Es war eine Nachricht, die wie ein Schock in der 1.6-Community aufgenommen wurde: WCG in Deutschland ohne die besten Teams. Doch nicht nur die beiden ESWC-Teilnehmer mousesports und Alternate, sondern auch die WC3-Spieler HasuObs und miou werden Probleme mit der Qualifikation bekommen. Die langjährige Galionsfigur der WCG in Deutschland, Thomas von Treichel, sprach mit readmore.de über die Probleme bei der Terminfindung für das National Final und die Gründe, wieso man nicht problemlos eine Lösung finden kann.
readmore.de: Seit wann wusstet ihr, dass es bei eurem National Final zu Konflikten mit anderen Turnieren kommt?
Thomas von Treichel: Die Bekanntgabe des Termins des ESWC erfolgte, glaube ich, Anfang Februar. Da zu dem Zeitpunkt noch keine Detailzeitpläne veröffentlicht worden sind, haben wir es zwar schon befürchtet, aber noch gehofft, dass es für die deutschen Spieler reichen würde, am Sonntag Abend auf die Reise zu gehen. Zumal wir ja nicht das einzige eSport-Event auf der GC sind und wir uns eigentlich nicht vorstellen konnten, dass der ESWC sich so offensiv gegen Europas größte Gaming Messe platziert, die nach dem Wegfall der ECTS und der massiven Veränderung der E3 ja nun auch weltweite Relevanz hat.
readmore.de: Inwieweit habt ihr dann mit den anderen Veranstaltern auf der Messe und dem ESWC Kontakt aufgenommen um eine Lösung im Sinne der Spieler zu finden?
Thomas von Treichel: Primär waren wir natürlich mit Turtle Entertainment in Kontakt, die ja mit dem ENC ein ähnliches Problem haben. Ursprünglich war vorgesehen, auf dem ENC und der WCG mit demselben Team, eben dem deutschen Nationalteam, anzutreten. Generell haben wir natürlich nicht nur versucht eine Lösung im Sinne der Spieler zu finden, sondern auch im Sinne der Fans. Für die Spieler ist es am Ende immer noch so, dass sie selber entscheiden können, wo sie ihre Präferenzen sehen. Die Fans müssen aber dann das akzeptieren, was dabei herauskommt. Nach aktuellem Stand ist die Anreise beim ESWC zwingend bis Montag Vormittag erforderlich. Wir hoffen natürlich sehr, dass sich dort noch etwas bewegen wird, auch wenn mousesports bereits ihre Teilnahme verneint haben, da sie nicht mit ihrem Stamm-Lineup spielen dürfen. Sollte sich jedoch für Alternate noch eine Möglichkeit ergeben, so würde uns das sehr freuen.
readmore.de: Hättet ihr denn auch ein Team Alternate akzeptiert ohne Qualifikation, wenn sie nur am Sonntag Nachmittag vor Ort gewesen wären?
Thomas von Treichel: Diese Frage ist natürlich sehr hypothetisch, denn wenn sie Sonntag Nachmittag zum Ende des Finales anwesend sein könnten, dann wäre es ja auch kein Problem für sie am Qualifier teilzunehmen. Einen einzelnen Clan dürfen wir nicht einfach nominieren und es wäre auch allen Fans der nicht nominierten Teams unfair gegenüber. Bei einem Nationalteam ist die Grundlage zwar anders, aber ein Clan oder ein Spieler muss sich dennoch zwingend über eine Qualifikation in das Team spielen. Insofern hätten wir dafür keinen Handlungsspielraum.
readmore.de: Ist es aber nicht für Sponsoren wie Samsung wichtig, dass man auch bei den Fans und Teams einen Konsens erreicht und damit auf einen Kompromiss setzt?
Thomas von Treichel: Das ist nicht nur für unsere Partner wichtig, sondern selbstverständlich auch für uns. Andererseits spielt jedoch Konsistenz und Professionalität eine große Rolle. Selbstverständlich kann man jetzt sagen, dass es nicht professionell ist, das beste Team auszuschließen, aber im Endeffekt tun wir das ja nicht, denn es steht den Teams frei sich zu entscheiden. Ich kann es in gewisser Weise verstehen, lieber auf das Grand Final des ESWC zu fliegen als auf das National Final in Leipzig, aber als Fan zu sagen: „Die WCG ist schuld!“ wäre genauso einfach wie „Die Spieler sind schuld!“ und „Der ESWC ist schuld!“ – aber auch genauso falsch und eindimensional. Wenn ich dann lese, dass sich „das National Final doch sicherlich verschieben lässt“ – sorry, aber genau das ist dann der Punkt, wo man sieht, dass Professionalität fehlt.
readmore.de: Auch für WC3-Spieler wie HasuObs und miou ist es nicht möglich auf den National Finals bis zum Ende zu bleiben. Wurde da mit den Clans gesprochen um Lösungen zu finden?
Thomas von Treichel: Natürlich wurde mit Clans gesprochen. Hauptlösungsansatz ist dabei der Versuch, eine Option auf spätere Ankunft beim ESWC zu erhalten. Dies wurde federführend über mouz und Alternate abgewickelt, da wir in CS eine Musterlösung finden wollen, die wir dann auf WC3 adaptieren können.
readmore.de: Warum wird denn nicht die einfachste Lösung gewählt und das Turnier für CS einfach am Samstag Abend beendet?
