Ein großes Event und viele kleine Geschichten. Die Veranstaltung in Frankfurt wird lange in Erinnerung bleiben. Unter den Besuchern war auch Moritz, der wie aus dem Nichts den wahrscheinlich aufregendsten Tag seiner Dota-Laufbahn erlebte. Adrian ‚Adro‘ Roeske hat die Geschichte festgehalten.
Schon seit Stunden schreitet Moritz am Zaun des Early Bird-Bereichs auf und ab. Immer wieder versucht er Spieler und Caster abzufangen, die aus den Katakomben zur Bühne huschen, um ein Autogramm zu bekommen. Entgegen der üblichen Hilfsmittel – einem Dota 2-Plakat oder ähnlichem – hat er eine simple Pappe dabei. Ein knapp 1,20 x 0,80 m großes Stück von einem Karton. Sein Ziel: Unterschriften aller Caster und Spieler auf einem Plakat vereinigen.
Als Moritz mir ins Auge fällt hat er bereits eine stattliche Anzahl von Unterschriften gesammelt. Das Stück Karton ist vollgeschrieben, aus nahezu allen Teams haben sich Spieler verewigt. Als er in diesem Moment am Zaun steht ist sein nächstes Ziel der Caster Bruno. Er befindet sich neben dem Kommentatoren-Panel, sieht sich das Spiel auf der Großleinwand an und bekommt nicht mit, was sich unten abspielt. Der 20-Jährige winkt mehrere Minuten lang vergeblich, um die Aufmerksamkeit des Casters auf sich zu ziehen.
Längst hat ein Kameramann der ESL-Crew die Situation mitbekommen. Ihm ist Moritz, sage und schreibe, vier Stunden eher aufgefallen. Nachdem er die Situation verfolgt hat, fasst er sich ein Herz und geht zu dem schmächtigen Informatik-Studenten rüber. Moritz erklärt ihm sein Anliegen, woraufhin er sich dazu entschließt ihn kurzerhand vorbei an der Security die Treppen hinaufzuführen.
Moritz, sichtlich nervös, kann sein Glück kaum fassen. In der Erwartung, Brunos Aufmerksamkeit auf gut Glück zu bekommen, steht er wenige Sekunden später vor ihm, kann ihm die Hand schütteln und bekommt das gewünschte Autogramm. Dem Kameramann sei die Situation frühzeitig klar gewesen, das gezielte Sammeln der Autogramme sei schnell aufgefallen. Er habe Moritz einfach einen Gefallen tun wollen. Als ich ihm im Nachgang von den darauffolgenden Szenen erzähle, freut er sich sichtlich über die gelungene Aktion.
Access All Areas in zwei Minuten
Doch die Szene ist damit nicht vorbei. Moritz, der den Weg aus Karlsruhe auf sich genommen hat und mit drei Freunden auf dem Event in Frankfurt unterwegs ist, bedankt sich überschwänglich bei dem ESL-Crewmitglied. Letzterer bittet nach und nach alle umherstehenden eSport-Persönlichkeiten, sich auf der Pappe von Moritz zu verewigen. Es fällt auf, dass der Kameramann es gut mit dem schüchternen Moritz meint. Da Moritz auf der Suche nach einigen weiteren Spielern ist, dem ESL-Mitarbeiter aber die Zeit fehlt, wird er an HoneyFrog, den Social Media Manager von LGD, verwiesen.
Mit den Szenen, die sich in den folgenden Sekunden abspielen, hatte Moritz nicht einmal ansatzweise gerechnet. Nach einem kurzen Austausch mit HoneyFrog händigt der Kameramann der ESL dem um Worte ringenden Moritz seinen Access-All-Area-Ausweis aus, samt einem schwarzen VIP-Bändchen. Die Kombination gewährt dem Besitzer freien Zugang zu nahezu allen Bereichen der Commerzbank-Arena. Hektisch verstaut Moritz die Pappe in der großen Tasche, die er mit sich herumträgt und nimmt beides an sich.
- Quelle: readmore.de
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Was der Kameramann in diesem Moment nicht ahnt: Es ist der Beginn der vermutlich aufregendsten 20 Minuten, die der Dota-Fan der ersten Stunde erleben wird. Wenige Augenblicke befindet sich Moritz wieder auf dem Weg. In Begleitung von HoneyFrog zieht er eine Etage weiter nach oben. Die Suche nach den letzten Spielern, die ihm in seiner Sammelaktion noch fehlen, nimmt ein Ausmaß an, das Moritz immer weiter in die Nervosität treibt.
Gemeinsam geht es auf die Suche nach Cloud9-Protagonist SingSing, den Moritz an diesem Tag schon länger sucht. Allerdings können weder Na’Vi-Manager Zerogravity noch XBOCT helfen – Autogramme gibt es dennoch. Personen, von denen Moritz vor wenigen Minuten nicht glaubte, dass er ihnen mal persönlich die Hand schütteln würde. Die Krönung sollte allerdings noch folgen. Kurze Zeit später steht das Duo auf dem Balkon, auf dem sich sämtliche Teams und allerlei eSport-Prominenz tummeln. Zwischen Puppey und Cyborgmatt stehend wirkt Moritz nun endgültig überfordert.
