Matthias ‚Knochen‘ Remmert ist seit einer gefühlten Ewigkeit fester Bestandteil der deutschen Counter-Strike-Szene. An seinem dreißigsten Geburtstag unterhielt sich readmore.de mit dem Kommentator und Projektleiter von 99Damage, der einen Einblick in seine aktuelle Situation sowie seine Pläne gab. Des Weiteren erklärte Knochen, welche Entwicklung er von der CS:GO-Szene erwartet und wieso in seinen Augen eine Umstrukturierung der Turnierszene von Nöten ist.
Gestern wollte sich Knochen eigentlich schon am frühen Nachmittag Zeit für mich nehmen, denn unser Interview sollte pünktlich zu seinem Geburtstag veröffentlicht werden. Er ist allerdings ein vielbeschäftigter Mann. Um 10 Uhr ging’s für ihn ins Meeting, um 12 Uhr kam das nächste und so ging es den ganzen Tag lang weiter. Zwischendurch fielen dann noch wichtige Gespräche im Chefbüro an und auch sein Skype hörte nicht auf zu blubbern. Ständig war eine neue Email auf seinem Bildschirm offen und alles was er mir sagen konnte war: „Komm einfach nochmal in einer Stunde vorbei.“ Schließlich war es 19 Uhr. Zu Feierabend erklärte mir Knochen, dass er endlich Zeit für mich habe. Er lud mich ein auf eine Spritztour zum See, auf der wir alles besprechen könnten. Wir stiegen in sein Cabriolet und endlich konnte unsere Konversation starten:
Der Status Quo
readmore.de: Knochen, in letzter Zeit durften wir uns nur sehr selten über deine Auftritte freuen. Du hast im Forum bereits offenbart, dass das mit einer Umstrukturierung deiner Prioritäten zu tun hat. Kannst du uns das noch ein bisschen detailreicher erklären?
Matthias ‚Knochen‘ Remmert: Es stimmt, dass ich inzwischen sehr selten vor der Kamera stehe, was damit zusammenhängt, dass sich im Büro meine Aufgaben verschoben haben. Es sind zahlreiche Dinge dazugekommen, welche zum einen im Hintergrund bei 99Damage laufen und zum anderen auch die gesamte Freaks 4U Gaming GmbH betreffen. Wir sind in den letzten Monaten und Jahren stark gewachsen, weshalb sich mit meiner Position als Prokurist sowie Leiter des Projektmanagements natürlich weitere Verpflichtungen verbinden. Dann kommen Geschäftsreisen und private Belange noch hinzu, weshalb zum Casten letztlich die Zeit fehlt. Heute werde ich außerdem 30 Jahre alt – von daher ändert sich auch noch ein bisschen was im Leben. (lacht) Nichtsdestotrotz verfolge ich aber noch die Szene und die Geschehnisse auf 99Damage – sei es im Büro am Rechner oder andernorts am Handy.
Verfolgst du denn auch noch readmore.de?
Absolut. Ansonsten hätte ich damals auch nicht diesen langen Beitrag im Forum verfasst. Ich verfolge readmore zwar nicht mehr so häufig wie zu 1.6-Zeiten, schließlich habe ich ja auch inzwischen meine eigene Seite und mein eigenes Projekt. Trotzdem schaut man aber natürlich über den Tellerrand, was bei euch so los ist. Es interessiert mich immer, worüber in den Foren diskutiert wird und was unter Headlines oder News zu Dingen steht, die mit meinem Projekt zu tun haben. Außerdem war es ein großes Zucker-Highlight, als es bei den Gfinity Masters Summer in den Match-Kommentaren mal wieder richtig ab ging. Da macht es natürlich riesen Spaß, das zu lesen.
Du hast beschrieben, dass Freaks 4U Gaming ein großes Wachstum an den Tag gelegt hat, welches auch für dich große Folgen hatte. Würdest du das Gleiche von 99Damage behaupten?
