Nur zwei Warcraft-3-Spiele fanden heute auf den World eSports Masters statt. Für Nils ‚hellphyte‘ Johannsen ergab sich somit die Möglichkeit, das Umfeld des Turniers genauer unter die Lupe zu nehmen. Neben der Lage der Location und dem Verhalten der Zuschauer geht er auch darauf ein, wie herzlich westliche eSports-Redakteure in China empfangen werden.
Hangzhou – etwa 180 Kilometer südlich von Shanghai gelegen und mit circa 6,5 Millionen Einwohnern doppelt so groß wie unsere Hauptstadt Berlin. Hier hat sich in dieser Woche die eSports-Elite versammelt, um 100.000$ Preisgeld unter sich aufzuteilen. Genauer gesagt findet das Event im Xiasha-Bezirk statt, das sowohl als „Erschließungszone der Wirtschaft und Technologie“ als auch als Hochschulbezirk dient. Insgesamt 120.000 Studenten an 14 Universitäten lernen hier mehr oder weniger fleißig – genug, um das Universitätsgelände der Hangzhou Normal University ausreichend zu füllen, dem Austragungsort der WEM.
Zum Status des eSports in China passend, hat man sich als Platz für die große Bühne das Centre of Arts ausgesucht, ein Saal in dem normalerweise Orchester oder Opernsänger sich die Ehre geben. Auf den roten ausklappbaren Stühlen mit einem angenehmen Sitzbezug haben sich hauptsächlich Studenten eingefunden – kein Wunder, schließlich nimmt wenige Meter entfernt der Universitätsbetrieb wie gewohnt seinen Lauf.
Alltag und eSports Hand in Hand
In den frühen Abendstunden versammeln sich vor dem Presseraum die modernen Studenten von heute, um sich mit Sportarten wie Badminton, Gymnastikübungen oder simplen Ballspielen fit und bei Laune zu halten. Dass der harte Marmorboden und die Säulen innerhalb der Halle eher störend wirken, scheint niemanden zu interessieren. Der gute Wille und Spaß am gemeinsamen Spielen scheinen eher im Vordergrund zu stehen, während einige Wände weiter mit AKs, Glocks, Orcs und Nachtelfen am Monitor gekämpft wird.Ein komischer Kontrast, der aber durchaus üblich ist. So versammelten sich einige Tage vor dem Event nachts einige begeisterte Fans vor der Location, um die ersten Eintrittskarten zu ergattern. Nach den Spielen allerdings geht man ganz unspektakulär sofort nach Hause oder in die wartende Vorlesung und lässt sich nichts anmerken. Besonders auffällig das WC3-Finale: Infi gewinnt; verbeugt sich einmal artig vor der jubelnden Menge; winkt bescheiden; Bitte, Danke – weg ist er, weg sind die Zuschauer.
Keine aufgeregte Nachunterhaltung mit Freunden oder Gleichgesinnten und kein Sitzenbleiben nach dem Spiel, um das rege Treiben auf der Bühne zu beobachten. Einige versuchen zwar, auf fanatische Weise noch ein Autogramm der Stars zu ergattern, aber sobald diese verschwunden sind, kehrt umgehend der Alltag wieder ein. eSports wird als etwas ganz Normales angesehen, nicht als ein bewundernswertes Phänomen, in das man unnötig viel Zeit stecken müsste. Man bezahlt die Eintrittskarte, guckt das Spiel, jubelt seinen Idolen zu und geht dann wieder nach Hause.Die Zuschauer sind keine typischen Nerds, die jeden Tag Stunden in ihr Lieblingsspiel investieren oder das Bedürfnis haben, kompetente Experten zu werden. eSports ist ein Massenphänomen, an dem jeder teilhaben soll und darf. Dass extra Journalisten aus Deutschland, Schweden und dem Rest der Welt eingeflogen werden, um aufgeregt über die Spiele zu berichten und jedes Detail zu erhaschen, kann hier niemand so wirklich nachvollziehen. Stolz macht es sie trotzdem, die Einwohner von Hangzhou.
Westliche Pressevertreter im siebten Himmel
Für die wenigen europäischen Journalisten ist generell kein Luxus zu teuer. Die gerne gesehenen Öffentlichkeitsarbeiter residieren im nobelsten Hotel des Bezirks und werden verwöhnt, wo es nur geht. Ein halbes Dutzend Dolmetscher stehen alleine für sie zur Verfügung, um immer anwesend zu sein, wenn nach Taxifahrten, speziellen Essenswünschen oder kalten Getränken verlangt wird.
Die lokalen Politiker geben sich die Klinke in die Hand, um sich bei der Eröffnungsfeier oder beim Geschäftsessen mit den „Media Partners“ präsentieren zu dürfen. Wer als Gastgeber hier auch nur eine Sekunde enttäuscht, wird das Gefühl nicht mehr los, sein Gesicht verloren zu haben. Zu viel Geld ist im Spiel, welches das breite Publikum brav in die neue Trendbewegung eSports steckt. Selbst das Hotel der Spieler kann vom Standard her nicht an das der Pressevertreter heranreichen.
Zu imposant streckt sich der über 20-stöckige Luxusturm in den Himmel von Hangzhou und ist schon von Weitem sichtbar, wenn man auf den sechsspurigen Straßen mit zwei Extra-Fahrbahnen für Radfahrer durch das Retorten-Viertel fährt. Von Tradition ist hier kaum mehr etwas übrig geblieben: Alles neu, alles modern, alles funktional. China und Hangzhou suchen den Weg nach Westen und der eSports liegt genau auf der geplanten Fahrtroute.Die e-Superstars müssen sich wie Gladiatoren fühlen, wenn sie das Campusgelände betreten und die Säulen erblicken, an denen die meterhohen Banner mit ihren Gesichtern und Clanlogos befestigt sind. Die World eSports Masters haben in Sachen Location und Umgebung jedenfalls einen würdigen Rahmen gesetzt, wissen aber auch, dass sie noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sind, im Land des aufgehenden eSports.