Thomas von Treichel: Diese Option können wir erst dann als Option in Betracht ziehen, wenn wir die weiteren Rahmenparameter kennen, also z.B. die Spielpläne der anderen Turniere sowie die Teilnahme des Team GER an den ENC-Playoffs. Es macht ja überhaupt keinen Sinn, jetzt zu sagen, dass wir das CS-Turnier nur samstags spielen, wenn sich dann herausstellt, dass das auch nicht hilft, weil die Teams an dem Tag gar nicht verfügbar sind. Neben dem ENC könnte an dem Tag immerhin auch noch ein KODE5 oder ähnliches stattfinden. Wenn man diese verschiedenen Turniere auf zwei Tage verteilt und Absprachen trifft, dann tun die sich gegenseitig nicht weh – das wurde in den letzten Jahren oft genug von allen Beteiligten bewiesen. Wenn man das aber auf einen Tag mit 10 bis 12 Stunden komprimiert, ist es kaum möglich, mehr als ein Turnier vernünftig abzuhalten. Daher müssen wir im Moment mit dem schlimmsten Fall leben, versuchen aber natürlich weiterhin, zusammen mit Alternate eine praktikable Lösung zu finden.
readmore.de: Viele Fans haben das Gefühl, dass die WCG angesichts der gegen den Willen der Spieler und der Community durchgesetzten Entscheidung eines Nationalteams sowie den vielen Problemen vor Ort in Seattle nicht wirklich das Interesse der Fans vertritt. Was würdest du solchen Anhängern erwidern?
Thomas von Treichel: Generell ist es sehr schwierig bis unmöglich, es allen recht zu machen, da jeder Fan andere Interessen hat. Das Nationalteam ist ein einfaches Beispiel: Jeder CS-Fan würde gerne „sein“ Team auf den WCG sehen, genauso wie jeder Fußball Fan gerne „seine“ Mannschaft als Meister sieht. Übertragen auf internationale Ebene bedeutet diese Fokussierung auf eine bestimmte Mannschaft allerdings weniger Begeisterung für die tatsächlich qualifizierte bzw. siegreiche. Welcher Dortmund-Fan freut sich wirklich ehrlich, wenn Bayern München die Champions League gewinnt? Dasselbe gilt für die WCG: Es gibt nur einen Slot und, wenn mousesports gewinnt, dann sind alle anderen Fans enttäuscht – andersrum genauso. Bei einem Mixteam hat man nicht jeden Fan zu 100 Prozent im Boot, aber die Masse ist größer.
Zu den ansprochenen Problemen in Seattle: Es ist mit Sicherheit nicht alles optimal gelaufen und es ist wichtig, dass man daraus lernt – sowohl auf Seiten der Lokalen als auch auf Seiten der internationalen Organisatoren. Auch das Grand Final dieses Jahr in Köln wird allein in den Händen von ICM liegen; wir haben da keinerlei Mitspracherecht. Ich denke, dass unsere nationale Qualifikation – so sehr sie von manchen verteufelt wird – zeigt, dass wir die Nationalteam-Geschichte nicht auf Biegen und Brechen durchsetzen wollen und einfach ein anderes, weniger gutes Team zusammenstellen. Weiterhin hat sich die WCG zur Aufgabe gemacht, das Bild des eSport nach außen zu verkaufen, auch den Medien und der Industrie gegenüber. Dies ist wichtig, denn am Ende wird eSport nur so die Präsenz und Anerkennung bekommen, die er verdient. Dass dabei manchmal Entscheidungen getroffen werden müssen, die für Außenstehende nicht nachvollziehbar sind, ist dabei ein unweigerliches Übel. Klar ist trotz allem: Eine WCG funktioniert nur mit Fans.
readmore.de: Wie würdet ihr auf einen Boykott der großen Clans angeführt von der G7 reagieren?
Thomas von Treichel: Wir können und werden keinen Spieler zwingen an unserem Turnier teilzunehmen.
readmore.de: Was lernt ihr für die Zukunft aus diesem Konflikt?
Thomas von Treichel: Solange es keine internationalen Absprachen zwischen großen Events gibt, ist daraus wohl leider wenig zu lernen. Hätten wir das Finale und den Qualifier früher angekündigt, hätte sich nichts geändert. Hätten wir es vor anderthalb Jahren gewusst, dann hätte man sich über den Termin noch einmal Gedanken machen können; ganz abgesehen davon, dass es dieses Jahr aufgrund des Grand Finals keine Alternative zur Games Convention gab. Wir können nur so agieren, wie wir es bereits tun: Weiter versuchen, doch noch eine Lösung zu finden, um allen Teams, die es möchten, eine Teilnahme zu ermöglichen.
readmore.de: Zeigt das für euch denn, dass es einen Weltverband geben muss?
Thomas von Treichel: Nun, ein Weltverband ist vollkommen unabhängig von dieser Situation eine sinnvolle Einrichtung, die auf alle Fälle kommen muss und wird. Allerdings kann auch ein Verband nur in den Bereichen tätig werden, in denen er anerkannt und akzeptiert wird, sonst hat er ja keine Handhabe.
readmore.de: Vielen Dank für das Interview.
