Montag, 1.10.2007 – 02:00 Uhr CET
Es ist mal wieder soweit. Ein internationales Event. Eigentlich hielt ich mich ja mit der Zeit für „zu schön“, um noch Tagebücher zu schreiben, aber ich habe soeben aus lauter Langeweile nochmal meine alten Tagebücher aus China und Korea gelesen und spontan Lust bekommen, mal wieder etwas zu schreiben. Wieso Langeweile? Ich sitze im InterCity und habe folgerichtig kein Internet. Welch unwürdiger Zustand, könnte man meinen. In vier Stunden ist Treffpunkt am Frankfurter Flughafen und mich erwartet eine Herde Spieler, die sich aufmachen werden, um die Ehre unseres Landes bei der WCG zu verteidigen. Ich bin gespannt. Wird es ein Counter-Strike Herbstmärchen geben? Wird XlorD der jüngste Sieger der WCG-Geschichte? Oder geht Deutschland im großen Stil baden? Ich weiß es nicht. Normalerweise macht sich der ganze Berufsstand der Schreiberlinge vor so einem Turnier ausführlich Gedanken über die Chancen der Teilnehmer, doch im Endeffekt kommt es sowieso immer anders, als man denkt. Daher verzichte ich an dieser Stelle auch auf meine persönliche Wettervorhersage und lasse mich einfach überraschen. Viel mehr gibt es an dieser Stelle auch eigentlich noch nicht zu sagen. Achja, eins noch: In meinen voherigen Tagebüchern hat zu meiner Beschämung auch das Ausmaß der Alkoholvernichtung immer einen der vorderen Plätze eingenommen und ich muss mir irgendwie an meine eigene Nase packen, wenn mich inzwischen einige für behandlungsbedürftig halten. Nicht so bei diesem Mal, Freunde der Blasmusik! In „God’s own country“ gibt es nämlich Gesetze, die so Jungspunde wie mich vom Alkoholkonsum abhalten. Und ich vollende erst eine Woche nach der WCG mein 21. Lebensjahr. Glück gehabt, könnte man da sagen!
Dienstag, 2.10.2007 – 14.00 Uhr CET / 05:00 Uhr Ortszeit Seattle
Ich bin endlich da. 13 Stunden Flug, etliche Gepäckkontrollen und viel zu wenig Schlaf liegen hinter mir. Seattle empfängt die WCG-Crew mit dem, für das es über die Grenzen Amerikas hinaus ein Begriff ist: Regen. 318 Regentage im Jahr zählt die Stadt an der Nordwestküste der USA, die vor allem für das Basketballteam der Supersonics oder den Firmensitz von Boeing bekannt ist. Was ist bis dahin alles geschehen? Es begann gegen sechs Uhr morgens in Deutschland, wo sich das sichtlich übermüdete Team unter der Führung von Team-Manager Josh Vögeding am Frankfurter Flughafen sammelte. Das Counter-Strike-Team erschien standesgemäß als letztes und nach dem langen Marsch durch die Sicherheits-Institutionen war das Team vollständig im Flieger gen Chicago, wo umgestiegen werden sollte. Die Stimmung: Locker und dank Schlafmangel mit leichter Tendenz zum Blödsinn. Mehr als zwei Stunden Schlaf in der Nacht vor dem Abflug waren definitiv out. Der Flug war letztlich halbwegs entspannt, auch wenn die Verpflegung eher einem zwei- als einem neunstündigen Flug gerecht wurde.
Bereits kurz vor der Landung in Chicago stellten viele der Reisenden fest, dass die Zeit bis zum Abflug der Maschine nach Seattle mit einer Stunde eher knapp bemessen war und die Vorfreude auf langes Anstehen und einen biometrischen Striptease bei der Einreise war allen anzusehen. Dennoch verlief für die meisten die Einreise problemlos – bis auf, na, ihr wisst schon. Kaum durch die Passkontrolle durch machte sich am Gepäckband die Kunde vom „kassierten Kalifen“ breit. Die Reaktionen reichten von ungläubigem Kopfschütteln über „War doch klar, oder?“ bis hin zu leisem Kichern. Warten würde keinen Sinn machen, das war klar. Immerhin hatte Kapio bereits auf dem Weg zur WSVG Louisville die berühmt-berüchtige Gastfreundschaft der amerikanischen Sicherheitsorgane für lässige sechs Stunden genießen dürfen und so blieb der Truppe kaum etwas anderes übrig, als so schnell wie möglich zum Abfluggate zu hasten, um die Chance auf den Weiterflug zu wahren.
Danach löste sich das Team langsam auf und einzelne, versprengte Grüppchen versuchten, sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Als ich schließlich nach endlosem Warten die Handgepäckkontrolle überstanden hatte, war es bereits 12.10 Uhr, wobei um 12.00 Uhr unser Flugzeug bereits abheben sollte und auf den Monitoren gut lesbar „Gate closed“ neben unserem Flug stand. Meine Begleiter XlorD, Protois und der C&C-Spieler Dackel waren tendenziell verwirrt und hilflos und offenbar ein Stück erleichtert, dass ich einfach mal so tat, als wüsste ich was zu tun sei. So machten wir uns dann trotzdem auf zum Gate, was sich als eine gute Entscheidung herausstellte, da United Airlines tatsächlich so freundlich war, auf das Team zu warten. Langsam trudelten dann auch die letzten Spieler ein, doch mooN, deto und Josh blieben verschollen. Einige hatten angeblich Kontakt zum Flughafenpersonal aufgenommen, um sich helfen zu lassen, doch das hatte offenbar eher für mehr als für weniger Probleme gesorgt und so hob das Flugzeug ohne Kapio und die drei Richtung Seattle ab.
Nach der Ankunft hatten dann auch alle Reiseteilnehmer die Schnauze gestrichen voll mit Flügen, da United lediglich eine Miniaturtüte mit Brezeln als Proviant für den vierstündigen Flug servierte. So fantasierte XlorD lautstark über Rippchen, während andere von McDonalds-Supersize-Menüs träumten. Roman verschüttete derweil lieber seine Cola und sick stellte fest, dass nach wenig Schlaf und wenig Essen ein Whisky-Cola genügt, um eine angenehme Lockerheit zu spüren. Am Airport ging es dann nach einem schnellen Gruppenfoto auch zügig Richtung Hotel, wobei ich leider nicht im Player’s Village einquartiert werden konnte und nun zusammen mit Thomas von Treichels Crew in einem Hotel direkt bei der Location untergebracht bin. Was folgte, war ein simples Programm der Befriedigung menschlicher Bedüfnisse: Essen und Schlafen. Während des Essens erreichte mich auch die Kunde vom Abflug von Josh, mooN und deto, welche gegen 19.00 Uhr Ortszeit in Seattle landen würden. Doch eine Frage blieb bis jetzt ungeklärt: Was ist los mit Gabriel Polat… ähh.. Kapio?
Update: Soeben meldet Josh ‚Sparky‘ Vögeding die glückliche Heimkehr des ‚Kalifen‘ in den Schoß seiner Gaming-Familie.