Auf jeden Fall. Wir sind mittlerweile über 50 Leute im Projekt, weshalb es nicht mehr ganz so einfach ist, im Hintergrund alles zu regeln. Früher war man natürlich deutlich kleiner und man hatte mehr Kontakt mit den einzelnen Leuten – das läuft heute alles über Bereichsleiter. Dann sind auch noch neue Bereiche hinzugekommen: Letztes Jahr haben wir das Junior-Caster-Programm ins Leben gerufen, welches im Dezember abgeschlossen war. Da ging natürlich für das Coaching der Junioren viel Zeit rein.
Beim Video-Bereich hatten wir nun den dritten Anlauf, nachdem es zunächst nicht so umgesetzt wurde, wie ich es mir vorstellte. Mittlerweile läuft das auf YouTube ordentlich und dort passiert sehr, sehr viel. – Sprechpause, denn Knochen ist für einige Sekunden von zwei Damen am Straßenrand abgelenkt. – Das hat natürlich auch damit zu tun, dass in der CS:GO-Szene aktuell super viel los ist. Das sehe ich bei uns in den Matches: Im letzten Monat waren es knapp 500 Partien, die wir im Ticker administrieren mussten, davor waren es über 400. Von daher macht auch jeder einen krassen Job.
Wie kann man sich diese Schulung der Junior-Caster vorstellen?
Alle Juniors haben sich zunächst beworben und wir haben uns ihre Einsendungen angeschaut. Wir haben ihnen dann mitgeteilt, was uns bei ihren Casts auffällt. Worauf achten sie? Wo liegen ihre Defizite? Dann hatten wir ein großes Meeting mit allen Juniors zusammen, in dem wir Grundlagen besprachen. Im Anschluss bekam jeder Junior die gleiche Demo, welche er zu casten hatte, um folgend von uns und den anderen Junior-Castern erneut Feedback zu erhalten.
Letzten Endes fingen wir dann mit den normalen Casts an, wobei ich mir auch selbst zahlreiche Übertrangungen von ihnen von Anfang bis Ende angeschaut habe. Nach dem Stream trafen wir uns dann im Teamspeak und ich gab meinen Senf dazu. Im nächsten Stream war ich dann natürlich wieder dabei, um zu sehen, was umgesetzt wurde und was vielleicht noch Tuning verdient. Dabei habe natürlich nicht ich alle Juniors betreut, denn Horstor leistete einen riesen Beitrag. Dadurch, dass er dann allerdings fast täglich auch streamen musste, wurde es für ihn auch schwieriger.
Befindet sich unter den Junior-Castern auch ein Liebling von dir?
Das ist natürlich schwer zu sagen – auch gegenüber den anderen. Eine Favoritenliste gibt es für mich persönlich natürlich, doch alle unsere Junior-Caster haben eine sehr, sehr positive Entwicklung hingelegt. Wir haben sehr viele junge Caster dabei, was ja auch Sinn der Sache war, von denen wir wissen, dass sie eine Entwicklungszeit von sechs bis zwölf Monaten benötigen. Wenn sie das allerdings kontinuierlich verfolgen, dann machen sie auch einen guten Job. Lynex ist ein Beispiel für jemanden, der noch vergleichsweise jung ist und immens viel Zeit investiert, welche er jedoch auch braucht. Ich bin davon überzeugt, dass er mit dem nötigen Ehrgeiz das Zeug hat, ein herausragender Caster zu werden.
Dann wäre da no1se, der einen sehr starken Sprung machte. Er brauchte ein Event, bei dem es plötzlich Klick machte. Seitdem läuft es bei ihm extrem gut und sein Stil ähnelt auch stark meinem eigenen. Muxor ist für mich jemand, der eine richtig geile Stimme hat – man merkt, dass jeder unserer Junior-Caster seinen ganz eigenen Charme mitbringt. Wenn ich dir meine Top-Leute sage, dann sind das no1se und Muxor, doch Horstors Liste sieht wieder ein bisschen anders aus und jeder der sechs macht in meinen Augen einen guten Job. Hinzu kommt, dass zwei von unseren Jungs auch aktuell mit Internetproblemen zu kämpfen haben und ihre Streams deshalb auf Eis liegen. Man darf außerdem bereits sagen, dass zu dieser Liste bald noch ein paar neue Talente hinzustoßen.
