Abschwächung der Talons oder ein anderer Eingriff, welcher dazu führte, dass die besagte Taktik abgeschwächt wird könnte nun möglicherweise die richtige Entscheidung auf Pro-Niveau sein, auf einem niedrigerem Niveau jedoch hat dies zur Folge, dass Talons noch schwerer zu spielen sind, es führt also keineswegs zu einer besseren Balance.
Genauso verhält es sich mit anderen Spielelementen wie z.B. dem Staff der Nachtelfen, anderen Taktiken wie den Towerrushs bzw. -pushs der Human-Spieler oder einigen Helden, wie dem DH.

Nun muss in Betracht gezogen werden, für wen Blizzard das Spiel optimieren möchte. Auf der einen Seite steht eine große Menge an Hobby-Spielern und auf der anderen Seite steht eine relativ kleine Menge an professionellen Spieler. Eine perfekte Balance auf niedrigem Niveau führte wahrscheinlich zur deutlichen Senkung der Attraktivität des Spieles auf Pro-Niveau, während eine perfekte Balance auf Pro-Niveau das Spiel für den Hobby-Spieler uninteressanter macht, zumindest was das eigene Spielen anbelangt, da das Zuschauen bzw. Mitverfolgen von Spielen auf Pro-Niveau durch perfekte Balance interessanter werden dürfte. Blizzard muss deshalb viel Wert auf Balance auf Pro-Niveau legen, ohne jedoch die Balance für den Rest der Spielergemeinde außen vor zu lassen. Die einzige Lösung ist deshalb ein Kompromiss durch welchen so gut wie ausgeschlossen ist dass es zu einer universellen Balance kommen kann.

Jeder der also nach Veränderungen im Spiel ruft, sollte sich also über die Folgen die eine solche Veränderung für ihn mit sich bringt im Klaren sein.
Es bringt meiner Meinung nach nicht viel sich Veränderungen im Spiel zu wünschen, es könnte sich gar als kontraproduktiv für das einzelne Individuum herausstellen. Des Weiteren sollten wir den Traum einer universellen Balance beiseite legen und uns mit der jetzigen Situation abfinden, womit ich natürlich nicht sagen möchte, dass Änderungen an bestimmten Stellen nicht noch zu einer Verbesserung der Gesamtsituation führen könnten. Aber seien wir mal ehrlich: Wäre das Spiel nicht auch langweiliger, wenn alles perfekt wäre und es nichts mehr gäbe, worüber man sich streiten könnte?

Verfasst von p0mbaer.

  1. VasuLief #1
    hmm der artikel gibts gute punkte zum nachdenken find ich.
    Bernie #2
    These: das Spiel ist auf noob-niveau perfekt ausbalanciert, das merkt aber keiner da sich jeder zum einen an den pros und deren spielen orientiert und zweitens kann der nub aus der ladder eben ja unmöglich besser gewesen sein als ich...
    karltoffel #3
    Kann man zustimmen.

    Bzgl. des letzten Satzes, es gab vor ner Zeit einen Artikel von GotFrag/GGL oder so, weiß ich nicht mehr genau, der im Prinzip sogar behauptete, dass perfekte Balance einem Spiel eher schaden würde, da es, wenn es keine 'Imbalances' gibt, die man verhindern möchte, keinen Anreiz gibt, die Rolle des aktiveren Spielers zu übernehmen.
    schlumpf #4
    hmm.. also ich glaube nicht dass sich das spiel auf pro niveau und normalem niveau so drastisch unterscheidet wie du hier anbringst. die these ist ok zum drüber nachdenken aber am ende des tages stimmt sie nicht. man könnte es sogar noch viel extremer darstellen :

    die pros schaffen es durch ihr timing und micro/macro ein großteil der imbalance auszugleichen, auf noob niveau ist diese also noch viel mehr vorhanden. aber da ich keine lust verspüre heute einen solchen text zu schreiben überlasse ich das jemand andrem :) trotzdem schön verständlich geschrieben und ein guter ansatz pombär
    oNe_sh0t #5
    ich glaube auf niedrigem niveau ist NE viel stärker, da man einfach bären a-click machen kann und gegen schwache spieler gewinnt, da man mit dem staff-of-non-micro, wie der name schon sagt, RELATIV wenig micro braucht
    Sol #6
    es gibt keine perfekte balance, dann müssten alle rassen die gleichen einheiten haben.
    p0mbaer #7
    #4: Reicht nicht schon ein kleiner Unterschied aus, um meine Theorie zu rechtfertigen?

