Das Boston Major steht vor der Tür und damit das wichtigste Turnier seit dem The International 6. Zeit für uns, die Leistungen der Teams in den vergangen drei Monaten zu vergleichen und die Favoriten zu ermitteln.
Kommt aufgrund von Problemen ein bisschen spät. Doch: Besser spät als nie. In den nächsten Tagen erwarten euch Rückblicke des Boston Majors.
Die Zeit nach dem International ist meist eine sehr ruhige. Insgesamt fanden 14 Wettbewerbe ihr Ende, wobei die Dream League doppelt eingeht (Ligabetrieb und Playoffs). Insgesamt wurden Preisgelder in Höhe von $1.271.683* ausgezahlt. Von den 14 Wettbewerben waren nur auf neun Major-Teilnehmer vertreten, wobei sieben von ihnen gewonnen wurden. Das spricht einerseits für die Leistung der Teams, andererseits bedeutet es auch: Der Sieger des Majors wird mehr Preisgeld erhalten, als alle Teilnehmer in den letzten drei Monaten eingesammelt haben.
Das Abschneiden der Teilnehmer nach dem TI6
Valve-Turniere haben den Anspruch, das beste Team der Welt zu finden und bringen folglich die besten Teams der nahen Vergangenheit zusammen. Werfen wir zunächst einen Blick darauf, an welcher Stelle die Teilnehmer nach Preisgeldgewinnen stehen.

Angeführt wird die weltweite Liste von Newbee und Evil Genuisses, danach tun sich immer wieder Lücken auf. Akzeptiert man die Gewinne der letzten drei Monate als Indikator für die Leistung der Teams, fällt auf: Nur acht der sechzehn Teilnehmer platzieren sich unter den 16 besten. Damit stellt sich die Frage, ob wirklich die besten Teams auf diesem Major um den Sieg kämpfen. Gerade aus europäische Sicht fällt schmerzlich auf: Die zwei erfolgreichsten Teams, Liquid und Secret ($102.000/$100.000 bei jeweils drei Turnieren) nehmen nicht am Wettbewerb teil.
Ohne auf das Qualfikationssystem, Visa-Probleme (die einige der Teilnehmer schwächen werden) und die Invite-Politik eingehen zu wollen, muss die Antwort wohl lauten: Nein, auf dem Boston Major sind, wie bei jedem Valve Event, nicht die besten Teams vertreten und damit wird bei der folgenden Analyse zwischen drei Gruppen unterschieden: Den Abgeschlagenen, deren Aussichten auf eine gute Platzierung schlecht sind, die Verfolger, die an guten Tagen ihre Chance nutzen können, und die Favoriten, die den Turniersieg voraussichtlich unter sich ausmachen werden.
Die Abgeschlagenen
Die letzten Plätze im Ranking lassen sich teilweise dadurch erklären, dass diese Teams nur an einem Wettbewerb teilgenommen haben, Complexity Gaming sogar an keinem einzigen. Das ist einerseits natürlich eine Erklärung, weshalb die Preisgeldgewinne niedrig ausfallen, auf der anderen Seite aber auch kein Beleg für eine gute Form: Keines der Teams konnte bei ihrer Turnierteilnahme überzeugen.

iG.Vitality und LGD.FY gewannen einen durch den Shuffle geschwächten Qualifier, wobei der wohl nennenswerteste Gegner LGD für das mit Visa-Problemen geplagte philippinische Team Execration einspringen wird. Neben dem Qualifier nahmen iG.Vitality und LGD.FY zwei weitere Male am selben Wettbewerb teil. In allen drei Fälllen Schnitt der Ableger von Invictus Gaming besser ab. Trotz dieser national ordentlichen Leistungen werden die Aussichten beider Teams sehr schlecht bewertet, denn es wurden jeweils zwei Spielerwechsel vorgenommen, da die Teams mit Visa-Problemen zu kämpfen hatten. Dem noch relativ jungen Kader von iG.Vitality mag ein Veteran wie Burning Stabilität geben, LGD.FY kann auf diese Verstärkung wohl verzichten: Mit Super, Yao und xiao8 befinden sich bereits drei Spieler in ihren Reihen, die Erfahrung und Ruhe mitbringen. Das Risiko eines solchen temporären Wechsels überwiegt jedoch den erwarteten Mehrwert.
