Es war ein Sensationsfinale nach einer äußerst ausgeglichenen, hochspannenden Saison. mousesports schlug aus dem Lower Bracket kommend knapp ein Team, welches nach Meinung vieler Experten dort gar nicht hätte sein dürfen. Mit dem zweiten Platz erfüllte man sich bei n!faculty die kühnsten Hoffnungen, die nach der bewältigten Relegation formuliert worden waren. Nun könnte es wieder zu einem Finale zwischen diesen beiden Teams kommen – auf internationaler Bühne bei der GameGune in Bilbao, Spanien. Vier deutsche Teams machen sich auf den Weg, außerdem die europäische Elite – mit Ausnahme der Schweden und mTw – sowie einige Hochkaräter aus Nord- und Südamerika. Gerade die deutschen Teams fahren unter äußerst unterschiedlichen Vorzeichen zu dieser LAN.
Auslandserfahrung dringend erwünscht
Für ESC Gaming und TBH.eSports kann die LAN lediglich in die Kategorie „Erfahrung sammeln“ gehören. Das Team um loomit wird nächste Saison versuchen, sich für die EPS zu qualifizieren; damit dürften sie kein Gegner für Teams wie mibr sein. Sollten die aktuellen Gruppen bestehen bleiben, würde das vermutlich das sofortige Aus bedeuten, da x6tence und Evil Genuises eine Nummer zu groß sein dürften. Trotzdem ist es bemerkenswert, was der Clan seinen Spielern ermöglicht: Vor der letzten Saison stand für die damaligen Spieler eine Fahrt nach Frankreich zur Miage-LAN an. Obwohl man dort nicht überzeugt hatte, war das Management offenbar bereit, die Kosten für den Spanienausflug zu übernehmen. Rolf ‚LIMIT‘ Platschka, Gründer von ESC, antwortet auf die Frage nach dem Warum: „Weil wir langfristig mit diesem Team arbeiten werden und sie ihre Erfahrungen auf LANs sammeln müssen, die international gut besetzt sind. Auch als Motivation für die nächste EAS Saison spielt die GameGune natürlich eine große Rolle.“ Nach mehreren Bootcamps soll diese LAN eine Bestandsaufnahme für das Team darstellen, auch wenn man sich nicht viel ausrechnet.
Weit besser sind die Chancen für TBH.eSports – ein Team, welches man vielleicht in Nachfolge zu n!faculty sehen kann. Das Lineup um Roman ‚roman‘ Ausserdorfer ist äußerst vielversprechend, was noch fehlt, sind die Abstimmung und die Routine. Diese gedenkt man sich, wie letzte Saison n!faculty, bei einem internationalen Turnier zu holen. Das Teilnehmerfeld der GameGune ist allerdings ungleich stärker einzuschätzen als das der Miage-LAN. Trotzdem sollte ein Weiterkommen möglich sein; mit etwas Glück und dem Momentum im Rücken könnte TBH sogar in die Fußstapfen von ZYKON treten, welche auf der GameGune 2007 für Furore gesorgt haben.
n! will sich international etablieren
Für das Team von n!faculty geht es bei der GameGune um weit mehr, als um das Sammeln von Erfahrung. „Die GameGune wird für uns sicherlich eine großartige Erfahrung sein, aber wir gehen da definitiv nicht hin, um nur Erfahrung zu sammeln“, macht Daniel ‚Frigh‘ Enderle deutlich. Das lässt sich auch am Trainingsaufwand ablesen: „Von Freitag an machen wir ein Bootcamp bis Dienstag und fliegen dann nach Bilbao. Vom Zeitaufwand her kann man das schon mit der EPS vergleichen, aber gegen EPS-Teams kann man sich natürlich sehr speziell vorbereiten.“ Diese gezielte Vorbereitung hat n!faculty in der letzten Saison oft zum Sieg verholfen. Auf einem großen Turnier, bei dem man nicht vorher weiß, gegen wen man auf welcher Map spielt, fällt dieser Teil des Trainings logischerweise aus. „Auf der GameGune muss unser Spiel einfach ziehen“, erklärt Frigh, „in Frankreich haben wir uns auf keinen Gegner vorbereitet und es lief sehr gut.“ Sein Teammanager Daniel ‚chillkroete‘ Schöneck teilt seinen Optimismus: „In unserer Gruppe sind wir eigentlich der klare Favorit. Vatos Locos kennen wir ausschließlich von einem Turnier auf der Cebit, wo sie für die eine oder andere Überraschung gesorgt haben. dRu haben wir schon auf der MIAGE-Lan kennengelernt. Über die Portugiesen wissen wir nicht viel. Dennoch sollten wir unsere Gruppe als Gruppensieger beenden.“
Kommt der Deckendefuse?
