In unserer dreiteiligen Interview-Reihe mit Jos 'ret' de Kroon thematisierten wir die Entwicklung des eSport. In den folgenden zwei Ausgaben erläutert der Zerg zudem den Status von StarCraft II sowie seine Zukunftspläne.
Die englische Originalversion des Interviews ist auf der zweiten Seite zu finden.
Die guten alten Zeiten
readmore.de: Du bist ein eSport-Veteran, der Erfolge in Brood War und StarCraft II feierte. Heute zählst du zu den bekanntesten Spielern in StarCraft II und stehst an der Spitze, wenn es um Follower auf Twitter geht. Was ist deine schönste Erinnerung, wenn du dich auf den eSport vor und nach Release von StarCraft II besinnst?
Jos 'ret' de Kroon: Ich denke, dass die meisten Leute, die als Kinder Videospiele liebten, auch die schönsten nostalgischen Gefühle für ihr allererstes Spiel sowie ihre ersten Erfahrungen im Gaming haben. Für mich ist es auch so, denn wenn ich an die Zeit vor StarCraft II denke, dann denke ich an StarCraft: Brood War. Daran habe ich schöne Erinnerungen, wobei es schwer ist, eine bestimmte auszuwählen. Es ist mehr der damalige Lebensstil und das Gefühl der damaligen Zeit. Ich war Teil einer neuen Welt und sah den eSport zum ersten Mal, als ich koreanische Ligen verfolgte. Es war staunenswert. Die zahllosen Stunden, die ich mit Anderen aus der gesamten Welt verbrachte, um zu trainieren, mich für Turniere vorzubereiten und diese zu spielen – die Kirsche oben drauf war es dann, diese Menschen zu treffen, wenn man es einmal im Jahr zu den WCG schaffte. Meine schönsten Erinnerungen sind wohl eben diese: Leute zum ersten Mal treffen und einfach Zeit mit ihnen verbringen – ein soziales Leben führen. Damals hatte pflegte ich kaum ein solches, denn ich war ein junger Nerd, der all dies zum ersten Mal erfuhr. Um ein bestimmtes Spiel zu wählen, habe ich wohl auf mein Match gegen Lee 'NaDa' Yoon Yeol zurückzugreifen. Auf der BlizzCon nahm ich ihm eine Karte ab, verlor allerdings die Partie.Auch von StarCraft II haben ich viele gute Erinnerungen. Obwohl ich bereits in Turnieren rund um den Globlus in StarCraft: Brood War teilnahm, brachte StarCraft II das Ganze auf einen ganz anderen Level. Meine schönste Erinnerung ist, wie ich beim BlizzCon Europe Tournament 2011 Johan 'NaNiwa' Lucchesi und Marcus 'ThorZaIN' Eklöf zerstörte und folgend vor einem tollen Publikum in Warschau zum Europäischen Champion wurde. Es war das erste Mal, dass ich etwas auf einer vergleichbar großen Bühne gewann – nichts kann mit diesem Gefühl gleichziehen!
Hättest du dir damals erdenken können, dass außerhalb Koreas einmal ganze Karrieren auf dem eSport basieren würden?
Darüber habe ich nie nachgedacht, wenn ich Broodwar spielte. Ich spielte, weil ich das Spielen liebte. Natürlich war es aber offensichtlich, dass dies irgendwann der Fall sein sollte – früher oder später. (lächelt)
Steigende Zahlen
Das letzte International brach alle Rekorde, wenn es um Preisgelder im eSport geht und siegende Spieler wurden Millionäre. Was dachtest du zunächst über diese Entwicklungen?
Absoluter Wahnsinn! Es fühlt sich immernoch irgendwie unrealistisch an, dass ein Turnier so viel Preisgeld ausschüttet. Der erste Platz brachte dort mehr Geld als der Sieg in Wimbledon – das ist unglaublich. Es zeigt die Stärke der eSport-Community, die über das Internet verbunden ist – was das bedeutet, wenn es um Finanzen und die Unterstützung von etwas geht, woran wir glauben. Ich finde das gut.
Denkst du, dass das Turnier dem eSport im Allgemeinen gut tat?
Klar. Ich sah nicht viel davon, doch von dem was ich hörte war es ein tolles Turnier mit überragender Produktionsqualität und einer guten Show. Diese Dinge sind sehr wichtig. Ist die Qualität und der Inhalt einer Show erstklassig, so nehmen die Leute es auch eher ernst.
Die wachsende Industrie
Mit der Involvierung von Sponsoren wie Red Bull, Coke und American Express im westlichen eSport, wächst die Industrie heran, auch mit etablierten Sportarten zu konkurrieren. Denkst du, dass in einer Industrie dieser Dimension die Spiele-Publisher regieren sollten?
