„Papier ist geduldig“ sagt man gewöhnlich, wenn man Geschriebenes für falsch oder gar absichtlich gelogen hält. Es bedeutet aber auch, dass die schriftliche Fixierung etwas noch lange nicht unumstößlich macht oder eine Entscheidung vorwegnimmt. Die Beispiele hierfür sind vielfältig, es gibt sie im eSport wie im Alltag. Niemand hätte sich vor den World Cyber Games 2007 getraut, einen Sieg des französischen Teams emuLate vorherzusagen. Und selten lagen die Demoskopen so grandios daneben wie vor der Bundestagswahl 2005. Was das für den eSport heißt? Es ist eine gute Nachricht.
Denn es bedeutet, dass es weiterhin spannend bleibt. Die traumhaft makellose Leistung von mousesports während der 15 Spieltage ist ein großes Verdienst, das Team und Management auf der Aktivseite verbuchen können. Aber deswegen ist mousesports noch nicht automatisch Saisonsieger, auch wenn sie verständlicherweise bereits eine Art moralischen Anspruch auf den Titel erheben: Nach derart glanzvoller Leistung kann man ja quasi nicht anders, als Meister zu werden. Die anderen Teams wird das wenig beeindrucken – wer dabei ist, ist dabei, egal wie. Auch unter den Verfolgern könnte man jetzt interessante Zahlenspiele anstellen, aus denen Außenstehende Schlüsse ziehen würden, die jeder Leser von readmore.de frank und frei als Unfug bezeichnen würde. Nur ein Beispiel: Dauerpublikumsliebling aTTaX hat es mit exakt gleichvielen Siegen, Niederlagen und Unentschieden nach Köln geschafft wie das Team von TBH, das in seiner Heimat jedes IFNG zum Kochen bringt. Es wäre jedoch vermessen, daraus jetzt ableiten zu wollen, TBH und aTTaX seien spielerisch auf demselben Niveau, so wünschenswert dies aus bayerischer Sicht auch wäre.
Die Liste interessanter, aber wenig aussagekräftiger Statistiken lässt sich beliebig fortsetzen. Beispielsweise führt Tixo die Spielerwertung an. Das ist schön für Herrn Makohl und mousesports an sich, bedeutet aber nicht automatisch, dass Tixo der wertvollste Spieler der EPS ist. Algorithmen und Tabellen nehmen keine Rücksicht auf Fertigkeiten wie Gamereading oder taktische Raffinessen, aber genau das macht Spiele für Zuschauer interessant. Ebenso muss verwundern, dass der TBH-Spieler brundle in der Wertung auf Platz 47 von 102 erscheint, also gerade einmal dem Mittelmaß entspricht. Auf die Finals hat es sein Team trotzdem irgendwie geschafft – vielleicht sollte man Bonuspunkte für Frags am Holztor vergeben. Oder die Statistik sagt wenig aus. Und wieso findet man in der Teamwertung Team Xilence vor TBH?
Im Grunde sollten wir jedoch froh sein, dass man unsere virtuellen Helden nicht einfach in Zahlen und Berechnungsmethoden verpacken kann. Vor allem eines lassen die Werkzeuge der Stochastiker nämlich außer Betracht: Dass ein Mensch keine Maschine ist (Ausnahmen wie toxjq bestätigen die Regel) und auch mal einen schlechten Tag haben kann. Es liegt in der menschlichen Natur, alles verstehen, erklären und durch Fakten wie Zahlen belegen zu wollen, aber wie langweilig wäre es, bei Final- und sonstigen Spielen nur noch das vorher mathematisch berechnete Ergebnis bestätigt zu sehen?
Seit mehreren Seasons geistert der Vorwurf durch den Raum, der Spielerpool der EPS bestehe im Grunde aus immer denselben Leuten bei minimaler Fluktuation. Wenn das zu immer denselben Ergebnissen führen würde, müsste man sich eine Lösung ausdenken. Da es das aber nicht tut, muss man sich darum keine Gedanken machen. Counter-Strike bleibt spannend, das kann man auch ohne Statistiken sagen. Eine statistische Regel scheint es jedoch zu geben, die von der Realität bisher noch nicht Lügen gestraft wurde: mousesports gewinnt die Wintersaison. Mal sehen, ob diese Regel weiterhin bestehen bleibt.