Vor wenigen Tagen gab die WCG Deutschland die tiefgreifenden Änderungen für das Auswahlverfahren im Bereich Counter-Strike bekannt. Statt, wie zuvor, ein schon bestehendes Team auf das große Finale zu entsenden, soll in diesem Jahr eine Qualifikation stattfinden, mit dem Ziel, die fünf stärksten Spieler des Landes als wirkliches Nationalteam zu formieren. Dies soll die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und den Managern dieses neuen Teams die Möglichkeit geben, aus allem zu schöpfen, was die deutsche Counter-Strike Szene zu bieten hat.
Gerade zu diesem wichtigen Event gehen die Meinungen zu den Änderungen weit auseinander: Während der Teammanager der a-Losers, Daniel „Graphix“ Toretti, diese Entscheidung als einen weiteren Schritt zur Professionalisierung des eSports in Deutschland ansieht, antwortete der Clan Alternate aTTaX, seines Zeichens heißer Favorit auf den Sieg der diesjährigen EPS Saison, mit einem klaren Contra, indem die Spieler einstimmig entschieden, nicht an der Qualifikation teilzunehmen. Der Grund ist simpel: Mitten in der Saison könne es sich das Team nicht leisten, mehrere Wochen ohne gewissenhaftes Training zu vergeuden, um sich mit den anderen Nominierten für die Grand Finals einzuspielen.
Damit wurde dem Nationalteam schon ein wichtiger spielerischer Eckpfeiler genommen, schließlich würden ansonsten Spieler wie mooN oder roman mit großer Wahrscheinlichkeit im Aufgebot stehen und eine wichtige Rolle innerhalb des Teams übernehmen. Dieser Aderlass ist schwer zu kompensieren, zumal maximal zwei Spieler pro Clan im Nationalteam vertreten sein dürfen und es neben Mousesports und aTTaX eher mau aussieht, was internationale Konkurrenzfähigkeit angeht.
Des Weiteren stellt sich die Frage, ob ein zusammengewürfeltes Team aus den besten deutschen Spielern, das laut dem deutschen WCG Organisator Thomas von Treichel bessere Chancen auf Medaillen hat, innerhalb von drei Wochen ein Niveau erreichen könnte, das dem von fünf eingespielten Teamkameraden nicht nur in Nichts nachsteht, sondern es auch so weit übertrifft, dass der Anspruch auf einen Podiumsplatz gerechtfertigt ist. Schließlich geht es in Counter-Strike nicht nur darum, möglichst starke Einzelspieler zu haben. Als bestes Beispiel kann wiederum Alternate aTTaX dienen, die gezeigt haben, dass auch ein auf dem Papier schwächeres Aufgebot in der Lage ist, mit dem richtigen Teamgeist und guter Stimmung an der deutschen Spitze zu stehen, obwohl Mousesports zu Beginn des Jahres mit Namen aufwarten konnte, die an vergangene, glorreiche Zeiten erinnerten.
Dass Mixteams aber auch erfolgreich gegen eingespielte Clans bestehen können, zeigte das „Wintermärchen“, als aTTaX mit zwei, zugegeben sehr starken, Ersatzspielern und wenigen Tagen Training die WSVG Finals für sich entscheiden konnte und damit einen der größten deutschen Siege auf einem internationalen Turnier besiegelte. So zeigt sich, dass beide Entwürfe, sowohl das alte, als auch das von der WCG neu konzipierte Qualifikationssystem, Aussichten auf Erfolg haben.
Oder hätten. Essentieller Bestandteil wäre eine innerdeutsche Einigkeit, um wirklich das stärkste deutsche Team auf die Grand Finals zu schicken und somit die nationale Szene bestmöglich zu repräsentieren. Die Gründe, die aTTaX aufgeführt hat, klingen einleuchtend, vor allem in finanzieller Hinsicht. Trotzdem bedeutet diese Entscheidung einen Rückschlag, da dem deutschen Team wichtige Größen fehlen werden und ein gutes Abschneiden somit deutlich schwieriger zu bewerkstelligen sein wird. Man kann niemanden dazu zwingen, an diesen Qualifikationsturnieren teilzunehmen oder sein Land auf den World Cyber Games zu vertreten, doch sollte man sich über die Möglichkeit freuen und dieses Turnier nicht nur als ein weiteres Event im Jahr ansehen, das man mit seinem Team besucht.
Ein prestigeträchtiges Turnier wie die World Cyber Games sollte mit dem besten Team und dem größtmöglichen Enthusiasmus bewältigt werden, ein so tiefer Einschnitt in die deutsche Wettbewerbsfähigkeit wirkt dagegen etwas unprofessionell und nicht gerade imagefördernd. Die Schuld liegt da mit Sicherheit weder nur auf Seiten der WCG-Organisatoren noch gänzlich bei den Spielern von Alternate aTTaX. Aber dass anscheinend keine Möglichkeit gefunden wurde, einen goldenen Mittelweg zu gehen, der alle Parteien in gewisser Weise zufrieden stellt, lässt auf fehlendes Engagement schließen. Das ist eigentlich schade, wenn man bedenkt, dass man nächstes Jahr selber Austragungsland der WCG ist und den eSport in Deutschland weiter etablieren möchte.