Man stelle sich vor: Es liegt Geld auf der Straße – viel Geld. Aber man müsste die Straße überqueren; es liegt auf der anderen Straßenseite. Wer wäre wohl zu faul, ‚mal schnell rüber zu gehen? – Im Falle der Intel Extreme Masters Global Challenges liegt das Geld im übertragenen Sinn tatsächlich auf der Straße. 55.000 Dollar lobt die ESL für jeden der drei Stops aus. Der erste erhält davon satte 25.000, sicherlich mehr als ein gutes Taschengeld. Hinzu kommt die gewohnt starke Organisation des Events durch die ESL, welche gerade Sponsoren begeistern dürfte. Das Geld ist also nicht weit. – Warum gehen nur so wenige Teams über die Straße?
Besonders auffällig ist dieses Phänomen beim Event in Montreal: Nur zwei europäische Teams geben sich die Ehre, dazu die Brasilianer von mibr. Alle anderen Teams stammen aus Kanada oder dem Nachbarland USA. Bezeichnend, dass das französische Team emuLate absagte und durch „drei frische, amerikanische Teams“ ersetzt wurde. Für diese stehen die Chancen nun einmalig günstig, ausnahmsweise Preisgeld auf einem Topevent abzustauben. Die Frage nach den eigentlichen Favoriten steht natürlich auf einem anderen Blatt.
SK ist zurück! Aber für wie lange?
An erster Stelle auf diesem Blatt steht SK Gaming. Die Schweden haben ihre lange Durststrecke überwunden und sich zu den Favoriten auch für kommende Events hochgeschossen. Gerade ihre, in zahllosen Overtime-Runden bewiesene Nervenstärke könnte den Unterschied machen und einen weiteren Sieg ermöglichen. 50.000 Dollar Preisgeld würden die Amerikatournee der Schweden auch finanziell sehr profitabel machen. Trotzdem sollte man nicht zu überzeugt auf das Team tippen. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass auch große Dominanz schnell enden kann und eine Titelverteidigung alles andere als alltäglich ist. Die vielzitierte Tagesform kann auch ein anderes Team nach oben bringen.Sie sind nichts ohne Headshots
Zwei dieser Teams haben positiv überrascht beim letzten Turnier in der Stadt der Engel. Zum einen mibr, die ihr privates Wechselkarussel besser überstanden haben, als von den meisten Experten vorhergesagt. Genauso überraschend war der Auftritt der Evil Genuises, den nordamerikanischen Hoffnungsträgern schlechthin. Beide Teams verbindet nicht nur der Kontinent, sondern auch ein ähnlicher Spielstil, der im Wesentlichen darauf hinausläuft, dass man den Gegner ausschaltet, bevor dieser irgendwelche Taktiken erfolgreich anwenden kann. Prototyp für diese Spielweise ist das Spiel von Jordan ’n0thing‘ Gilbert gegen fnatic, aufgrund dessen er von der Community bereits in den Himmel gehoben wurde. Problematisch an einer solchen Spielweise sind die besonders starken Auswirkungen der eigenen Tagesform: Während man eine 100fach geübte Taktik auch spielen kann, wenn es gerade nicht so gut läuft, braucht man für die aimlastige Spielweise besonders viel Selbstbewusstsein. Entscheidend für beide Teams könnte demnach der eigene Start in’s Turnier werden.Comeback der schwedischen Stehaufmännchen?
Für ein anderes Team ist weniger der Start, sondern die Schlussphase des Turniers bedeutend: Während fnatic traditionell die Gruppenphase eher übersteht als dominiert, wird anschließend der Turbo gezündet, der das Team in der Regel mindestens in die Top3 katapultiert. Während in Los Angeles Teil Eins durchaus funktionierte, blieb die Leistungsexplosion in den Playoffs aus. Die erfolgsverwöhnten Schweden spielten weit unter ihrem normalen Niveau und erreichten nicht einmal die Preisgeldränge. Eigentlich wollte man die Zeit zwischen den beiden Amerika-Events zur Erholung nutzen, stattdessen stand Nachsitzen auf dem Stundenplan. Es ist schwer abzusehen, ob die knappe Zeit reichen wird, um aus dem abgestürzten Team wieder einen strahlenden Sieger zu machen. An der Motivation dürfte es jedenfalls nicht scheitern: Denkbar scheint, dass einige Spieler in Montreal bereits um ihren Verbleib im Team kämpfen müssen. Konstanz im Lineup lässt sich bei Misserfolg besonders schwer rechtfertigen; gerade dann, wenn im eigenen Land formstarke Talente auf eine Bewährungschance warten. Den Schweden ist dennoch zuzutrauen, dass sie mit einer Topleistung die Kritiker ruhig stellen. Die Preisgeldränge werden dieses Mal sicher nicht verfehlt.Landestypisches Kanonenfutter
Das ist insofern kein Kunststück, als die Konkurrenz vom eigenen Kontinent das Event lieber meidet. So bleiben nur noch die hiesigen Teams, um dem Durchmarsch der Favoriten Einhalt zu gebieten. Der Name EG.ca beispielsweise weckt zumindest Erinnerungen an ein Team, welches einst die amerikanische Counter-Strike-Ehre verteidigte, bevor es dann zum CGS Franchise Chicago Chimera wechselte. Ansonsten sind die Teilnehmer allenfalls Kennern der kanadischen Szene bekannt, sofern es so etwas gibt. Des Weiteren reisen noch zwei Teams an, die den Sprung über die Landesgrenze gewagt haben: Team j1n und Check-Six waren in Los Angeles noch nicht dabei und hoffen nun auf etwas Preisgeld. Wichtiger sind aber die Teams, die fehlen: Gerade das überraschend starke Team Paragon of Virtue hätte sich nach den Erfolgen spontan zu einer weiteren Teilnahme entscheiden können, um die kurze Spanne der Aufmerksamkeit der Szene etwas zu verlängern. Doch offenbar war die Überquerung der Straße auch noch zu mühsam.