Im SEA-Qualifier konnte Warriors Gaming sich gegen Fnatic behaupten, deren neuste Iteration noch nicht zu alter Form gefunden hat. Fraglich jedoch, welchen Wert diese Leistung hat: Denn der unschlagbare Kontrahent, Team Faceless, schnitt bei der sechsten Ausgabe des The Summit unerwartet schlecht ab.
Die US-Teams Digital Chaos, der überraschende Zweitplatzierte des TI6, und Complexity Gaming, der zweite Qualifikant des US-Qualifiers, traten bisher kaum in Aktion. Während DC vier direkten Kontrahenten des Boston Major unterlegen war, trat Complexity Gaming nur beim dem US-Qualifier an. Dieser ist traditionell so schlecht besetzt, dass die zwei Gewinner des Open Qualifiers aus Europa kamen, daher ist eine Qualifikation Pflicht. Zwar lässt sich die Leistung aufgrund der fehlenden Aktivität bei Turnieren schwer beurteilen, ein gutes Abschneiden beim Major wäre jedoch eine erneute Überraschung.
Die Verfolger
Vier weitere Teams müssten, den Zahlen folgend, eigentlich ebenfalls in der zuvor besprochenen Kategorie landen: Team Faceless, Ad Finem und MVP.Phoenix. Außer Ad Finem bleiben alle Teams hinter ihren Erwartungen.

Die Teilnahme von Team Faceless am Summit 6 wurde von vielen Fans mit Interesse beobachtet, hatte das Team doch bewiesen, die unangefochtene Nummer 1 im SEA-Raum zu sein. Das Turnier beendete das Team um Black und iceiceice auf dem letzten Platz, weshalb Faceless auf dem Boston Major ein klarer Underdog ist. Jedoch gilt für das Team, was auch für MVP.Phoenix gilt: Diese Teams bestehen größtenteils aus erfahrenen Spielern, die in wichtigen Turnieren ihr Können beweisen konnten. Mit einer guten Vorbereitung können sie durchaus die Schwächen der Favoriten bestrafen und überraschen. Ein Turniersieg scheint dennoch nahezu ausgeschlossen.
Dasselbe Urteil muss für die Griechen von Ad Finem gelten. Für sie spricht jedoch eine überzeugende Leistung auf dem EU-Qualifier und die Motivation, die das Team nach Boston mitnehmen wird: Es ist der erste Auftritt auf großer Bühne. Diesen wird Ad Finem ohne Druck bestreiten, denn bereits die Teilnahme ist ein großer Erfolg für die Griechen. Aus europäischer Sicht wäre es wünschenswert, ein neues T1-T2 Team begrüßen zu dürfen.
Direkt darauf folgen EHOME und Team NP. Die Chinesen konnten auf keinem Turnier überzeugen. Lediglich in der Northern Arena konnten sie EG auf den letzten Platz verweisen, gegen zwei weitere Teams der Top 8 zogen sie jedoch den Kürzeren. Diese Bilanz gilt auch für alle anderen Wettbewerbe. Sollte sich das Team nicht deutlich gebessert haben, ist ein Platz auf dem Treppchen unwahrscheinlich. Für das Team um EE gilt dasselbe, mit der einzigen Ausnahme, dass sie auf den zwei Turnieren jeweils besser als EHOME abschnitten und sich einmal gegen EG durchsetzen konnten.
Die Favoriten
Ein bisschen ist die Spannung schon raus: Da nur noch fünf Teams verbleiben, sind diese gezwungenermaßen die Favoriten. Auch eine weitere Einsicht lässt sich bereits festhalten: Davon abgesehen, dass diese Teams den anderen elf eindeutig überlegen sein sollten, lässt sich wenig feststellen und viel vermuten.