99Damage war in Sachen CS:GO-Übertragungen in der deutschen Szene lange Zeit Feder führend. Inzwischen stellt TaKeTV eine Konkurrenz für euch dar. Inwieweit hat die Community davon bisher profitiert?
Offensichtlich ist, dass der Community durch den Einstieg von TaKeTV mit den Acer Predator Masters eine weitere Liga beschert wurde. Grundsätzlich haben sie sich in ihren Casts ja auch den Dingen gewidmet, welche wir nicht abgedeckt haben. Von daher sieht die Community nun mehr Games. Überschneidungen kommen selten vor, ein Beispiel wären die Gfinity Masters. Bei dem Event waren wir allerdings trotz der Konkurrenz noch mit unseren eigenen Zahlen sehr zufrieden. TaKeTV musste natürlich auch einen großen Schlag hinnehmen, als CHEF-KOCH ging, doch fabE, welcher das Projekt nun bei ihnen administriert ist mir als Person ebenfalls sehr sympathisch. Ich hatte mit ihm bisher zwar nicht viel zu tun, doch man sieht, dass er sich Mühe gibt.
Grundsätzlich denke ich, dass sie konzeptionell einige Dinge falsch angegangen sind. Hätte man seitens TaKeTV vor dem Anlaufen ihres Projekts die Konversation mit uns gesucht, so hätte man eine deutlich bessere Synergie schaffen können, die für beide Seiten produktiv gewesen wäre. Sie haben sich allerdings dafür entschieden, ihr eigenes Ding zu machen und zu schauen, wo sie damit landen. Damit müssen wir leben, aber sie ebenso. Sie machen halt einige Dinge, welche ich nie so umsetzen würde, doch das ist ihre Sache.
Was wäre da ein Beispiel?
Eine Sache wäre das, was ich beim Gfinity-Event beobachtete. Wenn man ein Event überträgt, dann sollte man das in meinen Augen so professionell wie möglich covern. Dass sie ihren eigenen Stil haben und das Ganze locker sehen, finde ich total in Ordnung. Doch sowas wie Sub-Counter auf dem Turnier-Stream oder der Alarm, wenn ein neuer Subscriber hinzustößt mitten im Match – das muss, finde ich, nicht sein. Auch so Dinge wie das Trinken von Alkohol auf dem Stream finde ich nicht gut. Vielleicht bin ich da auch etwas verbohrt oder so, jedoch finde ich, dass man als Broadcaster auch noch einen Vorbildcharakter hat. Am Ende sollte es aber ja so sein, dass jeder einen Stream angeboten bekommt, der seinem Geschmack entspricht. Ich denke, dass wir mit unseren Leuten dabei bereits eine gute Palette abdecken, doch es gibt ebenso Leute, welche gerne die Art Stream schauen, welche TaKeTV ihnen bietet.
Um noch einmal auf eure Konkurrenz einzugehen: Es gibt doch sicherlich zwischen euren Produkten Wechselwirkungen. Jemand kündigt etwas neues oder besseres an und der andere zieht nach. Würdest du sagen, dass das stimmt?
Klar, da ist auch das Gfnity-Event ein Beispiel. Wir haben ja über eine sehr lange Zeit alle Gfnity-Events übertragen, bis sie ein Event mit TaKeTV ausprobieren wollten. Beim dritten Event in diesem Jahr haben sie dann mit uns beiden gearbeitet, da wohl beide Parteien einen zufriedenstellenden Job gemacht haben. Das wussten wir natürlich im Vorfeld, sodass wir aufgefahren haben, was wir konnten. Ich habe alles versucht, um zum Event einen Zeit-Slot frei zu haben, sodass ich selbst casten konnte. Deshalb haben wir dann mit Horstor und mir gestreamt. Hinzu kamen unser erster Anlauf für einen Analyse-Desk und der Besuch von no1se. Ich fand es wirklich cool, dass sich unser Junior-Caster spontan dazu entschied, sich uns an diesem Wochenende anzuschließen.
