Riot geht mit der LCS neue Wege und professionalisiert den eSport rund um League of Legends. Diese Professionalisierung ist gut, wird sie doch immer wieder gefordert und gefördert. Doch auch die negativen Auswirkungen sollte man nicht übersehen, kratzt Riot doch an den Wurzeln dessen, was den eSport für viele junge Menschen so interessant macht. Ein Kommentar zum kontroversen Thema.
Es ist 2012, im Finale der IEM World Championship stehen sich ESC Gaming und Natus Vincere gegenüber. Auf der großen Bühne duellieren sich zwei der besten Teams der Welt, die Emotionen kochen hoch, auf ein kurwa folgt das nächste. Jede knappe Runde wird mit wilden Gesten in Richtung des Gegners gefeiert.
Diese Zeiten sind allerdings vorbei. Die Spieler werden ruhiger, professioneller – und langweiliger. Die Emotionen, die den eSport als Jugendkultur so besonders gemacht haben, sind heute anders, teilweise kaum noch wahrzunehmen. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel, die Riot mit den World Finals im vergangenen Jahr bewies. Angeblich sorgten dort mehr als 22.000 Fans für eine grandiose Stimmung. Dabei ist es besonders der Publisher aus Santa Monica, der zwischen Licht und Schatten hin- und herspringt. Die strengen Verträge mit den Teams und ihren Spielern, die Strafen und die Einschränkungen auf der einen Seite, eine positivere Außendarstellung des eSports, eine Professionalisierung und natürlich auch eine gewisse Erziehung der Spieler auf der anderen. Zwei Seiten einer Medaille: Eine glänzt, die andere nicht.
Der Glanz: Abgeguckt bei den Großen
Ganz nach dem Beispiel der besten Basketball-Liga der Welt, der NBA, wagte auch Riot den Schritt und schuf mit der LCS ein eigenes LoL-Universum: Der Pfad in die LCS ist im Normalfall steinig, die Konkurrenz groß und der Weg lang. Ist man jedoch ein Teil dieser elitären Liga, unterliegt man strengen Auflagen, wird dafür jedoch mit finanzieller Sicherheit und einer bestmöglichen Umgebung belohnt. Wie in der NBA also.
Doch auch das große Vorbild musste strenge Reglements einführen und durchsetzen. Im Zuge eines Imagewandels führten die großen Bosse einen Dresscode ein, Ketten und Baggy Jeans verschwanden aus dem Sichtfeld der NBA. Der Imagewandel vom Streetstyle hin zum professionellen Business wurde somit auch optisch untermauert. Im Zuge des Fair Plays führte die Liga zudem strikte Verhaltensregeln ein und bestraft Verstöße mit teilweise empfindlichen Geldstrafen.
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Es wirkt, als hätte sich Riot ähnliche Ziele gesetzt. Innerhalb der Szene kennt man Verträge hauptsächlich als einige Seiten Papier, die im Ernstfall jedoch wirkungslos sind. Spieler wechseln trotz gültiger Verträge und öffentliche Schlammschlachten zwischen renommierten Akteuren der Szene sind die Folge. Das ist nicht nur äußerst unprofessionell, sondern zudem fatal für die Außendarstellung. An dieser Stelle wirkt Riot äußerst positiv. Verträge innerhalb der LCS haben Gültigkeit und dürften im Härtefall auch durchgesetzt werden, unangemessene Kommentare von LCS-Akteuren, seien es nun Spieler oder Manager, werden mit Strafen belegt, die im eSport in neue Sphären vorstoßen. Eine gewisse Disziplin und professionelleres, geschlossenes Auftreten sind die Folge. Diese Bemühungen dürften in Zukunft sicher noch weiter intensiviert werden, bedenkt man, dass Riots LCS im Gegensatz zur NBA noch in den Kinderschuhen steckt und sicher noch diverse Regeln und Strafen adaptiert werden dürften. Der Dresscode wäre doch eine nette Idee…
Nun kann man Riot einen gewissen Eigennutz unterstellen. Verständlich. Das eigene Kind soll im besten Licht dargestellt werden und für dieses Ziel ist man bereit, viel zu investieren. Doch kommt dieser Eigennutz zu einem gewissen Maße natürlich dem gesamten eSport entgegen. Spieler werden zu Athleten, der eSport steigt auf ein neues Präsenzlevel in den Medien und das Klischee des Nerds wird bekämpft. Ein gutes Zeichen für den eSport?
