Wenn morgen die World Cyber Games in Köln eröffnet werden, steht neben dem hochklassigen Wettbewerb vor allem eines im Fokus der europäischen eSport-Öffentlichkeit: Werden sich die Erwartungen an ein Zuschauerfest in Deutschland erfüllen oder verabschieden sich die World Cyber Games in den nächsten Jahren doch wieder nach Asien?
Wiktor ‚TaZ‘ Wojtas reckt die Faust in die Höhe und bricht mit seinem Team PGS Gaming in Jubel aus. Soeben haben die Polen im Finale des Electronic Sports World Cup Team NoA aus Dänemark besiegt. Vor voller Hütte bleibt während des spannenden Counter-Strike-Finales kein Stuhl frei. Abgesehen von denen einer Gruppe polnischer Fans, die es nicht mehr auf ihren Sitzen hält. eSport in Europa funktioniert. Das beweisen nicht nur die Veranstaltungen des ESWC in Paris, seien es die Grand Finals oder nur ein Masters-Event wie in diesem Jahr; auch in Deutschland kann die ESL regelmäßig ganze Fanscharen anziehen. Selbst bei einem Intel Friday Night Game, auf dem lediglich drei Partien ausgetragen werden, sind 2000 Zuschauer keine Seltenheit mehr. Da können die World Cyber Games in Köln doch eigentlich die Erwartungen nur noch übertreffen, oder?Droht ein zweites Monza?
Möglich! – Es ist sogar gut möglich, dass die World Cyber Games diese Woche ein großer Zuschauererfolg werden. Viele Gründe sprechen dafür: Mit Köln ist die deutsche eSport-Hauptstadt Austragungsort; an die Anreise dürften sich die meisten Fans dank der ESL also bereits gewöhnt haben. Durch die zahlreichen Events der ESL ist der eSport speziell in Deutschland zusätzlich bereits ein weit verbreiteter Zuschauersport geworden.
Jedoch: Auch etwas Skepsis ist angebracht. Der Monat Oktober war derart mit Events überfrachtet, dass sich bei den Fans durchaus ein leichtes Sättigungsgefühl eingestellt haben könnte. Wenn nicht, hat die Eventflut aber zwangsläufig definitiv eines verursacht: weniger Aufmerksamkeit für die World Cyber Games auf den eSport-Seiten in den vergangenen Wochen, sodass selbst die Hardcore-Fans teils etwas überrascht über den baldigen Beginn des Herbsthighlights waren.
Genau hier könnte das Problem liegen: Während man sich bei der eSport-fernen Öffentlichkeit sowohl durch zahlreiche Medienberichte, als auch durch
Plakatierungen auf der Straße und einer Partnerschaft mit Saturn ins Gespräch gebracht hat, wurden diejenige, die das Event wohl am ehesten aktiv vor Ort verfolgen würden, etwas vernachlässigt: die echten eSport-Fans. Nur sehr vereinzelt wurden Szeneseiten als Werbeträger genutzt, eine große Online-Anzeigenkampagne blieb aus.Dass Straßenwerbung nicht zwingend für großen Besucherandrang sorgen muss, haben dabei die WCG 2006 im italienischen Monza leidvoll verdeutlicht. Trotz zahlreicher Plakate und Werbung auf den Shuttle-Bussen wurden die Tribünen auf der Rennstrecke fast nur von Spielern und Journalisten bevölkert. Dazu trug jedoch höchstwahrscheinlich auch nicht unwesentlich die sehr schlechte Lage der Location bei. Dieser Fehler wurde durch die Wahl der Kölner Messe glücklicherweise nicht wiederholt.
Und was wäre, wenn?
Was, wenn die aus Organisationskreisen verlautete angestrebte Zahl von 30.000 Besuchern an den vier Eventtagen wirklich nicht erreicht werden sollte? – Wünschenswert wäre es für den eSport sicherlich nicht, denn leere Olympische Spiele des eSports sind alles andere als ein gutes Aushängeschild. Gerade für die Mainstream-Medien, die wieder zahlreich vertreten sein werden. Ein großer Schub für den eSport in Deutschland, den sich viele erhoffen, dürfte folglich ebenfalls ausbleiben. Darüber hinaus werden sich die Ausrichter der WCG höchstwahrscheinlich dreimal überlegen, ob ein Event außerhalb Asiens derzeit überhaupt noch sinnvoll ist. Denn das lobenswerte Konzept der über die Kontinente wandernden World Cyber Games kann langfristig wohl mit leeren Locations nicht überleben.
Sollte man das Messegelände am Ende jedoch wider Erwarten nicht mit Zuschauern füllen können, hätte das weniger Konsequenzen für den deutschen eSport, als für zukünftige Veranstaltungen der World Cyber Games. Nach Monza und Seattle wäre es zum dritten Mal nicht gelungen, die Massen auf das Event zu locken. Asien würde sich vermutlich freuen.


