Gleich drei asiatische Teams bekommen auf den e-stars in Seoul die Chance, sich direkt mit der Konkurrenz aus Europa zu messen – endlich, möchte man sagen, denn die letzten asiatischen Erfolge liegen mittlerweile einige Zeit zurück. Man erinnere sich an das Jahr 2005, wo wNv zuerst auf dem ESWC mit beeindrucken individuellen Leistungen auf sich aufmerksam machte und am Ende des Jahres schließlich die WEG Season III gewann. Man erinnere sich an Lunatic-hai, die den zweiten Platz auf der CPL Winter errangen und im Finale gegen die Schweden von SK nur eine Winzigkeit davon entfernt waren, den ersten asiatischen Turniersieg außerhalb des eigenen Kontinents zu feiern. Als dann noch wNv Anfang 2006 die WEG Masters im eigenen Land gewinnen konnte, war der Trend perfekt. Alles sprach damals von den zahlreichen Teams aus dem Fernen Osten, von ihrem so ansehnlichen Einzelskill, von ihrem Ehrgeiz und davon, dass sie vermutlich die nächsten Jahre die CS-Szene dominieren würden. Diese nächsten Jahre sind nun vergangen, aber sie ist ausgeblieben – die Invasion aus dem Osten. Man wartet immer noch auf einen chinesischen oder koreanischen Turniererfolg außerhalb Asiens und die erwartete Flut von Spielern, die den europäischen Platzhirschen den Rang streitig machen, ist ebenfalls nicht eingetreten. Viel mehr ist sie noch weiter zurückgegangen und mittlerweile auf eine äußerst überschaubare Größe geschrumpft.
eStro: Die einzige asiatische Konstante
Genauer gesagt gibt es momentan mit eStro eigentlich nur einen einzigen asiatischen Vertreter, der sich zum Kreis der internationalen Topteams zählen kann und sich diesen Titel im Jahre 2008 auch redlich verdient hat. Mit einem zweiten Platz auf den Extreme Masters II Finals setzte man ein deutliches Ausrufezeichen, nachdem man ein halbes Jahr vorher auf dem EM-Stop in Los Angeles mit einem Sieg gegen das damalige PGS und einem insgesamt guten Abschneiden bereits seine Stärke angedeutet hatte. Beim letzten Formtest auf den ESWC Masters war zwar schon in der ersten Playoff-Runde gegen „Angstgegner“ mouz Schluss, jedoch gab man mit Siegen gegen Team EG.us und einem Draw gegen mTw einen Hinweis auf die gute, aktuelle Verfassung. Dabei ist es beeindruckend, wie viel Erfahrung außerhalb Südkoreas die fünf Spieler um Superstar solo bereits gesammelt haben und wie konstant sie ihre Leistung auf fremden Kontinenten mittlerweile abrufen können. Denn genau das war über Jahre hinweg das Problem der Asiaten: das Heimweh. Man konnte zwar immer wieder hier und dort Duftmarken setzen, aber wenn es darauf ankam, versagten die Nerven. eStro hat offensichtlich mittlerweile gelernt, wie man dieses Problem in den Griff bekommt. Zwar fehlt auch hier immer noch der letzte Schritt zum ganz großen Erfolg, aber Konstanz ist immerhin ein Anfang.Mit der Brechstange zum Erfolg im Hause Lunatic-hai
Ein Anfang, den Lunatic-hai im Oktober des letzten Jahres starten wollte, indem man ein neues Team rund um den einstigen Shootingstar enemy aufbaute. Denn seit der bereits angesprochenen CPL Winter 2005 hatte man nie mehr etwas Großes erreichen können und den Clan sogar schließen müssen, bis man fast zwei Jahre nach dem größten Erfolg der Teamgeschichte ein Comeback startete. Es sollte nun alles ganz schnell gehen: Die alten Stars enemy und cliper, dazu mit Razer eine große Firma als Sponsor im Rücken und dann schnell den KODE5-Spot für Südost-Asien gewinnen. Doch die Brechstangen-Taktik schlug fehlt und Luncatic-hai musste sich in der Qualifikation für Moskau gegen xqR aus Singapur geschlagen geben. Dabei war vor allem erstaunlich, wie