    Und wie du zu deiner These kommst, dass Pros die Imbalance durch ihre Fähigkeiten ausgleichen, ist mir sehr fraglich. Es mag sein, dass dies bei manchen Spielelementen der Fall ist, jedoch könnte man genausogut behaupten, dass Pros durch ihre Fähigkeiten eine vorhandene Imbalance besser auszunutzen wissen.

    Auf eine mögliche These, dass dies zu einem Gleichgewicht führen könnte, möchte ich jetzt gar nicht eingehen, da sie nicht bzw nur sehr schwer belegbar ist, aber natürlich nicht undenkbar.

    #5: Auch ich habe die meisten Probleme mit NE aber ich möchte mir gar nicht ausmalen, was passierte, falls NE so stark abgeschwächt würde, dass es auf meinem Niveau gebalanced wäre...
    DoKa #8
    Netter Artikel, gute Ansätze zum Nachdenken und auch guter Schreibstil :)

    Zur Thematik: ich kenne mich zwar nicht so gut mit SC aus, habe aber schon häufiger mitbekommen, dass das Spiel sehr viel ausbalancierter ist als WC3 und somit denke ich, dass eine gute Balance schon erreichbar ist :)
    ErrorFunction #9
    100% disagree zur von dir vertretenen meinung.

    ich erlebe es eigentlich immer so dass die von den pros eingeführten imba takken auf midskill niveau (noob niveau würd ich mal für das unwichtigste halten) 100fach kopiert werden und da meist genauso effektiv und vernichtend sind. wenn ich noch wc3 spiele spiel ich meistens random und verlier warhsch. 80% der spiele mit orc geg ne wenn der talons macht und gewinne 80% der spiele mit ne gegen orc wenn ich talons mach und das bei ca gleichem skill. ich finde das wc3 leider wirklich auf beiden ebenen (pro und middle skill) relativ gleich schlecht balanced ist und da blizz auch nich gewillt zu sein scheint da dran noch irgendwas zu ändern kann ich wohl auch nur noch auf sc2 hoffen :(
    MastiTheReal #10
    Tragedy schrieb am 09.06. - 20:05:

    Netter Artikel, gute Ansätze zum Nachdenken und auch guter Schreibstil :)

    Zur Thematik: ich kenne mich zwar nicht so gut mit SC aus, habe aber schon häufiger mitbekommen, dass das Spiel sehr viel ausbalancierter ist als WC3 und somit denke ich, dass eine gute Balance schon erreichbar ist :)

    in SC gibt es nur 3 rassen, keine heroes und keine items. WC3 ist einfach zu komplex, um es wirklich fair fuer alle zu machen.

    Ich geb dem Threadersteller 100%ig recht. Frueher hab ich wohl so ziemlich jedes match gegen orc verloren ( ich HU), ganz einfach, weil diese bloeden 2000hp grunts meine footies zerlegt haben und ich keine chance hatte dagegen etwas zu tun. Mit nem bissal micro siehts das schon wieder anders aus. Damals hab ich auch gegen nen DK only meinen AM verloren ;) Wenn ich mir jetzt vorstellen muss, mit Archern gegen grunts kaempfen zu muessen, stell ich mir das mit wenig micro recht frustrierend vor.

    Sind sicher extreme beispiele, aber man merkt schon, dass sich mit dem niveau auch die balancefrage veraendert.
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