Amazons gestrige Ankündigung, Twitch übernommen zu haben, stellte für den Großteil der Community eine Überraschung dar. Im Kontext mit der aktuellen Strategie des Konzerns macht jedoch alles Sinn.
Amazon expandiert
Amazon sieht sich inzwischen als direkte Konkurrenz für die Online-Werbe-Giganten Google, Facebook und Microsoft. Pläne des Unternehmens basieren auf der Nutzung der Daten zum Kaufverhalten der Nutzer, um effiziente Werbung zu schalten. Gleichzeitig setzt die Konkurrenz größtenteils auf Schlüsselwörter, die dem Suchverhalten entnommen werden.
Diese vermeintlich effizientere Weise der Online-Werbung ist nicht das einzige Ass im Ärmel von Amazon: „Amazon Sponsored Links“ erreicht allein auf der Shop-Seite selbst fast 250 Millionen aktive Nutzer.
In diesem Jahr werden die Werbe-Umsätze noch auf fast eine Milliarde Dollar geschätzt, während sie im letzten Jahr bei mehr als 700 Millionen Dollar lagen. Bereits heute existiert das Partnerprogramm, welches Seiten Anzeigen schalten lässt, wobei Käufe, welche nach Betrachtung eben jener Anzeigen getätigten werden zu bestimmten Prozentsätzen die Partnerseiten bereichern.

Google war nicht nur im Kampf um Twitch der größte Konkurrent Amazons. Auch die Werbebranche wird durch Googles „AdSense“ dominiert – ein Dienst, den bisher auch Amazon wahrnimmt. Da Google im Markt etabliert ist, dürfte Amazon zunächst auch Probleme haben, ein ebenbürtiges Angebot zu stellen. Die Konkurrenz der Werbetreibenden um Google AdWords ist enorm, weshalb die Preise getrieben werden und der Dienst von Google mit besseren Konditionen für Partnerseiten lockt.
Außerdem ist zu beachten, dass Amazon einer der größten Kunden von Google ist, wenn es um Werbemaßnahmen geht. Die Unabhängigkeit Amazons würde deshalb natürlich auch ein großer Schlag für Google sein, die in ihrer Informationserfassung bisher durch Amazon große Unterstützung erhielten.
Wieso Amazon nun Interesse an Twitch zeigt ist für uns also ergründlich. Es geht um weitere Plattformen für Online-Werbung, wobei Twitch durch die offensichtlich fokussierte Zielgruppe an Gamern natürlich äußerst effiziente Anzeigen verspricht. Gleichzeitig sind die Massen an Videos (und Werbungen) auf Twitch keinesfalls zu unterschätzen: 50 Millionen aktive Nutzer konsumieren monatlich Inhalte auf Twitch – bei YouTube sind es eine Milliarde.
Der (dubiose) Weg zum Monopol?
Des Weiteren steht der Geschäftsführer Amazons, Jeff Bezos, stark in der Kritik. Auf der einen Seite wünschen sich Aktionäre natürlich wieder schwarze Zahlen, denn zuletzt wurde der Gewinn des Konzerns ausschließlich für Reinvestitionen genutzt. Auf der anderen Seite wird der 25-fache Milliardär für unsaubere Methoden kritisiert.
„Im vergangenen Jahr rutschte der weltgrößte Onlinehändler knapp in die roten Zahlen und machte vergleichsweise harmlose sieben Millionen Dollar Miese. Allein im zweiten Quartal des laufenden Jahres aber verlor Amazon das Achtzehnfache, nämlich 126 Millionen Dollar. […] Analysten prognostizieren, dass der Verlust im dritten Quartal 2014 auf über 800 Millionen Dollar steigen wird.“
Um Verlagshäuser dazu zu bringen, Preise von E-Books zu senken, ließ der Geschäftsführer so die Vorbestellungs-Funktion für ihre Produkte deaktivieren, was natürlich mit großen finanziellen Verlusten verbunden war. In diesem Rahmen gab es sogar Anfang diesen Monats eine Anzeige in der New York Times. Sie wurde von über 900 Autoren geschaltet und erklärte die Geschäftspraktiken von Amazon – anbei: Die Email-Adresse von Jeff Bezos.
