Wenn es um die Zukunft von Warcraft 3 geht, liegt über der Diskussion immer der große Schatten von Starcraft 2. Die Zeichen, die der neue Blizzard-Kracher sendet, werden immer deutlicher und greifbarer. Doch selbst wenn es das letzte vollständige Jahr von Warcraft 3 an der Strategie-Spitze gewesen sein sollte, sieht Christopher ‚CfL‘ Bachmann den möglichen Abschluss durchaus versöhnlich.
2003 erschien der Nachfolger der bereits erfolgreichen Warcraft-Saga und eroberte die gesamte Spielergemeinschaft im Sturm. In wenigen Monaten wurde der Titel weltweit, mit Ausnahme von Südkorea, zum wohl wichtigsten Strategie-Titel und zu einer der Kerndisziplinen des noch jungen eSport.
2008 konnte Warcraft 3 noch einmal sein ganzes Potential entfalten und das trotz des sich anbahnenden Endes. Noch nie war es möglich, so viel Geld mit dem Spiel zu verdienen, und nie zuvor gab es so begeisterte Fans. Falls Warcraft 3 sich mit dem Release von Starcraft 2 nächstes Jahr aus der eSport-Landschaft verabschieden sollte, dann hat es dies auf jeden Fall mit einem großen Knall getan.
Wieder einmal dabei: Dieselben Gesichter wie im letzten Jahr.
Der Nachteil einer so dauerhaften Position als internationale Spitzendisziplin – so der Fall bei Warcraft 3 – ist, dass es irgendwann bestimmte Spieler geschafft haben sich oben festzusetzen und ihre Position lange Zeit zu verteidigen. In diesem Jahr konnte man dabei sehr gut erkennen, dass wieder die Spieler das Jahr dominiert haben, die das auch schon im letzten Jahr getan haben. Eine kleine Ausnahme bilden einzig Infi und WhO, die natürlich auch schon vorher bekannt waren, aber im Gegenteil zu beispielsweise TeD bei Top-Turnieren noch nicht zum engen Favoritenkreis gehörten.Mit ihren Siegen beim KODE5 und den ESWC Global Masters haben die beiden es geschafft, zu den gestandenen Spieler von World Elite, SK Gaming, MeetYourMakers und einigen verstreuten Ausnahmetalenten aufzuschließen. Auf europäischer Ebene war es dabei wohl LucifroN, der eine ähnliche Position einnahm und dem es gelang die alte Garde zur ärgern. Nichtsdestotrotz: Es handelt sich um insgesamt drei Spieler, die aufschließen oder sich teilweise sogar an die Spitze setzen konnten. Um sie herum handelte es sich ausschließlich um die bewährten Eliten.
Besonders stach unter diesen der überragende Spieler des Jahres hervor: Lyn von SK Gaming. Zwar erwischte er bei der PGL Saison 2 noch einen schlechten Start – er kam nur auf die Plätze 9-10 -, konnte dann aber im Anschluss erst die AWL III und dann die hochdotierten Extreme Masters Global Finals gewinnen. Auch später im Jahr war er derjenige, der die meisten Siege bei Turnieren einfuhr und sich meistens bei einer Teilnahme unter die ersten Drei setzte.
2008 war aber nicht nur ein gutes Jahr für Lyn, sondern auch ein gutes Jahr für alle anderen Orc-Spieler. Dabei wurden nicht nur die drei großen Turniere, ESWC Global Finals, Extreme Masters und World Cyber Games, von Orc-Spielern gewonnen, sondern auch der Großteil der anderen Spitzenturniere. Entgegen vielen Vermutungen kam dabei der Umschwung nicht erst im August mit dem neuen Patch für Warcraft 3, denn auch vorher waren die Orcs schon auf der Überholspur.
Zum letzten Mal: Das Aussterben der Team-Ligen
Lange Zeit waren die beiden Team-Ligen NGL ONE und vor allem die altehrwürdige WC3L die Anlaufstellen für hochkarätige Warcraft-3-Spiele. In Zeiten, in denen es im Jahr nur wenige große Turniere gab, waren es diese Ligen, die dafür sorgten, dass die ganze Welt regelmäßig die besten Spieler zu sehen bekam. Vor allem weil sich in den Zeiten abseits der Turniere dadurch ein so großer Fokus auf diese Ligen legte, wurden sie für viele so prestigeträchtig. Schon früher war es für die meisten Teams nicht der finanzielle Aspekt, der sie an den Ligen teilnehmen ließ; selbst damals war ein voll funktionstüchtiges und gutes Team sehr teuer. Allerdings kam mit dem Prestige auch mehr Geld von den Sponsoren.In diesem Jahr musste sich der verwöhnte Teamligen-Fan aber schon mit weniger zufrieden geben als in den vergangenen Jahren. So machte die NGL ONE zum Ende des Julis erst einmal seine Pforten dicht und beschränkte sich auf eine einzelne Saison pro Jahr. Dabei dauerte es dann auch noch stolze fünf Monate, bevor man den Zeitpunkt ausgewählt hatte, an welchem die vorangegangene Saison überhaupt beendet werden sollte.
