Die World Cyber Games 2008 sind vorbei, die Medaillen vergeben und die Teilnehmer in ihre Heimat zurückgereist. Was bleibt, sind schöne Geschichten, zufriedene und frustrierte Fans sowie die Frage, ob das wirklich das große Event war, das sich alle Beteiligten vor Beginn der Spiele erhofften. – Nein, war es nicht, findet David ‚Craven‘ Abel, doch es gab auch positive Momente.
Die WCG 2008 in Köln waren besser als die letzten in Seattle. Es war ein Event in einer Größenordnung, die der deutsche eSport bisher noch nicht gesehen hat. Natürlich, auf der Games Convention sind mehr Zuschauer insgesamt, aber eine ganze, große Messehalle nur für eSport, das gab es bisher nur auf den World Cyber Games. Dennoch war auch diese WCG weit davon entfernt, wirklich gut zu sein.
Wo fangen wir an? – Zentral ist für mich, wie das Erlebnis vor Ort war. Verstopfte Streams, kein HLTV, unzureichende Ergebniscoverage auf der WCG-Seite und infolgedessen auch auf den Szeneseiten gab es zwar offensichtlich, aber das mögen Leute beurteilen, die im Gegensatz zu mir nicht vor Ort waren.
Bombastische Stimmung während der Spiele
Fangen wir mit etwas Positivem an: Die Stimmung vor Ort – gerade bei Warcraft 3. – Mein lieber Schwan, das ging ab. – Wer Grubby gegen Moon oder auch zuvor schon Grubby gegen HoT auf der Bühne gesehen hat, fragt sich wirklich, warum der Klassiker aus dem Standardrepertoire der iFNGs entfernt wurde. Woher kam dieser Schub? Lag es wirklich an der Qualität der Partien?
Das wäre die wohl naheliegendste Begründung und auch sicher nicht grundsätzlich falsch, aber die Moderatoren Khaldor und Reaper haben einen beträchtlichen Teil dazu beigetragen: einen leidenschaftlichen Cast, der auch Unbeteiligte mitriss. Zwar wurde viel Wissen auf Seiten des Publikums vorausgesetzt, doch die Spannung war für jeden greifbar. – Das war eSport, wie wir ihn uns wünschen.
Gewöhnungsbedürftige Moderatoren außerhalb der Spiele
Problematisch wurde es hingegen, wenn auf der Bühne nichts Spannendes lief. BMX-Freestyle, Carom3D oder auch die Zeremonien waren spannend wie die von mir oft zitierte Kaminfeuerübertragung auf SuperRTL und höchstens für die geeignet, die auf den Sitzplatz vor der Bühne aus gesundheitlichen Gründen angewiesen waren.
Die Moderation von Viola Tensil und ihrem Gelegenheitsbeistand Daniel Aminati (bei Eröffnung und Siegerehrung) war natürlich nicht wirklich eSport-affin – das konnte man auch nicht erwarten -, darüber hinaus jedoch auch nicht wirklich unterhaltsam. Seine Sternstunde hatte Daniel Aminati, als er sich bei dem Carom3D-Spieler aus Brasilien im Rahmen der Siegerehrung dessen Hut auslieh, der an einen Pylone aus dem Straßenverkehr (nicht Starcraft!) erinnerte und damit dann nicht mehr nur affig moderierte, sondern auch noch so aussah.
Für das Programm neben der Bühne hatten sich Veranstalter und Sponsoren streckenweise durchaus Mühe gegeben, doch wirklich Action-geladenes Entertainment blieb aus. Die Kletterwand stellte zumindest beleibte Gäste vor eine Herausforderung, der Soccer-Cage war eine nette Abwechslung, doch spätestens beim virtuellen Reiten wünschte man sich einen starken Kaffee, um nicht einzuschlafen.
Informationswüste WCG 2008
Also blieb der eSport als Entertainment. Donnerstag bis Samstag auch kein Problem: Die Spielerbereiche waren alle gut einsehbar, sodass die Zuschauer unabhängig vom Bühnenprogramm den Teilnehmern zuschauen konnten. Dass bei Top-Begegnungen ein gewisses Drängeln an der Absperrung entstand, liegt wohl in der Natur der Sache. Was fehlte waren allerdings Monitore mit aktuellen (!) Ergebnissen. Hier ist beispielsweise der ESWC den WCG meilenweit voraus. In Paris und San Jose wusste jeder Außenstehende sofort, wer gegen wen wann spielt und sogar den Spielstand – besonders bei Counter-Strike eine wichtige Information.
