Es ist ein Eklat aller erster Güte. Als am vergangenen Freitag bekannt wurde, dass mit mousesports und Alternate die wohl besten deutschen Teams aller Wahrscheinlichkeit nach nicht für Deutschland auf den World Cyber Games im eigenen Land antreten, gab es für die Community kaum noch ein Halten. Der Grundtenor der zahlreichen Kommentare reichte von Enttäuschung über Empörung bis hin zu schlichter Wut.
Als Sündenbock musste vor allem der nationale Lizenznehmer Deutschlands herhalten. Weil sich der letzte Tag der Qualifikation in Deutschland mit dem ESWC Grand Final überschneidet, ist es sowohl mousesports als auch Alternate nicht möglich, der Siegerehrung des WCG National Finals beizuwohnen. Das ist jedoch laut Regeln unausweichliche Voraussetzung für eine Teilnahme an den World Cyber Games.
Diese scheinbare Lappalie erregte viele Gemüter. Nur wegen eines fehlenden Siegerfotos solle man den zwei aussichtsreichsten Kandidaten auf eine Finalteilnahme doch bitte nicht alle Chancen im Voraus verbauen! Aber ganz so einfach ist es nicht. Zugegeben: Über Sinn oder Unsinn einer solchen Regel lässt sich sicherlich streiten. Viele Gründe sprechen dafür, die Teams zur Siegerehrung zu verpflichten. Wie auch Hauptverantwortlicher Thomas von Treichel anführt, sind solche Events nur durch Sponsoren möglich, welche sich auch auf der Siegerehrung noch einmal prominent vor der Presse platzieren wollen.Welcher Meinung man sich aber auch immer anschließt, die Sinnhaftigkeit der Regelung steht überhaupt nicht zur Debatte, denn sie existiert seit mehreren Jahren. Die Frage ist viel mehr, ob man für zwei bekannte und favorisierte Teams diese Regel umgehen darf. Sicher, den deutschen Chancen bei den World Cyber Games im eigenen Land wäre das wahrscheinlich zuträglich. Für den Veranstalter der WCG ist ein solches Vorgehen jedoch ein fatales Signal in die völlig falsche Richtung.
Eine Ausnahme für einzelne Teams stünde im krassen Widerspruch mit dem sportlichen und gesellschaftlichen Ideal der Gleichberechtigung.
Es wäre schlicht und ergreifend ungerecht den anderen Teams gegenüber, wenn sich die großen Zwei nicht an dieselben Regeln zu halten hätten. Noch schwerer wiegt jedoch, dass man sich gerade nach dem letzten Finale in Seattle und dem Skandal um die Durchsetzung der Russenduck-Regel in diesem Bereich keine Nachgiebigkeiten mehr leisten kann, wenn nicht auch das letzte Vertrauen in die Kompetenzen des Veranstalters als fähiger Schiedsrichter verloren gehen soll. Die Entscheidung an sich ist somit unglücklich, aber eben auch alternativlos.Das Kind ist schon viel früher in den Brunnen gefallen. Als 2007 das vielfach kritisierte Nationalteam für die WCG in die Tat umgesetzt wurde, war zunächst ein offenes Casting aus zwanzig potentiellen Mitgliedern geplant. Diese Idee wurde aufgrund erheblichen Drucks der Teams und der Community abgeändert, sodass letztlich fünf Spieler für das Team gesetzt wurden, die auf dem National Final nur noch ein Schaulaufen absolvieren mussten. Eine sportliche Qualifikation hat also letztlich nie stattgefunden.
Wie argumentiert man nun aber überzeugend, dass man letztes Jahr mousesports und Alternate eine bevorzugte Stellung eingeräumt hat, das dieses Jahr aber nicht mehr kann oder will? Es scheint fast so, als würden Regeln und sportliche Ideale vor allem dann für die WCG relevant, wenn Sponsoreninteressen im Spiel sind. In Verbindung mit der äußerst fragwürdigen Verfahrensweise im Fall daimonde und den Vorfällen des letzten Jahres im CS-Turnier ergibt sich so ein sehr willkürliches und opportunistisches Bild der WCG. Geht es um die Auslegung der eigenen Regeln, dreht man sich wie ein Fähnchen im Wind. Das ist der eigentliche Skandal. Und der ist auch mit besserer Absprache zwischen den großen Turnieren oder einer kurzfristigen Lösung für die Teams nicht aus der Welt geschafft.

