mousesports bleibt auch am dritten Tag in Hangzhou siegreich und steht ungeschlagen in den Playoffs. Doch die Stars des heutigen Tages waren die Warcraft-3-Spieler, die sich teilweise nach der regulären Gruppenphase noch auf Entscheidungsspiele im Inernetcafé treffen mussten. Nils ‚hellphyte‘ Johannsen fasst den Tag zusammen, an dem sich Volksheld Sky aus dem Turnier verabschiedet hat.
Herzlich Willkommen zum vierten Teil der kleinen Chinakunde. Heute: Wie funktioniert eigentlich der Beruf „Postbote“ in China? – Während in Deutschland die netten Damen und Herren von Haus zu Haus fahren und die Briefe und Pakete direkt an den Empfänger übergeben, läuft es hier im Studentenviertel von Hangzhou etwas simpler ab. Der Postmann fährt vor, leert den Inhalt seines Wagens mitten auf der Straße aus und jeder kann sich dann das heraussuchen, was für ihn bestimmt ist. – War natürlich ärgerlich für die Leute, über dessen Post mein Taxifahrer gefahren ist, aber wirklich zu stören schien das auch niemanden.
Dass ich wieder ein Taxi zur Location nehmen musste, lag übrigens daran, dass quiZZ und ich ein weiteres Mal verschlafen haben und erst gegen 11:30 Uhr durch einen Anruf sowie eine harsche Frage aufgeschreckt wurden: „Warum seid ihr nicht beim Treffpunkt für den Journalistenbus?“ – Allerdings hatte ich keine Lust, so früh am Morgen in Hektik zu verfallen, und entschloss mich, den Fußweg zum lokalen Internetcafe einzuschlagen, wo der Trainingsraum für die Spieler eingerichtet ist. Ich hegte die Hoffnung, dort mousesports anzutreffen, da die eigentlich geplante MSN-Kommunikation dank Chinanet mal wieder ausfiel.
Wie ein WC3-Spieler seine Umwelt beherrscht
Bei der Ankunft wurde ich schnell ernüchtert: Außer unserem liebenswerten ToD war niemand anwesend. Die Chance schien für mich als Journalist natürlich verlockend, ein unterhaltsames Interview zu ergattern. Jedoch langte ein gezielter Blick von Monsieur, um mich vom Gegenteil all meiner Pläne zu überzeugen. Bereits gestern hatte der Franzose im Practice Room für gute Laune gesorgt: Als ein netter Mitarbeiter unsere Internetleitung herstellen wollte, zog er unabsichtlich das LAN-Kabel des Franzosen heraus, welcher gerade in Vorbereitungen zu Custom Games mit Grubby steckte. – „What the fuck are you doing man!?!? You just fucking unplugged my LAN-cable!“ Eine Trennscheibe aus Glas und die hochgelegten Füße des Herrn Merlo sicherten in diesem Fall glücklicherweise die körperliche Unversehrtheit des untröstlichen Admins.Von den CS-Spielen habe ich heute nicht viel mitbekommen, der Tag stand im Zeichen von WC3. Grubby fieberte zusammen mit den anderen Spielern im Backstage-Bereich mit und hoffte auf einen Sieg von Moon gegen WhO. So trat es dann auch ein, was dem Niederländer die Chance zum Einzug in die Playoffs bewahrte. Anscheinend haben die Schokobonbons mit der Aufschrift „Make dreams come true“, die wir vor dem Spiel als gutes Omen gegessen hatten, geholfen.
Das Geheime Buch des Manuel Schenkhuizen
Während des Spiels war er hingegen fast ununterbrochen damit beschäftigt, Autogramme für die Staffmitglieder oder Sicherheitskräfte zu schreiben, was er aber mit einer beneidenswerten Geduld verrichtete. Außerdem gewährte er mir einen Blick in einen ziemlich dicken Notizblock, in dem er sich alle möglichen Sachen zu WC3 aufschreibt. Taktiken, wichtige Merkmale und so weiter – alles auf Englisch wohlgemerkt. Erstens damit Cassandra es auch versteht und Verbesserungsvorschläge machen kann, zweitens weil er laut eigener Aussage fast schon Englisch denkt und durch seinen Beruf in einer „englischen Welt lebt“.
