Um Afrika, Hitze und Staub gedanklich zu verbinden, braucht man in der Regel wenig Phantasie. Vor allem der Norden Afrikas, der sogenannte Maghreb, ist für die endlose Weite der Sahara, der größten Wüste der Welt, bekannt. Weniger bekannt ist der Maghreb hingegen für erfolgreiche eSport’ler oder sonstige eSport-Unternehmen; dass dort überhaupt eine Counter-Strike-Szene existieren könnte, wird den Wenigsten je in den Sinn gekommen sein. Doch auch in den nordafrikanischen Ländern tragen Jugendliche Gefechte auf allen gängigen Maps aus. readmore.de hat sich auf die Suche nach der örtlichen Szene begeben und mit lokalen Szenekennern und Spielern gesprochen.
Hohe Hürden in Marokko
Der eine oder andere wird sich überrascht zeigen, dass es überhaupt Computer und Internet in Afrika gibt, ist der Kontinent doch in weiten Teilen verglichen mit den Ländern Europas unterentwickelt und arm. Im Norden sieht die Realität aber etwas anders aus. Zwar ist in der Region der Entwicklungsunterschied zwischen Küste und Binnenland erheblich, die Länder des Maghreb allerdings versuchen durch große Infrastrukturprogramme wirtschaftlich aufzusteigen. Allen voran Marokko, dessen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bereits über dem des europäischen Staats Albanien liegt. In den größeren Küstenstädten wie Casablanca ist die wirtschaftliche Situation vergleichbar mit der in vielen osteuropäischen Staaten. Hier kann man auch die kleine aber engagierte Gruppe der Esportbegeisterten antreffen; in der Regel Studenten aus allen Gesellschaftsschichten. „Wer glaubt, dass das Spiel hier in Marokko ausschließlich von Reichen gespielt wird, liegt absolut falsch“, stellt Habibi ‚MaD‘ Achraf, Redakteur bei e-sahara, klar. Viel mehr seien die Spieler „Menschen wie du und ich.“ Trotzdem stellt die Verbreitung von Computern ein Hindernis für die Ausbreitung des eSports dar. Deren Leistung reicht in der Regel gut für CS1.6, allerdings fast nie für Source, was den Marokkanern andererseits eine leidige Diskussion erspart.
Die Freunde des eSport organisieren sich wie in anderen Ländern im Internet. Zentrale Anlaufstelle und Communitytreff im Maghreb ist dabei die französischsprachige Seite e-sahara.org. Man versucht hierbei den Spagat zwischen unabhängigem Szenejournalismus und der Veranstaltung von Turnieren und LAN-Partys. Dadurch können die User eingebunden und an der Planung beteiligte werden. Aufgrund der geringen Größe der Szene lohnt sich eine Trennung von Journalist und Veranstalter noch nicht; bei etwa 2.000 registrierten Usern lässt sich von einer fast familiären Atmosphäre sprechen.
Was das Spielen so schwer macht
Aus dieser Basis von Gelegenheitsspielern sticht, wie in anderen Ländern auch, die kleine Gruppe der Topteams hervor. Von Progamern lässt sich in diesem Fall allerdings nicht sprechen, da es keinerlei Teamsponsoring gibt. Eine Möglichkeit, durch Zocken an Geld zu kommen, besteht nur bei LANs, die in der Community gemeinsam geplant werden und bei denen dann meistens alle guten Team anwesend sind, um dort um Preisgelder von bis zu 1.000 Dollar zu spielen. Natürlich lassen sich selbst kleinere Events nicht jeden Tag organisieren, sodass beim Training dem Internet eine wichtige Rolle zukommt. Hier liegt das große Problem der ambitionierten Mannschaften des Maghreb. Wenn beispielsweise das momentan beste marokkanische Team prophecy mit Teams in Frankreich oder Spanien trainieren möchte, da es praktisch keine Konkurrenz im eigenen Land gibt, müssen die Spieler eine Latenz von 90 bis 180 sowie zahllose Verbindungsabbrüche in Kauf nehmen. Gegen Teams aus anderen Ländern des Maghreb zu spielen, ist auch keine Lösung, da die Länder über unterschiedliche europäische Länder geleitet werden. So nehmen Daten aus Marokko den Umweg über Spanien und Italien, um Tunesien zu erreichen. Dies führt zu der kuriosen Situation, dass zwei Teams aus diesen Ländern nur auf „neutralen“, europäischen Servern spielen können, was abermals zu erheblichen Latenzen führt. Man kann sich leicht vorstellen, dass dies eine sehr frustrierende Situation für ambitionierte Spieler ist. Die erste „Generation“ der Topspieler ist daher schon größtenteils abgetreten, ohne international jemals in Erscheinung getreten zu sein.