Luminous, YouTube und der Weg zu Dota
Er sei damals über Luminous in die Szene gekommen, als er sich auf YouTube einige Dota-Casts von ihm angesehen hatte, wie er im Gespräch hinterher erzählen wird. Getroffen hat er ihn bereits und ihm motiviert von seiner Sammelaktion erzählt. Da war seine Pappe noch weitestgehend leer. Das Besuchen des Events in Frankfurt sei für ihn ein Pflichttermin gewesen. Sofort nach der Bekanntgabe habe er sich ein Early Bird-Ticket gesichert. Dass er allerdings plötzlich zwischen all den Spielern stehen würde – damit hatte er zu keinem Zeitpunkt gerechnet.
Für Moritz ist der Favorit auf den Turniersieg übrigens iG. Die Chinesen würden das Spiel am besten verstehen, weshalb er auch so viel Respekt vor ihnen habe. Genau das ist es, was ihn an Dota so fasziniert. Die komplexen Mechaniken, das tiefgehende Verstehen des Spiels. Insbesondere die Mannschaften aus dem asiatischen Raum seien darin extrem gut darin, das Spiel zu perfektionieren, weshalb Moritz ihr Spiel am meisten schätze.
Einige Autogramme später geht es zurück in den Backstage-Bereich des Stadions. Die Suche nach SingSing verläuft erfolgreich, wenngleich Moritz ohnehin weitaus mehr bekommen hat, als er erwartet hatte. Seine Nervosität bleibt allerdings sowohl der Security als auch den Personen nicht verborgen, die die Zugänge zu den einzelnen Bereichen kontrollieren. Insbesondere ein Detail macht die Verantwortlichen unruhig: Das Crewmitglied der ESL hatte sich das Bändchen lediglich vom Arm gerissen und Moritz in dieser Form überreicht. In Kombination mit seiner Aufregung fällt schnell auf, dass er eigentlich nicht in den Premium- oder VIP-Bereich gehört.
Die Security wird zum Spielverderber
Als sich HoneyFrog und Moritz auf der mittleren Ebene voneinander verabschieden, nimmt er den AAA-Ausweis ansich, um diesen wieder an das Mitglied der ESL-Crew zu überreichen. Das schwarze Band darf Moritz behalten. Kurz darauf spreche ich Moritz an, um mit ihm über die letzten Minuten zu reden. Doch es dauert keine 15 Sekunden, bis plötzlich eine Gruppenleitung der Security neben uns auftaucht. Knapp 1,85 Meter groß, gefühlt ebenso breit und mit einer Ausstrahlung, die Moritz erneut zittern lässt. Ohne sich groß aufklären zu lassen weist er Moritz an, ihm zum ESL-Counter im Eingangsbereich zu folgen. Sichtlich eingeschüchtert folgt er.
Unten angekommen ist die Aufregung des Security-Chefs zunächst groß, dem sofort klar ist, dass das Band nicht Moritz gehört. Ohne zu zögern versucht Moritz in Bruchstücken und unter ständigem Entschuldigen die Situation zu erklären. Während den ESL-Mitarbeitern die Lage schnell einleuchtet, dauert es noch einige Momente, bis auch dem Gruppenleiter klar wird, dass Moritz weder böse Absichten hat, noch irgendeine Gefahr für jemanden darstellt.
Die Lage entschärft sich blitzartig, als Moritz diesen Moment Redezeit bekommt. Der 1,85-Hüne, der Moritz offenbar zunächst vom Gelände verweisen will, lenkt ein, überlässt das weitere Vorgehen der ESL und entfernt sich vom Geschehen. Die Gelegenheit nutze ich um erneut in die Situation einzugreifen und einen Überblick über die letzten Minuten zu geben. Emotional hat Moritz zu diesem Zeitpunkt bereits eine Achterbahn ohnegleichen erlebt. Die Freude und das Glück sind allerdings die Emotionen, die am Ende überwiegen werden. Es wird schnell klar, dass die überraschende Nähe zu den Spielern das Highlight seiner Dota-Laufbahn ist.
Zusammen mit einem ESL-Mitarbeiter befinden wir uns nach kurzer Klärung der Situation auf dem Weg durch die Arena und zurück in den Early-Bird-Bereich, in dem alles angefangen hat. Ein weiteres Mal müssen wir mit der Security diskutieren, um nicht den langen Weg nehmen zu müssen. Doch auch diese letzte Hürde übersteht Moritz. Der ESL-Mitarbeiter verabschiedet sich und Moritz, der immer noch mit der Aufregung kämpft, wirkt völlig erschöpft. Zusammen suchen wir uns einen Platz im Publikum, um uns das Ende der Partie zwischen fnatic und EG anzusehen. Seine Faszination für Dota und die Spieler ist nicht zu übersehen. Er selbst habe bereits viel Zeit in Dota investiert, vielleicht sogar schon zu viel, wie er etwas selbstkritisch anmerkt. Bei spannenden Szenen analysiert er augenblicklich das Geschehen und fiebert mit allen Beteiligten mit. Ganz nebenbei erzählt er mir seine Geschichte. Die Geschichte eines Dota-Fans auf einer Reise durch die kleine Welt, in der er kurz und unerwartet seinen großen Auftritt hat.





