Auch bei den World Cyber Games gehört, entsprechend dem Olympischen Gedanken, eine grandiose Eröffnungsfeier mit dazu – das steht außer Frage. Doch konnte das gezeigte Werk in Köln überzeugen? Nils ‚hellphyte‘ Johannsen war von Beginn an dabei und berichtet über seine Eindrücke.
Etwas mehr als einen Tag sind die World Cyber Games nun offiziell im Gange – Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen. Für die gestrige Eröffnungsfeier waren eigentlich alle Weichen auf Erfolg gestellt: eine laute Band, ein smartes Moderatorenduo, eine futuristische Bühnenshow und viele wichtige Persönlichkeiten in den ersten Reihen. Doch nicht immer ist in der Praxis alles zu 100% umsetzbar, was in der Theorie ein gutes Event ausmacht.
Die H-Blockx waren bemüht, Stimmung zu machen, bissen beim internationalen Gamerpublikum aber auf Granit; die beiden Moderatoren neigten zu überaus lockerer Führung durch die Veranstaltung, offenbarten während der Flaggeneinläufe jedoch wenig Improvisationstalent und unzureichende Erdkundekenntnisse. Anstatt die Flaggenträger vor ihrem Einlauf anzukündigen, musste man bei mehr als der Hälfte der Länder immer auf die Einblendung der Ländernamen warten, da eine Zuordnung der Flagge oder ein Einlaufplan anscheinend zuviel verlangt waren. Das nahm der gesamten Prozedur sowohl den Schwung als auch irgendwann die Ordnung.Flaggeneinlauf mit Hindernissen
So begannen die Fahnenträger schließlich, nahezu nach Belieben auf die Bühne zu marschieren. Mal einer zu spät, mal mehrere auf einmal oder auch mal unter falschem Ländernamen. Über solche formalen Unzulänglichkeiten mag der reine eSports-Fan jedoch schmunzelnd hinwegsehen, wären zumindest die Träger der Fahnen dem Rahmen der Veranstaltung würdig gewesen.
Doch statt Namen wie Grubby, Mondragon, ToD oder walle liefen wenig repräsentative Nonames über die Bühne, die meist aus dem Betreuerstab des jeweiligen Teams stammten oder einfach nur eine irgendwie geartete Verbindung zum repräsentierten Land vorweisen konnten. Schade eigentlich, hatte man die eigene Messlatte mit Zitaten von Goethe, Schubert oder Einstein zur Eröffnung ziemlich hoch gesetzt.
WC3 im Trubel, CS im Ruhigen
Der erste Spieltag am heutigen Donnerstag versprach also Besserung: Endlich eSport! – Aber wo? Der WC3-Spielbereich steht nahezu ungeschützt und zentral mitten in Halle 8 der Kölnmesse, wo den gesamten Tag über akustische Berieselung auf höchstem Lautstärkeniveau herrscht. Bis jetzt scheint sich aber noch niemand ernsthaft davon gestört zu fühlen, selbst ToD lief einigermaßen gut gelaunt über die Location.
Die CS’ler dagegen müssen sich über solche Probleme nicht den Kopf zerbrechen, sie tragen ihre Wettkämpfe in einem eigens abgesperrten Bereich aus. Dafür dass hier auch nur Personen reinkommen, die mindestens 16 Jahre alt sind, sorgen reichlich Sicherheitskräfte. Diese Abgrenzung wiederum drückt natürlich deutlich auf die Atmosphäre und lässt bis jetzt zumindest noch kein richtiges Eventfeeling aufkommen.
eSports für die Massen
Andererseits ist nicht alles so schlimm, wie es sich anhören mag. Mit kreischenden Fanmassen und allzu öffentlichem eSport hatten in Deutschland wohl sowieso nur die Wenigsten gerechnet. Die Veranstalter hatten somit mit vielen Hürden zu kämpfen, die irgendwie übersprungen werden mussten. Dementsprechend wird sich der ein oder andere Hardcore-eSportler mit Sicherheit erst an den Aufbau und die Präsentation gewöhnen, sich eins jedoch auch eingestehen müssen: Die Spiele sind bisher eine äußerst gelungene Darstellung für Außenstehende.So kann der klassische Gamer zwar nur selten in Ruhe die Spiele verfolgen und musste ebenso beim Flaggeneinmarsch auf seine Idole verzichten, auf der anderen Seite wirkt es alles viel normaler. Die öffentlichen Spielbereiche reihen sich in die Partnerstände ein, als wäre es das Normalste der Welt, und wirken dadurch viel greifbarer und einladender für Leute, die mit dem eSport bisher noch nicht vertraut waren. Ein Turnierbereich, der rein auf Coverage und optimale Wettkampfbedingungen ausgelegt worden wäre, hätte mit Sicherheit weniger attraktiv gewirkt.
Heute nach dem ersten Turniertag wird man vorerst abwarten müssen, wie sich die Situation vor Ort in den nächsten Tagen entwickelt, wenn die chaotische Gruppenphase vorbei ist und sich die Spreu vom Weizen getrennt hat. Danach wird wahrscheinlich mehr Ruhe im Turnierbereich einkehren sowie der reine eSports-Fan auch auf seine Kosten kommen und den Fokus mehr auf das legen können, was ihm wichtig ist: die Spiele.