Ich denke, dass die Entwickler der Spiele viel zu großen Einfluss auf die Dinge haben und, dass dies nichts Gutes ist. Sie haben ihre ganz eigenen Intentionen. Das Wachstum des eSport ist das einzig wahre Ziel – was auch immer eSport bedeutet. Es ist nicht wirklich relevant zur Frage, jedoch wuchs ich mit der Auffassung auf, dass die enormen physischen Herausforderungen (Maus und Tastatur), die StarCraft: Brood War an Spieler stellte, das Spiel als eSport ausmachten.
Derzeit sehen wir, wie Hearthstone in den eSport gedrückt wird – nur, weil es von Blizzard kommt. Ist das die Richtung, in die wir gehen möchten? Ich weiß nicht. Es ist ein äußerst populäres Spiel und zahlreiche Menschen spielen es, sodass auch Streams geschaut werden. Sie engagieren sich dafür und folglich werden innerhalb der Community auch Einnahmen geschaffen. Haben derartige Spiele aber einen Anreiz für den Mainstream? Möchste der eSport einmal zum Mainstream gehören, so hat er bestimmte Charakteristika zu wahren, welche auch der echte Sport besitzt und nur sehr wenige talentierte Menschen sollten fähig sein, zu übertreffen – meiner Meinung nach. Dies kann mit den mechanischen Anforderungen eines Eins-gegen-eins-Spieles erreicht werden, doch auch Dinge wie das Team-Play in MOBAs kennen keine Grenzen, wenn es um das Beweisen von Fähigkeiten geht.
Glücklicherweise kann die Szene in ihrer größe mehrere Spiele unterstützen. Ich bin wirklich gespannt, was eSport in 15 Jahren bedeuten wird.
Magst du, wie Blizzard, Riot und Valve ihren Job erledigen? Bist du für ihren Einsatz dankbar oder würdest du die Szene lieber weniger reguliert von gewissen Publishern sehen?
Mit Riot oder Valve habe ich kaum Erfahrungen, sodass ich dazu nichts sagen kann. Blizzard entwickelte sich in den letzten Jahren ungemein, im Guten und im Schlechten. StarCraft II war für sie eine lehrende Erfahrung, sodass sie heute gute Arbeit leisten, wenn es darum geht, die Communiy zu unterstützen. Ich bin sicher, dass sie damit weitermachen werden, solange sie im eSport involviert sind.
Korea
Letztendlich wurden circa 70 Pronzent des Preisgeldes beim International durch chinesische Teams gewonnen, was den Vergleich zu Koreanern in StarCraft II und League of Legends nahe legt. Es ist eine hitzige Diskussion, ob Koreaner in der WCS NA und EU teilnehmen sollten. Was ist deine Meinung?
Ich denke, dass es ein großer Fehler war, keinen Region-Lock zu setzen. Es hätte perfekt Sinn gemacht, mit einem großen Finale am Ende des Jahres, um alles zu überbieten. Die WCS EU 2012 ist wahrscheinlich mein liebstes Turnier aller Zeiten.
Stattdessen dominieren nun Koreaner die WCS in EU und NA und da sie dort leben, dominieren sie ebenfalls die Qualifier zu IEMs und andere Online-Turniere. Bist du ein junger Spieler, der einmal Progamer sein möchte, so hast du keine Möglichkeit, dich über Wasser zu halten, bis du mit der Weltspitze mithalten kannst und gegen Weltklasse-Profis für 100 US-Dollar einen Online-Cup gewinnst.
Man muss allerdings sagen, dass Spieler wie Jens 'Snute' Aasgaard oder Patrick 'Bunny' Brix um Einiges besser wurden, indem sie auf der europäischen Ladder mit Top-Spielern trainierten. So können sie inzwischen auch mit ihnen ansatzweise mithalten. Für sie war das also wahrscheinlich eine gute Sache. Ich denke, dass dies für die Szene als Ganzes aber nicht zutrifft.
Als StarCraft-Veteran liegt dir die koreanische Szene sicherlich am Herzen. Sollten wir heutzutage weiterhin zu koreanischen Standards aufblicken?
In StarCraft kommt einfach nichts nah an die koreanische Infrastruktur. Ich denke, dass das Beeindruckendste ist, dass alles praktisch in einer Stadt geschieht – Seoul. Woanders sind die Menschen weit verstreut und das gesamte Ökosystem ist anders. Dass die Teams sich wöchentlich herausfordern und alle an einem Ort sind, ist wirklich toll. Da die Frage sich aber auf StarCraft fokussierte, muss man sagen, dass diesbezüglich ja leider ein Abfall stattfand.
Im Vergleich zur letzten Saison verdreifachten sich die Zuschauerzahlen der Proleague. Das Finale fand im Freien auf einer beeindruckenden Bühne statt. Denkst du, dass StarCraft II in Korea wieder auflebt?
Von hier drüben ist das schwer zu sagen, aber es sieht so aus. Die Proleague Finals waren beeindruckend. Tolle Location, tolles Publikum. Dann gewann Lee 'FlaSh' Young Ho auch noch seine Partie und wurde zum MVP gekrönt. Hey, das hat doch etwas zu bedeuten. (lächelt)