Pünktlich zum Abschluss des ersten Themenblocks kommen wir am See an. Eine Gaststätte ist auch vor Ort, doch Knochen hat eine Ausrede parat, wieso er mir, seinem Azubi, keinen Gyrosteller ausgeben könne: Seine Mutter warte zu Hause und er habe nur bis 20 Uhr Zeit. Kartoffelsalat mit Frikadellen habe er bereits für ihn und seine Mutti vorbereitet.
Die CS:GO-Szene und ihre Zukunft
Die deutsche Community war durch den Aufritt von mousesports bei den Gfinity Summer Masters zuletzt sehr euphorisch. Was du über das Team rund um gob b denkst, hast du bereits in einem Facebook-Post sowie in einem Interview offenbart. Was denkst du allerdings über den Status der gesamten deutschen Szene?
Grundsätzlich würde ich sagen, dass die Entwicklung der deutschen CS:GO-Szene positiv ist. Im Vordergrund liegt dabei natürlich, dass man mit mousesports und PENTA nun endlich über zwei Vollzeit-Teams verfügt. Außerdem gibt es nun mehrere andere deutsche Teams, die sich inzwischen auch international messen. Beispiele sind KILLERFISH oder UX Gaming. Trotzdem muss man aber sagen, dass mousesports das Lineup mit den größten und besten Chancen besitzt. nex und Co. haben sich bei zwei Valve-Majors gezeigt und es sollte nun ihr Ziel sein, in Cologne auch einen Spot beim folgenden Valve-Turnier zu erspielen.
Glaubst du daran?
Von dem, was sie zuletzt gezeigt haben, rechne ich mousesports auf jeden Fall Chancen an. Vor Ort zu performen, ist natürlich noch eine andere Geschichte.
Welche deutschen Teams würdest du denn in deine Top 5 einordnen?
mousesports ist offensichtlich die Nummer eins. PENTA Sports gehört für mich vom Papier her auf die Zwei. Dahinter wird es schwierig, eine Rangliste zu ordnen. KILLERFISH halte ich nach wie vor für ein gutes Team, die zuletzt jedoch Probleme mit Lineup-Wechseln hatten und darin erkennt man auch das essenzielle Problem der Deutschen: Das ewige Transferkarussel. Der letzte EPS-Cup ist vorbei, da wird auch wieder gewechselt. Dann geht’s in die Gruppenphase, wo wir wieder leicht abgeänderte Roster sehen werden. Und so geht es nach jeder Turnierphase weiter. Folglich ist es auch schwer, eine Top 5 zu definieren, weil sich permanent etwas verändert.
Um kurz über den Tellerrand zu blicken: In Dota 2 führt Valve eine Turnierstruktur ein, die Teams dazu zwingt, über einen gewissen Zeitraum vor den dortigen Majors ein beständiges Lineup zu haben. Sollte die ESL im nationalen Bereich vielleicht auf eine ähnliche Weise die ständigen Transfers regulieren?
Ich glaube, dass das in CS noch einmal ein bisschen schwieriger ist. Es gibt so viele Ligen und Turniere, dass Caster, Teams und Zuschauer sich kaum einen Langzeitplan machen können. Folglich können sich die Organisationen der Teams auch schwer an derartigen Meilensteinen orientieren.
Das halte ich übrigens auch für ein großes Problem der CS-Szene im Allgemeinen. Durch die zahlreichen Matches werden wir förmlich überflutet. Es gibt keine Highlights mehr, denn wir sehen jeden Abend Fnatic gegen Virtus.pro oder vergleichbare Matchups. Man sieht diese Spitzenteams permanent.
Wirkliche Höhepunkte stellen dann nur die Events dar, welche jedoch inzwischen eigentlich an jedem Wochenende stattfinden. Letzte Woche sahen wir die ESL ESEA Pro League, diese Woche ist der ESWC, dann folgt wieder die DreamHack mit den FACEIT Finals. Dabei sieht man übrigens Beispiele dafür, dass sich Ligenveranstalter zusammenschließen, weil die Szene einfach so übersättigt ist. ESL und ESEA, DreamHack und FACEIT, et cetera.