Der zweite Platz in der wohl anspruchsvollsten nationalen Counter-Strike Liga der Welt, hat offenbar auch die Veranstalter der GameGune beeindruckt. Platz sechs in den Seedings ohne eine größeren internationalen Auftritt in der Vergangenheit ist durchaus bemerkenswert. „Im Normalfall schätze ich uns noch etwas stärker als A-gaming ein, aber da es noch keinen offiziellen Vergleich zwischen uns beiden gab, können wir damit gut leben“, bekräftigt chillkroete. Auf die obligatorische Frage nach Angstgegnern wusste hingegen auch er keine Antwort: „Das ist sehr schwer zu sagen, da wir viele Teams nur von PCWs kennen und manche sogar überhaupt nicht. Ich denke, die Spiele gegen mibr und EG werden sehr interessant werden, da wir deren Spielstil nur vom HLTV kennen. Ich sehe es eher als eine zusätzliche Herausforderung und Chance gegen große Namen zu spielen.“ Der Vorteil ist wiederum, dass die Gegner n!faculty auch deutlich schlechter einschätzen können, als beispielsweise mousesports. Einen Deckendefuse hält Frigh trotzdem für unwahrscheinlich: „Die ganzen europäischen Teams können wir damit nicht mehr überraschen, die kennen das alle; ob die Brasilianer davon mitbekommen haben, weiß ich nicht. Aber wenn die Situation gerade passt…“
Aufwärmrunde für den ESWC
Genau passend käme für mousesports der Sieg in diesem Turnier. Die GameGune wird deutlich ernster genommen als der hauseigene Best-of-Five-Cup, gilt aber schon eher als Vorbereitung für den wichtigen ESWC. Dennoch sieht Navid ‚Kapio‘ Javadi auch Risiken: „So ein Turnier finde ich schwieriger zu spielen, als zum Beispiel die ESWC Masters, da hier alle Teams auf uns schauen und wir im Grunde nur verlieren können. Jedes Team hat die Chance uns zu schlagen, unsere Pistolenschwäche ist ja bekannt. Man muss auch erst einmal abwarten, wie wir uns auf den anderen Maps schlagen; auf den ESWC Masters haben wir ja nur de_train gespielt, was derzeit sehr gut bei uns läuft.“ Die größte Gefahr für die Mäuse scheint glücklicherweise gebannt: Das Team kann inzwischen gut mit Druck umgehen und zeigt auch sonst, dass man den Schritt zum Topteam gegangen ist. Auch deshalb hält Kapio wenig vom tiefstapeln: „Zwar haben wir uns kein Ziel gesetzt, aber ich denke, jeder im Team spürt, dass wir das Ding holen können. Ich denke auch, dass wir mittlerweile so eingespielt und konstant sind, dass das möglich ist.“ Diese besonnene aber selbstbewusste Haltung macht die neuen Mäuse aus: Endlich kann man dem Team einen Sieg zutrauen, ohne eine Schlappe gegen einen Underdog befürchten zu müssen; gleichzeitig ist man nicht zu arrogant, um sich von vornherein zum Sieger zu erklären.
Kommt es zum Traumfinale?
Denn natürlich darf man die anderen Teams auf keinen Fall unterschätzen. Gerade mibr wird nach den wenig beeindruckenden Auftritten in letzter Zeit wieder auf einen Coup hoffen und auch die Nordamerikaner drehen von Zeit zu Zeit auf, auch wenn sie in Europa nicht einmal ansatzweise so bekannt sind wie die großen Teams compLexity und Team3D. Schließlich könnten auch die spanischen Lokalmatadoren mit ihren Fans im Rücken zur Gefahr werden. Ein Finale zwischen mousesports und n!faculty wäre also durchaus eine Sensation. Aber Sensationen sind ja die Spezialität von n!faculty.