Außerdem hätten auch ein paar Tafeln mit Informationen zum Spiel nicht geschadet. Zwar kann wohl jeder etwas mit FIFA oder Counter-Strike anfangen, aber selbst Warcraft 3 stellt unerfahrene Zuschauer bereits vor Probleme. Kurzum: Für Hardcore-Fans waren die Angebote sicher knapp ausreichend, Gelegenheitszuschauer wurden komplett im Wald stehen gelassen.
Organisation des CS-Turniers: Contra Zuschauer!
Des Weiteren hätten sich die Organisatoren dringend Entertainment für den Sonntag einfallen lassen müssen. Die Spielerbereiche waren bis auf ganz vereinzelte, trainierende Aktuere komplett verwaist und so war nur die Bühne ein Anziehungspunkt, der aber aus oben genannten Gründen oft auch keine echte Alternative darstellte. Dass dazu der ü16-Bereich oft und gerne wegen Überfüllung geschlossen war, trug zur weiteren Frustration am Finaltag bei.
Generell war das ein Andrang, den die Organisatoren hätten erwarten müssen: Mehr als 100 Zuschauer zum CS-Turnier, ach echt? – Es ist nachvollziehbar, dass die WCG das Event auch für jüngere Zuschauer öffnen wollte, doch die Umsetzung war mehr als ausbaufähig. Die Stände befanden sich so weit auseinander, dass zwar Josh Vögeding die breiten Gänge in seinem Interview zurecht lobte, doch die Stände wirkten auf diese Weise eher verloren im weiten Areal der Halle 8. Das denkbare Argument, dass für einen größeren ü16-Bereich kein Platz gewesen sei, wäre insofern hinfällig. Also: Bitte den Bereich nächstes Mal größer dimensionieren.
Zuletzt ist vor allem ein Umstand unverständlich: Wieso wurden keine Hubschrauberkopfhörer eingesetzt, um den Cast parallel zu den Stagematches laufen zu lassen? Ich hoffe, niemand will hier bei einem Event, welches geschätzt einen mittleren siebenstelligen Betrag verschlungen hat, Kostengesichtspunkte anführen.
Insgesamt gab es dementsprechend keine Gruppe von Zuschauern, die wirklich zufrieden sein konnte: Hardcore-Fans wurden am Sonntag sträflich unterversorgt und auch die Gelegenheitszuschauer konnten sich lediglich an der generell guten Stimmung – grade bei spannenden Stagematches – erfreuen.
Große Hoffnung – große Enttäuschung
Nach der WCG in Seattle, bei der vor allem der komplett abgetrennte Spielerbereich im 1. Stock ein riesiges Manko darstellte, dachte ich, dass das in Deutschland sicher viel, viel besser werden würde. Nicht nur aus blindem Vertrauen in die Qualitäten meiner Landsmänner, sondern weil ich davon ausging, dass mehr Zuschauer kommen und diese auch besser unterhalten würden.
Diese Hoffnung wurde zwar in der Hinsicht erfüllt, dass ausreichend Zuschauer da waren – auch wenn nicht unbedingt viel mehr als bei den Rekord-EPS-Finals Nummer 10 in der Premiumlocation Gürzenich anreisten. Aber dafür wurden wieder andere Fehler gemacht, die schlicht überflüssig waren und die Frage aufkommen lassen, warum es die ESWC-Franzosen in Paris noch immer so viel besser hinbekommen, auf einer großen Bühne, randvoll mit Zuschauern, spannende Matches anschaulich zu präsentieren.
Die Organisatoren hatten die Chance, in einer sehr affinen Umgebung ein Event zu schaffen, welches als wegweisend in die Geschichtsbücher hätte eingehen können. Noch nie war eine so hohe Dichte an Top-Spielern auf einem Event auf deutschem Boden und noch nie gab es so viel Hype, der jetzt enttäuscht wurde. Traurig stimmt auch, dass das nächste Event von diesem Format erst einmal lange auf sich warten lassen wird. – Schade, WCG.
Mitarbeit: Franziska von der Osten. Sie ist im übrigen der Meinung, dass mit Grubby nicht nur der beste, sondern auch der attraktivste Teilnehmer gewonnen hat.