Nicht alles glänzt: Beschädigte Wurzeln
So schön Riots Engagement, aus welcher Intention auch immer es kommen mag, auch ist, so bleibt immer der fade Beigeschmack, den die LCS mit sich bringt. Im Frühjahr 2013 entließ Evil Geniuses Gregory 'IdrA' Fields. Dieser fiel des Öfteren durch respektloses Verhalten auf, meistens jedoch gegenüber seinen Gegnern. Nach einem Zwischenfall, bei dem IdrA die Community als „bunch of fucks“ bezeichnete, veröffentlichte EGs CEO Alex Garfield ein Statement, dass die jetzige Situation sehr gut beschreibt:
„As most of you are already aware, we let our players be themselves. We believe that our industry’s diverse assortment of vibrant personalities plays a huge part in helping make eSports so much fun – for ourselves, and for the viewers. No great novel is without great characters, and we like to let our players find their own roles within the eSports storyline by showcasing the personalities they were born with. We have strict guidelines that regulate certain kinds of more extreme speech, and we take disciplinary action when those guidelines are violated, but for the most part, we stay out of the way.“
Garfield spricht einen wichtigen Punkt an, der gerne vernachlässigt wird. Es ist schön, wenn die Spieler für die Zeit und die Arbeit, die sie investieren, respektiert werden. Es ist schön, wenn eine Professionalisierung für immer neue Investoren und Sponsoren sorgt. Allerdings darf nie vergessen werden, wo die Wurzeln des eSports liegen: Es ist der Spaß am Spiel(en) und dem Drumherum.
Hier greift Riot ein. Die Verträge der LCS sind sehr restriktiv, sie verbieten viel. Es mag plausibel erscheinen, wenn ein LCS-Spieler kein Dota 2 streamen darf, doch wo gibt es ähnliche Verbote? LeBron James spielt auch Football und Dirk Nowitzki hat sich beim Baseball betätigt. Die Restricted List der LCS befasst sich jedoch nicht nur mit Dota 2, sondern schließt nahezu jedes relevante Spiel aus dem gleichen Genre und alle Titel der direkten Konkurrenz ein. Der eSport guckt gerne nach vorne, kupfert bei den Etablierten ab, doch schießt er dabei hin und wieder über das Ziel hinaus.
Strafe muss sein – bis zu einem gewissen Maße
Es ist richtig, einen negativ auffallenden Spieler zu bestrafen. Eine gewisse Erziehung sollte nicht fehlen, sind die Spieler größtenteils relativ jung. Doch besonders die Zielgruppe, gerade im Fall von LoL oft noch minderjährig, kann durch ihre Vorbilder zumindest etwas beeinflusst werden. Es ist nur schade, wenn Spieler und andere Funktionäre aus Angst vor Strafen nicht mehr sie selbst sind. Wenn sie nicht mehr die Persönlichkeiten sind, die Alex Garfield so gerne sieht, die den eSport so interessant machen.
Eine dieser Persönlichkeiten ist mit Sicherheit Carlos 'ocelote' Rodríguez Santiago. Der Spanier war spielerisch nie einer der ganz Großen, fiel aber umso mehr durch seine emotionale Art auf. Er polarisiert und genau das macht ihn zu einer besonderen eSport-Persönlichkeit – und finanziell erfolgreich. Er kann sich vermarkten, da er zum einen ein interessanter Charakter ist, zum anderen aber auch sein kann, wer er tatsächlich ist. Nach eigenen Aussagen verdient der ehemalige SK Gaming-Akteur heute um die 600.000 Euro im Jahr. In der LCS wäre der Madrilene mit seiner Extrovertiertheit sicher des Öfteren an die Grenzen gestoßen.Das Resultat dieser Regeln, Strafen und ihrer Anwendung sind Spieler, die den Richtlinien folgen, die jedoch auch Angst vor den Konsequenzen haben. Wenn geliehene Accounts für ein Bootcamp, teilweise aufgrund einer Fehlkommunikation seitens Riot, den jeweiligen Spieler 1.250 US-Dollar kosten, überlegt man sich doppelt, was man tut und was man sagt. Das mag für die Außendarstellung sehr förderlich sein, aber die Spieler können teilweise nicht mehr die sein, die sie eigentlich sind. Die Stimmen aus der Community über Koreaner, die oftmals keine Reaktionen zeigen, sind laut, man will die Emotionen, man will auch mal Kontroversen. Der Sport lebt von Geschichten, doch mit einer Ansammlung von gleich programmierten Spielern bleiben diese Stories aus – bis dann doch mal einer gegen die Regeln verstößt.
Heute gehört die NBA zu den professionellsten Sportligen der Welt. Die LCS ist die wohl mit Abstand professionellste Liga der eSport-Welt. Diese Professionalität ist wichtig für die weitere Entwicklung und darf generell begrüßt werden. Allerdings sollte dabei das, was den eSport so besonders macht, nicht klein gehalten oder gar zerstört werden: Der Spaß, die Persönlichkeiten und die daraus entstehenden Geschichten. Ein kurwa mehr oder weniger tut nicht weh – es unterhält.
