Wer in den letzten beiden Tagen nicht ESL TV eingeschalten hatte, war hoffentlich selbst in Kattowitz vor Ort. Ansonsten hat man die wohl eindrucksvollste Kulisse, die der eSport je hervorbrachte, verpasst. Die starke Vorstellung von Virtus.pro brachte die Spodek Arena regelrecht zum kochen. Die Fans trieben ihre Landsmänner zu außergewöhnlichen Leistungen, dessen Resultat der Einzug ins große Finale war, in dem sie NiP gegenüberstehen. Ein schöneres Setting kann es an einem Sonntagnachmittag nicht geben.
Was für ein Event! Von vielen im Vorfeld als Geheimfavorit gehandelt, schaffte es Virtus.pro nun tatsächlich in das große Finale, wo dem Sieger satte 100.000 US-Dollar an Preisgeld winken. Zudem ist es seit langer Zeit das erste Finale eines Major Events, was die Golden Three bestreiten.Zuvor plagten Neo, TaZ und Pasha unzählige Jahre, in denen sie immer wiederkehrende Probleme mit ihren Organisationen hatten und nie lange unter einem Banner spielten. Diese ständigen Schwierigkeiten mündeten schließlich in Zeiten der Clanlosigkeit zu dem ironischen Teamnamen „AGAiN“, zu Deutsch wieder, erneut.
Einen passenderen und zugleich mit einer bitteren Wahrheit versehenen Namen gab es wohl so nie in Counter-Strike. Doch genau diese wörtliche Bedeutung wurde zu ihrem Markenzeichen. Sie gewannen einfach trotzdem wieder und wieder Events. Zwei Mal WCG-Gold, 2009 und 2011 – das hatte zuvor niemand geschafft. Die Polen schrieben damals Geschichte. Die letzte Intel Extreme Masters Saison mit CS 1.6? Gewannen natürlich die Golden Five. Ein Eintrag in den Geschichtsbüchern ist ihnen damit gewiss.Seit Counter-Strike: Global Offensive probierten sie es lange Zeit weiterhin als goldenes Fünfergespann. Die Erfolge blieben diesmal allerdings aus, die Dominanz von NiP war zu der Zeit ungebrochen. Die logische Konsequenz war die Zusammenstellung eines neuen, frischen und motivierten Lineups. Paweł ‚byali‘ Bieliński und Janusz ’snax‘ Pogorzelski sollten ab Oktober letzten Jahres kräftig Wind in die schlaffen Segel blasen.
Was mit ein paar wenigen kurzen Luftstößen begann, entwickelte sich nun zu einem regelrechten Orkan, der das Schiff auf einen neuen Kurs brachte: den Titelkurs. Was in den Polen für ein Potential steckt, ließen sie bereits Ende Dezember 2013 in Kiew aufblitzen. Der Sieg der achten SLTV StarSeries Saison sendete nur ein Signal an die Außenwelt: „Schaut her, wir sind wieder da, rechnet mit uns!“. Unter welchem Namen sie das Turnier gewonnen haben, erübrigt sich an dieser Stelle…
Seit dem 25. Januar 2014 haben Neo, TaZ, pasha, byali und Snax ein neues Kapitel aufgeschlagen. Mit einer finanzstarken Organisation im Rücken, ist es ihnen nun endlich möglich, den nötigen Aufwand zu betreiben, ganz oben mitzuspielen. Die damit einhergehenden Forderungen und Ansprüche seitens Virtus.pro scheinen sich direkt mit dem ersten Turnier zu erfüllen.Den holprigen Start in der Gruppenphase konnte man schnell überwinden und den Karren wieder auf die richtige Spur lenken. Gegen Titan 16:7 gewinnen? Kein Problem. Nur elf Runden im Viertelfinale abgeben? Eine Leichtigkeit. Ein Halbfinale auf den beiden gewonnenen Maps nahezu dominieren? Ihr seht, wohin der Hase läuft.
Nichts und Niemand scheint Virtus.pro auf diesem Turnier aufzuhalten. Was im Fußball schon seit Ewigkeiten Alltag ist, bekommen die Polen hier in ihrem Heimatland vor heimischem Publikum seit Freitag zu spüren. Sie werden von den Zuschauern an ihr Maximum getrieben. Jeder Frag wird honoriert. Firstfrag? Klatschen. Zweiter Frag? Klatschen und leichter Jubel. VP gewinnt eine Runde? Vollste Ekstase, Sprechgesänge, Klatschstangen werden aneinander geschlagen, die polnische Flagge gewedelt. Ich dachte schon, das Publikum auf der DreamHack hätte Klasse, doch die Polen spielen in einer noch höheren Liga.Mit Sicherheit werden die rund 10.000 Fans heute Nachmittag auch wieder völlig eskalieren und den Spodek zum Beben bringen. Zudem wird es ihnen noch gedankt. Besonders TaZ spricht nach den Spielen zu den Fans, wie auch nach dem Halbfinale gegen LGB: „Wir lieben und bedanken uns bei euch.“ Ein „Danke“ auf Polnisch als Sprechgesang ist die Antwort. Sie können alles bewältigen, meint er weiter. Wie Recht er damit hat, zeigt sich in wenigen Stunden ab 13 Uhr.
Ihr mögt euch nun fragen, gegen wen Virtus.pro nun eigentlich antreten muss. Wer steht ihnen im Finale gegenüber und sollte man über dieses Team nicht auch ein paar Worte verlieren? Meine Antwort darauf lautet: nein. Was hier geschieht, gehört einzig und allein den Polen. Und wer ist schon bitte NiP? Wenn man AdreN von HellRaisers glauben schenkt, dann ist das Finale ohnehin schon beschlossene Sache. „GTR & f0rest verlieren immer Finalspiele gegen TaZ & Neo“, sagte er uns im Interview. TaZ verdeutlicht die ganze Angelegenheit: „Es ist unser zu Hause, unsere Trophäe und unsere Menschenmenge“.(Der Upload weiterer Impressionen verzögert sich leider. Wir bitten um Entschuldigung.)




