Mit einer gigantischen Schlussfeier gingen vor einigen Tagen die Olympischen Spiele 2008 zuende. Für das vorläufig letzte Mal schaute die Weltöffentlichkeit geschlossen nach Peking, wo man diese Gelegenheit noch einmal nutzen wollte, um die eigene Macht und Größe zur Schau zu stellen. Die Spiele haben gezeigt, dass China im sportlichen Bereich angekommen ist, wo sie hingehören: ganz oben. Legt man die Vermutung zugrunde, dass ein Sportler eine gewisse Veranlagung und Training braucht, um in der Spitze aktiv zu sein, ist es statistisch gesehen evident, dass China die meisten Goldmedallien sammeln konnte. Talent und körperliche Eignung, also die Voraussetzungen für sportlichen Erfolg, dürften ausgeglichen über die Welt verteilt sein. Das Land mit der größten Bevölkerung hat infolgedessen erhöhte Chancen in allen Disziplinen. Die umstrittene chinesische Sportförderung sorgt schließlich dafür, dass dieses Potential ausgeschöpft wird. Dieses effiziente Nutzen des eigenen Potenzials zieht sich durch alle Bereiche des chinesischen Staates und seine Bewohner. Der Wille ist es, der China so rasant wachsen lässt. Eine Formulierung, die schon in den meisten Zeitungen stand, fasst es besonders gut zusammen: der Drache ist erwacht.
Der eSport in China boomt
Dass das auch und sogar besonders stark für den eSport gilt, wurde bei der Verleihung der eSport-Awards am Samstag deutlich. Der CEO des ESL-Partners PGL, Vincent Cheung, gab in seiner Präsentation des Titels für die beste eSport-Coverage einige Zahlen zum Besten, die deutlich machen, wie dominant China im eSport sein könnte und eventuell werden wird. Schon jetzt stellen die Chinesen die meisten Internetnutzer auf der Welt. Durch den technischen Fortschritt dürften auch eSport-fähige PCs sowie Internet für immer mehr Chinesen erschwinglich werden. Hinzu tritt die Größe der wichtigsten eSport-Zielgruppe innerhalb der sowieso schon weltweit größten Zivilbevölkerung: Durch die Ein-Kind-Politik verbunden mit einer gesellschaftlichen Bevorzugung von Männern gibt es in China mehr junge Männer als Frauen.Die ESL und verschiedene Clans, wie zum Beispiel mousesports, haben dieses Potenzial erkannt und versuchen es nun mit Partnern in China zu nutzen. mousesports sucht nach WC3-Talenten, die es nach ganz oben schaffen können. Die ESL möchte sich von Anfang an als führender Turnierveranstalter etablieren und möglichst vielen Chinesen einen ESL-Account angedeihen lassen. Die Fortschritte dieses Versuchs waren das größte Hindernis auf dem Weg zur Titelverteidigung von readmore.de im Bereich Beste eSport-Coverage. Kaum jemand hatte replays.net, eine chinesische Seite, die in Deutschland bisher eher für ihr Replayarchiv bekannt war, auf der Rechnung, als der Sieger verkündet wurde.
Frischer Wind von Osten
Das Ergebnis ist natürlich etwas enttäuschend für readmore.de, hieß es danach aus verschiedenen Quellen auch noch, dass die Abstimmung äußerst knapp ausgefallen sei. Der ESL hingegen kann der Sieg einer chinesischen Seite nur gut tun, sieht man dort doch seinen wichtigsten Markt für die Zukunft. Auch für den eSport ist eine solche Entwicklung positiv. Wie man aus der Wirtschaft weiß, ist Wachstum nötig, um Stillstand zu vermeiden. Im europäischen Kernland beginnen allerdings die Userzahlen doch zu stagnieren, sodass frischer Wind aus Fernost sicher neue Sponsoren anlocken könnte. Es profitieren langfristig alle im eSport engagierten Firmen.
Europäische Spieler mögen diese neue Macht mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachten: Auf der einen Seite ist es natürlich zusätzliche Konkurrenz, die da in’s Hause steht; gerade für WC3 oder später Starcraft 2 haben viele Chinesen sicher die – wie James ‚2GD‘ Harding sagen würde – benötigten „schnellen Finger“ und den „schnellen Verstand“. Verbunden mit der wahrlich legendären Trainingsdisziplin der Chinesen werden diese Korea schon bald hinter sich gelassen haben. Für europäische Strategiespieler wird es dann noch um einiges härter sein, sich bei Topevents nach vorne zu schieben. Auf der anderen Seite jedoch bringt eine breitere Riege von Topspielern schneller neue, innovative Taktiken hervor, die dann von anderen Spielern übernommen werden können und die Weiterentwicklung des Sports garantieren. Das Spiel bleibt dadurch abwechslungsreich – gut für Spieler, Zuschauer und nicht zuletzt auch Sponsoren.Eine andere, in Zeitungen oft verwendete Phrase hat deshalb im eSport nichts zu suchen. Eine gelbe Gefahr gibt es nicht.