Ich glaube, dass es den Rest des Jahres so weiter gehen wird, doch für 2016 hoffe ich, dass sich alles wieder normalisieren wird. Wir brauchen erneut richtige Highlights für Zuschauer und auch die Teams sollten für gewisse Events wieder mehr Vorbereitungszeit einräumen, beziehungsweise über Ruhephasen verfügen können.
Unser Spaziergang um den See ist beendet und wir steigen wieder in Knochens Flitzer ein. Das war nun schon mehr als die Hälfte meiner Zeit? So viele Themen müssen noch angesprochen werden.
Woher müsste diese Änderung kommen? Siehst du den Publisher, Teams oder Organisatoren in der Verantwortung?
Das ist natürlich die Frage und sehr schwer zu beantworten. Es handelt sich um eine Debatte, die geführt werden sollte: Wer ist in der Lage und in der Position das umzusetzen?
Die einfachste Antwort ist, dass es der Publisher macht. Beispielsweise vergab Blizzard früher Turnierlizenzen. Es liegt dann in ihrer Verantwortung, nicht zu viele Lizenzen rauszugeben. Damit greifst du als Publisher allerdings stark in den Markt ein und das ist keine optimale Lösung. Wo zieht man dann die Grenze? Darf es pro Land nur eine bestimmte Anzahl an Events und Ligen geben? Wie vergleicht man dann Deutschland als großen Markt mit beispielsweise Norwegen? Dazu stellen internationale Turniere ein Problem dar, die ja auch einem Land zugeordnet werden müssten.
Dann wiederum könnten es die Ligen machen. Das ist meiner Meinung nach auch kaum umsetzbar, denn jeder möchte ja sein Produkt vorantreiben. Vor ein paar Monaten gab es dann ja auch die Diskussion, wo berichtet wurde, dass die ESL vielleicht mit Exklusivverträgen anfängt. Dazu wären die Spieler unter Vertrag mit der ESL gewesen und ihre Auftritte wären letztlich vergleichbar mit denen von LCS-Spielern in League of Legends gewesen. Der Ansatz dahinter war natürlich, die Spieler medial besser aufzubereiten, doch die Grundintention kam zu dem Zeitpunkt falsch rüber. Naja, auf jeden Fall denke ich nicht, dass die Ligen eine Veränderung bewirken können – außer Spieler verpflichten sich für gewisse Competitions und sind bei anderen dann nicht zu sehen. Das halte ich auch nicht für die beste Lösung.
Folglich glaube ich, dass aktuell nur die Teams selbst in der Lage sind, die Szene in dieser Hinsicht umzustrukturieren. Auch hier ist offensichtlich das Problem, dass beispielsweise Clans von Spielern verlangen, dass sie an gewissen Turnieren teilnehmen, um auch Preisgeld zu verdienen und Sponsoren zu repräsentieren. Damit kommen ebenfalls Hürden, doch von den drei Alternativen halte ich es für die realistischste: Teams sollten auf ein paar Euro verzichten und damit die Turnierszene regulieren – das würde sozusagen dem Gemeinwohl dienen und jene ausgelassenen Wettkämpfe würden von T2- oder T3-Teams wahrgenommen werden.
Dazu hat jeder jedoch eine eigene Meinung und es handelt sich um ein Thema, welches für jeden eSport relevant ist. Auch in der Community sollte darüber diskutiert werden.
Wie sieht denn für dich die optimale Situation aus? Denkst du an eine Turnierstruktur wie bei League of Legends?
Nein. Das System von Riot finde ich für CS:GO nicht gut. Dort mag es funktionieren, weil Riot es recht früh etabliert hat, bevor sich rund um andere Turniere eine Tradition bildete. Ein harter Cut zu diesem System würde in CS:GO auch gar nicht funktionieren.