Ein Streifen am Horizont
Inzwischen werden diese Veteranen aber von neuen, hungrigen Spielern ergänzt, die sich von den miserablen Trainingsbedingungen in Nordafrika nicht abschrecken lassen: „Viele Spieler bitten mich um Rat, was Taktiken betrifft“, sagt Taha Benssiba, Urgestein der marokkanischen Szene, „außerdem versuchen sie viel durch Demoanalyse zu lernen.“ Und MaD fügt hinzu: „Viele unserer Spieler sind vom Aiming her sehr stark. Mit der nötigen Erfahrung könnten sie in der französischen EPS mithalten.“ Diese Erfahrung zu erwerben, ist für die Spieler aus genannten Gründen jedoch kaum möglich. In diesem Punkt lassen sich also Parallelen zur Situation in Südkorea erkennen, wenn auch auf niedrigerem Niveau.
Die Parallelen enden spätestens dann, wenn es um Geld geht. Anders als eSTRO, die sich zur taktischen Schulung einen Trip nach Schweden in das Inferno Online Café gegönnt haben, verfügen selbst die besten Teams Marokkos nicht einmal über die finanziellen Möglichkeiten deutscher EAS Teilnehmer. MaD beschreibt den Teufelskreis: „Wir als Organisatoren von Turnieren bräuchten mehr Geld, um die Gewinne zu erhöhen und die Szene professioneller zu machen. Dafür brauchen wir Sponsoren, die wir nicht kriegen, weil das Niveau so niedrig ist.“ Die Möglichkeiten an internationalen Turnieren teilzunehmen, ist auch nicht besser. Als Beispiel nennt er den ESWC, bei dem in Marokko seit drei Jahren keine nationale Qualifikation angeboten werden kann, weil die Lizenzgebühren zu hoch sind, als dass sie von eSport-begeisterten Studenten übernommen werden könnten.
Noch lange kein Massenphänomen
Trotz aller Umstände ist die Szene guter Hoffnung auf eine bessere Zukunft. „Früher musste ich Gamerhardware in Europa bestellen, weil es in Marokko keine Läden für so etwas gab. Inzwischen kriegt man fast alles im Laden um die Ecke.“ Und auch die Latenzen nach Europa werden besser, obwohl die technischen Probleme noch lange nicht gelöst sind. Den Tunesiern ist es sogar gelungen, eine ESWC 2008 Qualifikation auf die Beine zu stellen.
Bis die Infrastruktur des Maghreb ein für Progaming akzeptables Niveau erreicht hat, wird es trotzdem noch Jahre dauern. Erst dann wird sich Counter-Strike wie in Deutschland zu einem Massenphänomen der Jugendlichen entwickeln können. Bis dahin sollten große Turnierveranstalter wie der ESWC und die WCG die vorhandene Szene unterstützen, indem sie die Lizenzen an kleinere Länder verschenken und ihre Teams nach Europa einladen, damit Erfolge wie die Teilnahme Tunesiens kein Einzelfall bleiben.
Abdallah ‚Bones‘ Migati, Spieler bei prophecy, ist jedenfalls sehr zuversichtlich: „Wir haben fast immer Bootcamp, weil wir alle aus dem gleichen Viertel kommen. Wir wollen spielen wie die europäischen Pros!“ Mit der Hilfe von e-sahara hofft er, sich im nächsten Jahr für den ESWC zu qualifizieren. Sein absoluter Traumgegner in der Gruppenphase ist SK-Gaming. Bis dahin wäre es schön, sich mit anderen Teams des Maghreb, wie zum Beispiel winners, dem ESWC Teilnehmer aus Tunesien, im LAN zu messen. Vielleicht kommt so zu den 200 €, die er bisher im eSport gewonnen hat, noch etwas dazu.