Wie oft wurde in der Vergangenheit schon das nahende Ende von Counter-Strike 1.6 heraufbeschworen? Wie oft wurde, befeuert nicht zuletzt von der Gründung (Etablierung wäre zu viel gesagt) der CGS, vom baldigen Sieg des hübscheren Nachfolgers gesprochen? Szenegrößen aus allen Ecken gaben keinen Pfifferling mehr auf den Verbleib des nunmehr vier Jahre alten Dauerbrenners im internationalen Turnierzirkus. Reihenweise erklärten Profis mehr oder weniger offen ihren Wechselwillen, sofern die Kasse stimmt – während sie gleichzeitig zu Protokoll gaben, im Grunde nur wenig Spaß an Source zu haben. Die Apologeten des Niedergangs scheinen sich etwas zu früh aus dem Fenster gelehnt zu haben, denn so einige Nachrichten der vergangenen Wochen zeichnen ein ganz anderes Bild von dem Zustand des immer noch beliebtesten Online-Shooters der Welt. Während weiterhin die Tatsache gilt, dass immer noch etwa 3,5-mal so viel CS 1.6 wie CS:S gespielt wird und es in Source mehr Server als Spieler gibt, haben verschiedene Organisationen der Szene durch ihre jüngsten Ankündigungen dem Herzen des eSports die Lebensdauer verlängert:
Zuerst gaben die Organisatoren des ESWC bekannt, dass auf der Quasi-Weltmeisterschaft des elektronischen Sports auch im nächsten Jahr noch die bewährte Version 1.6 gespielt werden wird – darüber hinaus wurde ein Lizenzabkommen mit Valve unterzeichnet, wodurch auch die Übertragung gesichert sein wird. Dadurch sollte der empfindliche Seitenhieb der CGS verwunden sein. Darüber hinaus hat die Dreamhack,
durch den Wegfall der WSVG einer ihrer größten Attraktionen beraubt, angekündigt, das Preisgeld für Counter-Strike 1.6 von 100.000 auf 200.000 schwedische Kronen zu verdoppeln. Mit umgerechnet etwa 30.000 Euro Belohnung kann nun endgültig von einem weiteren Top-Event geredet werden, das einige Szenegrößen anziehen wird. Der nächste Paukenschlag war die Nachricht der ESL, in der zweiten Auflage der überaus erfolgreichen Extreme Masters erneut mit den Dinosauriern Counter-Strike und Warcraft III antreten zu wollen. Das Preisgeld wurde ebenfalls erhöht: Mit 200.000 Euro übersteigt es jetzt die Prämien, die man sich in der EPS erspielen kann, deutlich. Auch die Organisatoren von KODE5 bestreiten eine weitere Spielzeit mit 1.6 und WC3, auch wenn über deren Preisgeld noch nichts Genaueres bekannt ist. Das kommende Jahr scheint also mindestens ebenso viel zu bieten wie das vergangene. Über mangelnde Auslastung werden sich die Profi-Teams nicht beschweren können.Wie beide Versionen friedlich nebeneinander existieren können, wird uns von der ESL vorexerziert. In der deutschen EPS wird beides gespielt, mittlerweile sogar auf Intel Friday Night Games – und beides hat seine jeweilige Anhängerschaft. Dennoch wird es eine Weile dauern, bis der Nachzögling in puncto Zuschauerzahlen mithalten kann. Ob die Koexistenz-Lösung der ESL, die im Grunde ein geschicktes (aber deswegen nicht weniger positives!) Ausweichen vor einer schwierigen Entscheidung ist, auch auf die internationale Bühne übertragen werden kann, ist jedoch fraglich, denn bei den großen Events der Szene müssen verschiedenste Genres bedient werden – wer allen Ernstes Project Gotham Racing in die Wettbewerbsliste aufnimmt, hat keinen Raum für einen zweiten Teamshooter.
Besonders erfreulich ist auch die Rückkehr eines geradezu mit nostalgischen Gefühlen verbundenen Events auf die Bühne der großen Counter-Strike-Turniere: Auf der CPL Winter 2007 wird es wieder einen CS-Wettbewerb geben – ganz wie in alten Zeiten im Hyatt Regency in Dallas, Texas. Zu allem Überfluss wird es danach einen großen Kampf zwischen dem CS-Sieger und dem Source-Sieger geben, bei dem beide Versionen gespielt werden sollen. Man darf gespannt sein, ob die CPL wieder zu Glanz und Gloria zurück findet und zur Abwechslung sogar mal die Preisgelder in einem vernünftigen Zeitrahmen auszahlt. Wünschenswert wäre es.
Ebenso wünschenswert wäre es, wenn sich zu
dem Reigen der bisher genannten Turniere eine weitere Großmacht der Veranstalterszene gesellen würde: Die World Cyber Games. Gerade eben ist die diesjährige Ausgabe in Seattle fulminant zu Ende gegangen, mit Überraschungen im CS-Bereich, mit denen vorher wahrlich niemand gerechnet hätte – auch nach vier Jahren hat die Szene nichts an Spontaneität und Potential an unvorhergesehenen Ergebnissen eingebüßt. Nächstes Jahr heißt der Austragungsort Köln. In der Rheinmetropole und deutschen eSport-Haupstadt hat die WCG ein weiteres Mal die Gelegenheit, den Fehler von 2005 zu wiederholen und Source zu wählen – oder aber durch die Entscheidung für 1.6 die weiterhin bestehende Überlegenheit des Seniors anzuerkennen, nicht zuletzt da im Gegensatz zu den USA besonders in Europa und besonders in Deutschland immer noch 1.6 als Königsdisziplin gilt. Es bleibt zu hoffen, dass noch möglichst viele verfrühte Nachrufe folgen, denn Totgesagte leben länger.