viele Probleme die Koreaner hatten, sich gegen den überraschend starken Gegner auf ihr eigenes Spiel zu fokussieren und wie sehr die Motivation nach verlorenen oder schlecht gespielten Runden litt. Es war wieder ein Rückfall in alte asiatische Zeiten zu erkennen, wo man Runde für Runde den Erfolg erzwingen wollte und somit irgendwann komplett sein bevorzugtes Schema über den Haufen wirft, um nervös und ungeordnet über die Map zu laufen. Ob Lunatic-hai dieses Problem ausgerechnet vor heimischer Kulisse in den Griff bekommen kann, scheint fraglich. Die selbst gesteckten Ziele dürften nun noch höher sein und sollte es gegen die abgeklärten europäischen Teams nicht auf Anhieb klappen, könnte sich schnell wieder Nervosität bei den Koreanern einstellen.Chinesische Drachen im Schlingerflug
Ganz soviel Druck dürften die Chinesen vom Team Dragon nicht mit nach Seoul tragen, obwohl es Anfang des Jahres so aussah, als könnte sich ein neues nationales Topteam formen. Konnte man immerhin auf der nationalen KODE5-Qualifikation wNv recht deutlich besiegen und alle Welt harrte der Dinge, die da auf den Global Finals in Moskau kommen sollten. Doch bevor man die Leistungen der Chinesen ernsthaft erwarten konnte, saßen die Spieler selbst erst einmal am Flughafen in London fest: Ganze zwölf Stunden mussten sie sich dort aufhalten, bevor offene Visa-Fragen geklärt waren. Völlig übermüdet, kraftlos, demotiviert und am Ende ihrer Leistungsfähigkeit kamen die Drachen schließlich auf den Global Finals an. Dementsprechend fiel schließlich auch die Leistung aus: Gegen alle Topteams verlor man deutlich im einstelligen Rundenbereich und konnte zu keiner Zeit den oft gerühmten asiatischen Einzelskill zur Geltung bringen. Viel mehr sah man ihnen an, dass sich hier fünf junge Männer über den Server schleppten, die die grenzenlose Enttäusschung einfach nur hinter sich bringen wollten. Vor einer Woche folgte dann die chinesischen ESWC-Ausscheidungen. Zwar konnte man als Zweitplatzierter das Ticket nach San Francisco lösen, doch unterlag im Großen Finale wNv deutlich. Wenige Tage später wiederum folgte die Revanche mit einem Sieg in der G-League – wieder gegen wNv. Dem Dragon-Team fehlt es offensichtlich national an Konstanz und endgültiger Durchschlagskraft; man schafft es einfach nicht, den ärgsten Widersacher auf Distanz zu halten und über mehrere Monate die machbare Leistung abzurufen. Dass man unter diesen Umständen sich nun gegen die Weltelite aus dem Westen beweisen kann, scheint äußerst unwahrscheinlich.Es sieht also fast so aus, als sollte die asiatische Invasion auch dieses Mal ausbleiben. Team Dragon und Lunatic-hai scheinen in Sachen Konstanz und Abgeklärtheit einige Ligen unter der Weltelite zu spielen und auch durch starken Einzelskill wird man derzeit kaum ein fnatic, ein MYM oder ein emuLate beeindrucken können. So dürften alle fernöstlichen Hoffnungen ein weiteres Mal auf eStro ruhen. Zwar unterlagen sie auf den KODE5 Global Finals und den ESWC Masters beide Male recht deutlich gegen mouz, doch dieser Angstgegner ist nicht vor Ort und gegen die anderen Topteams wie mTw, MYM, SK und auch Alternate zeigte man sehr gute Leistungen. Dazu können sie sich bei dem überschaubaren Teilnehmerfeld deutlich besser auf die kommenden Gegner vorbereiten, was es unwahrscheinlich macht, dass sie förmlich überrant werden, wie es gegen die Mäuse der Fall war. Zusammen mit dem Heimvorteil und dem begeisterungsfähigen koreanischen Publikum könnte es dieses Mal endlich dazu reichen, die so erfolgsverwöhnten Europäer mit leeren Händen nach Hause zu schicken.


