Schon seit Jahren vertritt ein großer Teil der eSport-Community die Auffassung: eSport ist Sport! Doch bis auf vereinzelte Tageszeitungen, die auf den letzten Seiten kurz und bündig über ein eSport-Event berichten, sieht ein Großteil der Menschen, die keinen direkten Bezug zu der Szene haben, das nicht so. eSport ist und bleibt für viele nur „Computer spielen“ und nicht selten ziehen diese Menschen dabei noch eine Grimasse, als würden sie entweder mit einem kleinen Kind oder einer sehr kranken Person sprechen. Als vor kurzem Turtle Entertainment, eine der größten und wichtigsten Firmen im eSport und Inhaber der Electronic Sport League, die Zusammenarbeit mit dem zwar jungen, aber dennoch namhaften Sportportal Spox.de bekannt gab, hätte man als eSport-„Veteran“ eigentlich einen Orkan der Freude erwarten dürfen. Sollte dies für die eSport-Community nicht Grund genug sein sich in den Comments zu versammeln und ihre Laune Kund zu tun? Immerhin sind wir eSport! Wir sind nun (irgendwie) auch Sport!
Auf Seiten von Spox ist es dabei ziemlich offensichtlich, wieso man sich für diese Kooperation mit Turtle Entertainment entschied: Man versucht gerade in einen stark umkämpften Markt, mit dem dominanten Marktführer Sport1.de, einzusteigen. Ein Unterfangen, das für die Tochterseite von Premiere trotz viel Werbung zwischen den aktuellen Fußballspielen schier aussichtslos ist. Da kommen die ca. 700.000 angemeldeten User bei der ESL gerade recht, um diese auf die eigene Seite zu locken und Sympathiepunkte zu ergattern. Die ESL hat in den letzten Jahren wohl auch den letzten Hobby-eSportler dazu gebracht, sich einen Account auf der Seite zuzulegen, weshalb der Zuwachs an User langsam aber stetig abnimmt. Das bedeutet, dass Turtle Entertainment nun beginnen muss, Leute anzuwerben, die bisher noch nicht mit dem eSport in Kontakt getreten sind. Sofern sie ihren Wachstum weiterhin halten wollen.
Dabei ist die imaginäre Barriere von eSport zu Sport wesentlich dünner als auf umgekehrten Wege. Oder anders formuliert: Viele eSportler interessieren sich für Sport, aber nur wenig Sportler für eSport. Sicherlich gibt es auf beiden Seiten auch Ausnahmen und viele eSportler interessieren sich nicht für Sport, doch ist im großen und ganzen davon auszugehen, dass es für den durchschnittlichen Fußball-Fan doch noch sehr abstrakt ist, Nachrichten über das Computerspielen auf einer Sportseite zu lesen. Deshalb muss man auch davon ausgehen, dass die ESL vermutlich keinen besonderen Zulauf an wirklich Interessierten durch diese Werbung erlangt. Es drängt sich also die Frage auf: Was könnte die ESL sonst noch dazu veranlasst haben eine Kooperation mit Spox einzugehen? Zum einen die Bestätigung auf einer Sport-Seite erfasst zu sein und somit eine gewisse Akzeptanz zu bekommen. Des Weiteren fällt bei genauerer Betrachtung auf, dass bisher ausschließlich Redakteure der ESL auf der Seite schreiben. Auch wenn dies zweifelsohne gute Redakteure sind, die Unabhängigkeit geht damit flöten. Ohnehin erscheint es seltsam, dass Spox.de nicht mit einer etablierten Presseseite kooperiert, die somit vom Prinzip her ähnliche Arbeit leistet, sondern mit einer Gesellschaft die dazu noch im Ruf steht, konkurrierende Ligen gerne zu vernachlässigen und seine Monopol-Stellung zu festigen, wo es nur geht. Mit Spox.de hat die ESL nun zumindest eine Seite auf der nicht ESL drauf steht, aber drin ist.
So ist es weniger verwunderlich, dass die deutsche eSport-Commnunity so ruhig bleibt und das obwohl ihr liebstes Hobby der breiten Masse zugänglicher gemacht wird. Und damit hat sie verdammt Recht! Auch wenn der Ansatz lobenswert ist, mehr als ein kurzfristiges Ziel kann somit auf keinen Fall erreicht sein. Allein der Umstand, dass der eSport getrennt von den anderen Sportarten aufgelistet wird, in einem Bereich den man nur über einen Button am oberen Bildschrirmrand erreicht, macht das deutlich. Das erklärt auch, warum man sich gar nicht erst die Mühe gemacht hat eine eigene Redaktion aufzubauen oder eine aufblühende Redaktion anzuwerben: Es geht einfach nur um die Page Impressions! Mit diesen lassen sich vor allem die Preise für Werbeanzeigen erhöhen, was der Sinn des ganzen Unterfangen sein sollte. Zwar wollen sicherlich beide auch neue Felder erschließen, doch bisher verspricht dies keinen großen Erfolg zu haben.
Mittel- und langfristig kann das Ziel für den eSport nur sein, auf einer Sportseite als gleichberechtigte Sportart wahrgenommen und von unabhängigen Redakteuren betrieben zu werden. Auch jetzt hätte es wohl schon einige Vorteile. So hätte die ESL nicht ein „Monopol“ in der Berichterstattung von Neueinsteigern und man könnte auch von Events berichten, die in keinem Zusammenhang mit Turtle Entertainment stehen. Allerdings gibt es auch hier eine andere Seite der Medaille: Turtle Entertainment hat eine vergleichbar gute und vor allem Vollzeit beschäftigte Redaktion. Nur wenige Firmen in der eSport-Szene sind momentan in der Lage, solch eine Zusatzbelastung zu stemmen.
Auf lange Sicht wird es dabei vor allem interessant werden, wie sich diese Beziehung weiterentwickelt. Sollte die Akzeptanz in der Bevölkerung weiter wachsen und es tatsächlich gelingen, mehr Leuten den eSport nahe zu bringen, müsste der nächste Schritt somit auch die Trennung von Spox und Turtle Entertainment sein. Wie in der restlichen Sportwelt wird es einfach nicht mehr tragbar sein, dass die PR-Abteilung einer großen Organisation auch gleichzeitig eine umfassende und objektive Berichterstattung liefert, da sie selbst immer versuchen wird, ihre Liga als möglichst fehlerlos darzustellen. Wenn man sich auf Seiten von Spox also längerfristig durchaus als ernstzunehmender (e)Sport-Berichterstatter sehen will, ist es unumgänglich, sich auch für andere Veranstalter zu öffnen und auch auf Themen einzugehen, an denen Turtle Entertainment eher weniger gelegen sein ist. Bis dahin sollte man die Berichterstattung als Businessdeal und nicht als steigendes Interesse der Öffentlichkeit sehen.