„We respectfully ask you, our loyal readers, to email Jeff Bezos, CEO and founder of Amazon, at [email protected], and tell him what you think. He says he genuinely welcomes hearing from his customers and claims to read all emails at that account. We hope that, writers and readers together, we will be able to change his mind.“
Auch in Deutschland machte der Konzern negative Schlagzeilen. In diesem Sommer streikten rund 1200 Beschäftigte, denen laut ver.di die Tariflage aus dem Versandhandel zustünde. Amazon habe allerdings den Maßstab an der Logistikbranche gelegt.
Es ist wohl Fakt, dass Amazon ein Monopol in Sachen Online-Werbung sowie im Versandhandel bestrebt. Derzeit ist der Konzern bei Letzterem relativ weit davon entfernt: Im weltweiten Buchhandel besitzt Amazon geschätzt ein Drittel des Marktanteils – bei E-Books sind es zumindest zwei Drittel.
Die bewegten Bilder von Twitch dürften allerdings zumindest im Bereich der Online-Werbung massive Umsätze versprechen. Abseits dessen sind sicherlich weitere Maßnahmen von Amazon geplant, um hier immer weiter den Markt zu erobern. Auch, obwohl Jeff Bezos von Aktionären für die kostspielige Expansion kritisiert wird, so machte er klar, dass er nicht von diesem Kurs abkommen wird.
Was folgt für uns?
Die Angestellten, die Büros und die Marke sollen erhalten bleiben – das verspricht der Brief des Twitch-CEOs Emmet Shear, welchen er gestern an die Community richtete.
„Today, I’m pleased to announce we’ve been acquired by Amazon. We chose Amazon because they believe in our community, they share our values and long-term vision, and they want to help us get there faster. We’re keeping most everything the same: our office, our employees, our brand, and most importantly our independence. But with Amazon’s support we’ll have the resources to bring you an even better Twitch.“
Auf einem Livestream gingen Emmett Shear und Mike Frazzini, Amazons vice president of games, genauer auf den Deal ein. Shear bleibe CEO von Twitch, wobei das Unternehmen im Besitz von Amazon sei. Nutzer hätten nur kleine Veränderungen zu erwarten, da beide Unternehmen die gleiche Sichtweise besäßen, wenn es um die Zukunft von Twitch geht.
Die Änderungen zu Twitch-VoDs, welche Urheberrechte von Musik mit der Verstummung von Videos respektierten, seien nicht aufgrund der Bemühungen von Amazon geschehen. Laut Shear habe Amazon davon gar nicht gewusst und es sei im Sinne der Community eingeführt worden.
Bereits gestern wurde allerdings klar, dass Twitch-Partner langfristig Vertragspartner mit Amazon sein sollen. Inwieweit eine Amazon Prime-Mitgliedschaft für die Nutzung von Twitch Relevanz besitzen wird ist noch nicht klar.
Im Kontext mit der allgemeinen Expansion Amazons sowie der Praktiken, welche Jess Bezos Aufmerksamkeit verliehen, ist sicherlich Skepsis angebracht. Gleichzeitig ist aber auch selbstverständlich, dass der Deal die Angestellten von Twitch absichern dürfte. Mit den Versandzentren vergleichbare Eskapaden sollten also ausgeschlossen sein.
Des Weiteren fiel die Entscheidung Seitens Twitch nicht unüberlegt auf Amazon. Betrachtet man, wie der Konkurrent Google bisher mit übernommenen Unternehmen umging, so ist die Integration in ihre Systeme meist radikal ausgefallen. Das beste Beispiel liefert hier YouTube. Amazon hat derweil ähnliche Vorgänge anders gestaltet: Viele überrascht es, wenn sie zum Beispiel auf IMDB.com nach unten scrollen und dort den Verweis zu Amazon finden. Die Seite und ihre Funktionen blieben von der Übernahme nahezu unverändert.
Auch die Server-Farmen von Amazon sind natürlich ein Faktor. Der Konzern verfügt über eine Unmenge an Servern, welche nicht nur für die Shop-Seite sondern auch zur Vermietung sowie für ihren Cloud-Service genutzt werden. Diese Ressource kann in Verbindung mit den Diensten von Twitch nur Gutes bedeuten.