Ich würde gern ein jährliches Mega-Event von Seiten Valves sehen, wobei ich nicht von einem The International mit ungeheurem Preisgeld spreche, sondern von vielleicht einer Million Dollar. Drum herum dann vier Major-Events, bei denen man sich für dieses Spektakel qualifiziert. Folglich sprechen wir von 2 Millionen Dollar, die Valve jährlich ausspielen würde. Bei der Qualifikationsphase für die Majors würde ich gerne eine Orientierung sehen, wie sie die ESL bei den ESL One-Events sowie FACEIT es bei ihren Events umsetzte. Dort gibt es Teilnehmer aus aller Welt, die aus ihren regionalen Wettbewerben in das Turnier einziehen.
Zwischen all dem, was vom Publisher kommt, würden dann die anderen Turniere einen Platz haben. Valve könnte bei den Majors weiterhin mit den regionalen Partnern wie der DreamHack oder der ESL arbeiten. Den Rest der Offline-Events würde ich dann stärker regulieren. Online soll jeder machen können, was er will, doch das Prestige eines Offline-Events sollte nicht mehr wöchentlich, sondern vielleicht nur monatlich zum Tragen kommen.
Der Wagen hält auf dem Parkplatz eines Supermarktes. Knochen müsse noch einmal raushüpfen, um Alkohol zu besorgen – man wird ja schließlich nur einmal dreißig. Naja, zumindest lässt er mir für die Zeit das Radio laufen.
Was befürchtest du, wenn nichts dergleichen passiert? Blickst du bei diesen Gedankengängen auch auf Titel wie beispielsweise StarCraft II?
Ich denke, dass es nach einer zu langen Zeit mit dieser Übersättigung einen Interessenverlust gibt. Wie du schon sagst, zeigt uns StarCraft II da ein warnendes Beispiel. Ich denke, dass die Zuschauerschaft wieder zurückgehen wird. Man sieht es zum Teil auch jetzt schon, wenn sich diverse Ligen abends die Zuschauer klauen und jeweils höchstens 50.000 Zuschauer erreichen, während sie zuvor allein 100.000 knackten.
Die 99Damage Liga
Es gab zuletzt Gerüchte, dass 99Damage zusammen mit TaKeTV an einem Format arbeitet. Stimmt das? Handelt es sich dabei vielleicht um die heute angekündigte 99Damage Liga?
Nein. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, woher diese Gerüchte kommen. Bei der 99Damage Liga handelt es sich um unser eigenes Projekt, welches nichts mit TaKeTV zu tun hat.
Denkst du, dass die 99Damage Liga eine Lücke füllt?
Wir machen die EPS ja nun schon seit einer langen Zeit und wissen, dass das Turnier von einer ständigen Diskussion über das Format begleitet wird. Die EPS setzt auf die EPS-Cups, während viele doch lieber eine richtige Ligenstruktur sehen würden. Diesen Wunsch möchten wir der Community hiermit erfüllen.
Ursprünglich planten wir einen viel früheren Start der Liga, aber nun ja, heute ist es dann endlich raus. Sozusagen ein Geburtstagsgeschenk von mir an die Community. (lacht) Der Grundsatz ist, dass wir den Nachwuchs fördern möchten, wobei wir den Spielern eine Bühne bieten, welche vorher noch nicht so bekannt waren. Wir haben es immer wieder gesehen, dass Veteranen zurückkehren. Das war im letzten Jahr deutlich intensiver, doch auch aktuell sehen wir Namen wie Kapio, osirisbash, gob b oder ninja, die wieder recht viel spielen. Natürlich bringen die eine große Menge an Erfahrung mit, doch ich finde, dass deswegen einige der neuen Spieler keine Beachtung finden. Die neue Liga soll dem entgegenwirken.
Ich denke, dass das Ligensystem dafür am besten ist. Die Leute werden daran gewöhnt, ein kontinuierliches Lineup zu haben und jede Woche zu ihrem Match zu erscheinen. Man kann sich strukturiert auf Spiele vorbereiten und kennt auch seine Kontrahenten früh genug. Klar, die Cups liefern deutlich mehr Spannung, denn bei fünf Cups hast du im Idealfall fünfmal die zwei besten Teams, welche sich im Finale treffen. In der Profi-Szene mag das zwar auch super funktionieren, doch es fördert nicht diese Konstanz, von der wir in Deutschland gerne mehr sehen würden.