Fangen wir von oben an: Favorit auf den Sieg des Boston Major ist das russische Team Virtus.pro. Zwar nahmen sie in der Zwischenzeit nur an einem Turnier teil, dieses gewannen sie dafür umso überzeugender. Der Skillunterschied im Finale erinnerte teilweise an die Openqualifier von Secret oder EG vor dem letzten TI. Klar muss jedoch auch sein: Bisher ist es selten einem Favoriten gelungen, ein Valve-Turnier zu gewinnen. Sei es Team DK, Secret 2015, OG und Liquid 2016: Wer auch immer vor einem großen Turnier als absolter Favorit galt, schien auf diesem durchschaut. Bei der Vorbereitung auf das Major wird es kein Team geben, das nicht versucht zu verstehen, wie es VP möglich war, die restliche Weltelite derart vorzuführen. Immerhin traten auf dem Summit 6 nur Teilnehmer des Boston Major an.
Die Verfolger könnten bekannter nicht sein: Drei TI-Gewinner und ein Team, das die letzte Saison dominierte: Newbee, Evil Genuises, Wings Gaming und OG. Bis auf den diesjährigen TI-Gewinner hat jedes Team gewechselt.
Dabei verlief der Start in die neue Saison nicht für alle problemlos: OG hat mit den Abgängen von Miracle und Crit- zu kämpfen. Der Einstand auf der MarsTV Dota 2 League kann durchaus als Erfolg gewertet werden, stand das Team am Ende doch nur hinter EG und Newbee. Anderseits unterlag das Team um Fly den Konkurrenten aus Russland derart eindeutig, sodass es unwahrschenlich scheint, dass sie mit einer ähnlichen Form ihren dritten Major-Titel erringen können. Anderseits gelang OG vor einem Jahr der Überraschungssieg in Frankfurt.
Newbee ist das Team mit den meisten Teilnahmen: Auf insgesamt fünf Wettbewerben durften sei sich erproben, drei davon gewannen sie, einmal unterlagen sie im Finale EG, ein anderes mal Wings Gaming. Einerseits eine beeindruckende Bilanz, andererseits nahm an den anderen drei Turnieren keiner der Favoriten teil. Damit startet Newbee zwar als das nach Zahlen erfolgreichste Team ins Turnier, ein Kräftmessen mit den meisten Teilnehmern hat jedoch noch nicht stattgefunden.
EG und Wings sind sich recht ähnlich. Beide Teams nahmen an drei Wettbewerben teil, wobei EG zwei Enttäuschungen zu verkraften hatte. Andererseits hatte Wings außer Newbee auf der Nanyang Dota 2 Cruise Championship keinen Konkurrenten. Beide konnten also beweisen, dass sie mit ihrem aktuellen Team gegen die Favoriten gewinnen – und auch verlieren – können. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht: Während Wings als amtierender TI-Champion bewiesen hat, dass sie ein Team sind, das jeden schlagen kann, wird der aktuelle EG-Kader als der stärkste bisher dagewesene bewertet. Wenn das amerikanische Team (mit einem Amerikaner) inzwischen besser zusammenspielt oder Wings wieder zu alter Form findet, können beide das Major für sich entscheiden.
Fazit
Für ein abschließendes Fazit lassen sich zwei Aussagen festhalten. Erstens: Valve will mit der Major Series das Turnier bieten, das die besten Teams hat. Das ist nicht uneingeschränkt der Fall und wird es, sollte die Invite-Politik und Spot-Vergabe nicht geändert werden, auch nie werden. Zweitens: Die Abgeschlagenen und die Verfolger sind teilweise so nah beinander, dass es eine Überraschung wäre, sollte eines der Teams um den Sieg mitspielen. Damit bleiben für dieses Major fünf Kandidaten, die für den Titel in Frage kommen: VP, EG, OG, Wings und Newbee.
* Auf ganze Zahlen gerundet und mit dem Umrechnungskurs zum Tag des Turnierendes