Seine Lockerheit verflog allerdings wenig später im Internetcafe, wo er gegen Sky und WhO die Entscheidungsmatches um den zweiten Platz in der Gruppe ausspielen musste. Gegen Sky begann das Netzwerk nach wenigen Minuten zu laggen und alle möglichen Leute betraten daraufhin den mit Pappen und Stühlen provisorisch abgesperrten Bereich, um zu helfen. – „Don’t talk! … Ey! Just don’t talk!“, rief der Niederländer hörbar angespannt in die Richtung der Chinesen, die auf Sky einredeten. Mit „Turn the monitors off!“ bemühte sich der angespannte Grubby um faire Wettkampfbedingungen, ehe feststand, dass die Map nach einem Computerwechsel neu gestartet werden würde.Was folgte, waren Siege gegen Sky und WhO, woraufhin erst einmal Mama in Holland via Skype angerufen werden musste. Die Atmosphäre während der Spiele in dem kleinen Trainingsraum war schon etwas Besonderes und man merkte deutlich, wie viel Zeit und Energie Grubby in dieses Turnier steckt und schon gesteckt hat. Der Wille zu gewinnen und die absolute Hingabe zu diesem Ziel heben ihn unverkennbar von den Asiaten ab, die fast schon gelangweilt hier herumschlendern und Witze machen.
Entspannung und doch kein gutes Essen
Bei allen CS-orientierten Lesern muss ich mich entschuldigen: Ich habe die mousesports-Jungs einfach nicht zu fassen bekommen und bin das versprochene Interview somit schuldig geblieben. Ich werde morgen einen neuen Anlauf starten und hoffe, dass es dann irgendwie klappt. Als Ersatz konnte ich zumindest den Trainingsraum-Artikel auf die Beine stellen.
Die Playoffs bedeuten vor allem für die Presseleute eine deutliche Entlastung des Zeitplans. Als Journalist, der sowohl WC3 als auch CS abdecken möchte, ist man die letzten Tage entweder im Laufschritt zwischen Bühne und Pressebereich unterwegs gewesen oder saß im Taxi, um für exklusiven Content den Spielern in die Hotels oder den Trainingsraum zu folgen. Respekt an die Veranstalter, dass sie den brutalen Zeitplan wie geplant durchprügeln konnten und es sogar geschafft haben, das unvorhergesehene WC3-Miniturnier so unbürokratisch auf die Beine zu stellen. ‚Mal abwarten, wie sich das Ausscheiden der beiden chinesischen CS-Teams und des Volkshelden Sky auf die Stimmung morgen auswirkt.
Mehr Mitleid für die armen Journalisten
Meinem Magen ging es heute übrigens ganz gut, danke für die besorgten Nachfragen. Die abgelaufenen Nahrungsmittel scheinen nichts Schlimmes anzurichten. Mein heutiges Essen bestand immerhin aus vier Keksen – für mehr war keine Zeit. Zwar wurde mir zwischendurch von den Organisatoren ein „Dinner“ gereicht, aber der rote Reis mit einem Spiegelei obendrauf – verpackt in einer Plastikschale und mit Folie abgedeckt – war nicht wirklich mein Fall. Vor allem, weil es diesen kulinarischen Hochgenuss bisher jeden Tag zu jeder Mahlzeit gab.Zu allem Überfluss muss ich morgen auch noch umgetauschtes Geld an der Rezeption zurückzahlen, da die junge Dame in der ganzen Aufregung, sich auf Englisch verständigen zu müssen, den falschen Wechselkurs benutzt hat. Für heute soll es aber erst einmal genug sein. Jetzt heißt es nur noch: „Fu djin nali you hau fanguan?“ – „Wo gibt es hier ein gutes Restaurant?“