Natürlich haben wir aber auch unseren Profi-Bereich. In der ersten Division befinden sich die Teams, welche wir in Deutschland für die stärksten Repräsentanten halten.
Du hast den Vergleich zur ESL Meisterschaft (EPS) gewagt, welcher ja auch nahe liegt. Würdest du das Produkt der ESL auch als Konkurrenz zur 99Damage Liga bezeichnen?
Nein, nicht wirklich. Die EPS hat immer noch ihren Stellenwert und etabliertes Prestige. Sie sind seit einer Ewigkeit im eSport präsent und stellen für mich auch einen Anker für die deutsche Szene dar. Ich weiß, dass auch bei ihnen im Hintergrund viel auf die Community gehört wird oder zumindest die öffentlichen Diskussionen einbezogen werden. Sie haben halt ihren Ansatz mit dem Cup-System und mir war wichtig, dass auch ein Ligensystem existiert. Klar könnte man es als Konkurrenz sehen, doch das ist weder unser Ansatz, noch der von Michael Bister, dem Produktmanager der ESL Meisterschaft, mit dem ich ja auch im Vorfeld über unsere Pläne sprach.
Wer ist denn dann der Deutsche Meister? Der Sieger der ESLM oder der Sieger der 99LIGA?
Für mich ist der Sieger der ESL Meisterschaft weiterhin der Deutsche Meister. Ob sich das mit der Zeit vielleicht ändert, weil die Community es anders wahrnimmt, muss man sehen. Uns geht es nicht darum, den Deutschen Meister zu finden, sondern darum, eine Competition zu haben, an der die Zuschauer und alle Teilnehmer Spaß haben.
Ich entdecke dexter, den Jungler von Elements, auf dem Fahrrad neben uns. „Der wohnt hier“, sagt Knochen.
Plant ihr, alles online stattfinden zu lassen oder erwartet uns auch das eine oder andere Offline-Event?
Wir sind erstmal glücklich, dass wir direkt zum Start der 99LIGA zwei Saisons ankündigen konnten. In der ersten Saison wird alles auf jeden Fall online stattfinden. Zukünftig planen wir aber, die Playoffs und vielleicht auch die Relegation offline stattfinden zu lassen. Dazu gibt es allerdings nichts Konkretes, weshalb man sich diesbezüglich gedulden muss. Wir hatten beispielsweise in Dota 2 die D2CL Finals, welche in unserem Büro stattfanden. Das lief sehr gut, weshalb wir die Option nun haben. Wenn die erste Saison gut läuft und wir für die kommende Ausgabe dann auch noch weitere Partner an Bord holen können, dann steht das definitiv auf unserer Liste weit oben.
Ein Ausblick
Wird es zukünftig weitere Ligen geben?
Wir haben aktuell drei gute Produkte, was den Turnierbereich angeht: Die 99Damage Liga ist für den nationalen Bereich, die Arena ist für den europäischen Bereich für Tier 2 sowie Tier 3-Teams und dann gibt es die 99Damage Masters für Tier 1 und Tier 2-Teams. Zusätzlich veranstalten wir immer wieder die BenQ All-Star Showmatches, welches heute Abend auch stattfindet. Mit diesem Spektrum sind wir, denke ich, extrem gut aufgestellt.
Das einzige, was mir dann noch persönlich fehlt, ist ein komplettes Spaßprogramm, bei dem jeder mitmischen kann. Dafür sollte man kein Team benötigen. Seit jeher ist der Friday Night Bash für mich eine Herzensangelegenheit und ich würde mir wünschen, dass ein neuer Anlauf dessen noch in diesem Jahr klappt. Sollten wir das noch umsetzen, wäre die ganze Sache für mich wirklich rund.
Was gibt es sonst noch für Baustellen bei 99Damage?
In diesem Jahr möchten wir die Webseite noch umarbeiten. Wir wollen, dass sie responsive wird und folglich auch vom Smartphone oder vom Tablet aus aufgerufen werden kann und dabei gut aussieht. Im Video-Bereich kann man natürlich auch immer mehr machen. Das hängt in erster Linie davon ab, welches Personal verfügbar ist.
Der nächste große Schritt ist, dass wir einen zweiten festen Caster nach Berlin holen. Dabei sieht es momentan sehr gut aus, dass wir jemanden aus dem Junior-Bereich dafür gewinnen. Natürlich muss das zunächst noch finanziert und geplant werden.
Und was kann man von dir demnächst erwarten? Haben dich die Gfinity Summer Masters motiviert, wieder öfter vor die Kamera zu treten?
Natürlich hat es mich noch einmal motiviert, aber es war ja nie der Fall, dass ich sagte, ich hätte keine Lust mehr aufs Kommentieren. Vor einigen Jahren sah ich die WCG 2008 als meinen größten Auftritt an und dachte mir, dass man zu diesem Zeitpunkt aufhören sollte, wenn’s am schönsten ist. Ich habe weiter gemacht und es kamen noch größere Dinge. Irgendwann sagte ich, dass ich mit 30 aufhöre, doch heute feiere ich meinen 30. Geburtstag und fühle mich immer noch dazu berufen.
Vielleicht kann ich es eintakten, dass ich jedes Major-Event übertragen werde. Bei allem anderen stellt es ein Problem dar, weil bei mir im Beruflichen so viel passiert, dass ich kaum abschätzen kann, wie es weiter geht und ob das alles parallel hinhaut. Mein Ziel ist es, mindestens einmal in jedem Quartal zu casten.
Das Nächste ist offensichtlich die ESL One in Köln. Ich hoffe auf eine tolle Atmosphäre, nachdem ich auch bereits zweimal bei der ESL One Frankfurt zu Gast war. Es wäre schön, wenn wir in CS:GO auch zeigen könnten, dass man mit unserem Spiel in Deutschland eine Arena füllen kann. Dann kommen auch noch die EPS-Finals auf der gamescom.
Möchtest du abschließend als gerade 30 Jahre alt gewordener Knochen noch ein paar Worte an die nun zehn Jahre alte Elite richten?
Die Anfänge von readmore sind mir noch sehr wohl bekannt. Ich fand’s auch super, dass zuletzt an jedem Sonntag diese Artikelreihe sich mit den letzten zehn Jahren beschäftigte. D.Devil hat beispielsweise einen der Texte verfasst – das war ein bisschen Nostalgie.
Ich finde es schön, das die readmore.de-Community sich inzwischen dem Thema CS:GO geöffnet hat, nachdem man anfangs auf 1.6 beharrte. Auf readmore.de war die Community natürlich schon immer etwas eigen, doch ich kam damit immer ganz gut klar und ich finde es klasse, dass einige Leute von früher auch heute noch bei den Casts dabei sind.
Es ist schön zu wissen, dass einige alte Hasen von damals immer noch dabei sind und auch der Hype zum Gfinity-Event machte mich in dieser Hinsicht sehr glücklich. Ich hoffe, dass sich das zur ESL One Cologne wiederholen wird.
Ich danke all denen, welche nach wie vor gerne meine Streams schauen und unser Projekt sowie unsere anderen Caster unterstützen. Das typisch Deutsche, dass man gerne mal meckert – ja, das kann man auch nochmal kritisieren, doch die Leute werden älter, man wird reifer und dann erledigt sich das schon von alleine. Macht weiter, drückt den deutschen Teams die Daumen, schaut deutsche Streams und habt einfach Spaß!
Knochen hätte es nicht besser timen können. Mit seinem Schlussatz erreichen wir auch meine Wohnung. Nach einer knappen Stunde entlasse ich ihn endlich in den wohl verdienten Feierabend.
Die Redaktion von readmore.de wünscht Knochen alles Gute zum 30. Geburtstag und viel Erfolg für seine zukünftigen Projekte.