Die WC3L dagegen fuhr in ihrer gewohnten Weise fort, obwohl die Liga stellenweise an Spannung verlor. Zu groß war häufig der Unterschied zwischen den einzelnen Teams geworden. Für die deutschen Zuschauer hingegen hatte das auch einen Vorteil: Die Teams von Alternate und Raptor-Gaming wurden dadurch konkurrenzfähig, konnten die Liga ein wenig aufmischen und respektable Ergebnisse einzufahren. Insgesamt war 2008 also doch – zumindest für die Deutschen – ein unterhaltsames Jahr für die Liebhaber der alten Team-Ligen.
Umso schwerer wird das kommende Jahr werden. Sowohl die NGL ONE als auch die WC3L haben sich dazu entschlossen, ihr Spielsystem zu überdenken und ab sofort auf weniger Spieler zu setzen. So brauchen die Teams nicht wie vorher mindestens vier mögliche Spieler, sondern können in Zukunft mit theoretisch nur zwei Spielern in der WC3L antreten. Die NGL wird in Zukunft sogar gänzlich zur Liga für Einzelspieler. Am 11. Januar beginnen insofern die letzten WC3L-Finals der alten Schule und bei den vier Finalisten fnatic, SK Gaming, MYM und World Elite darf man noch einmal das Beste vom Besten erwarten – der Abschied von der WC3L in ihrer bekannten Form. Immerhin kann man davon ausgehen, dass das in China ausreichend gefeiert werden wird. – Ein Abschied mit Knall eben.
Zum ersten Mal: China als neuer Globalplayer
Schon im Jahre 2007 boomte Warcraft 3 in China. Die ersten dort veranstalteten Turniere schafften es förmlich auf Anhieb die Größe der deutschen Äquivalente zu erreichen und zu übertreffen. In diesem Jahr gelang dann der endgültige Durchbruch Chinas in Warcraft 3. So schafften nicht nur weitere chinesische Spieler – meistens aus der hauseigenen Jugend des Clans World Elite – den Sprung an die internationale Spitze, sondern es entstand ein wahrhafter Boom von Veranstaltungen in China.Am meisten profitieret hat China dabei von der überraschend aktiven und begeisterten Fanbase. Zwar ist China (noch) nicht das eSport-Mekka, für das es viele halten – die Zuschauerzahlen und die finanziellen Möglichkeiten in China übertrumpfen zum Beispiel keinesfalls die Südkoreas -, aber die Fans, die der eSport in dem Land der aufgehenden Sonne gefunden hat, nehmen bereits jetzt Auswüchse an, wie es hierzulande nur junge, schwarzgekleidete Jungs mit seltsamen Frisuren schaffen. So musste der Niederländer Grubby sich zum Beispiel in einem Raum verbarrikadieren und versuchen, über das Fenster zu flüchten, weil eine Gruppe von Anhängern ihn nicht durch den Haupteingang lassen wollte. – So ist nun ‚mal das Leben als Popstar.
Die chinesischen Turniere glänzten aber nicht nur hinsichtlich der Fanscharen, sondern auch hinsichtlich der Masse der Veranstaltungen, die in diesem Jahr das passende Preisgeld parat hatten, um die gesamte Elite anzulocken. Zum einen hat dies zwar durchaus seinen negativen Aspekt: Die Team-Ligen verlieren ihren Anspruch des edlen Lückenfüllers, da durch die Masse an Turnieren nun auch regelmäßig Einzelspieler-Veranstaltungen stattfinden.
Auf der anderen Seite muss man der Masse der Events aber auch dankbar sein, denn durch sie können Spieler und Clans sich häufiger präsentieren. Seitdem die Turniere in China mit ähnlich großen Preisgeldern wie die europäischen locken, sorgen sie dafür dass es sich für die Clans wieder lohnt, Spieler zu halten. Die Preisgelder, die dieses Jahr in China ausgegeben wurden, waren auch der Hauptgrund, warum dieses Jahr das am besten dotierte Jahr für Warcraft-3-Spieler in der Geschichte geworden ist.
Es war einmal: Starcraft 2 im Anmarsch – WC3 muss weichen
In den letzten Monaten deutete sich an, dass Warcraft 3 außerhalb von China nur noch so sehr am Leben gelassen wird, wie es unbedingt nötig ist. Teams entließen Spieler, die Ligen veränderten ihr System und Veranstalter überlegten sich eher, Warcraft 3 nicht in ihr Sortiment aufzunehmen. Fraglich ist insofern insbesondere, was für eine Rolle China spielen wird, wenn es darum geht, die Orks und Nachtelfen am Leben zu halten. Ist Warcraft 3 im Land der aufgehenden Sonne schon gefestigt genug, um diese Krise zu überstehen und sich wie Starcraft: Brood War einst an Korea an der Szene in China festzuhalten? Oder werden die Chinesen dem im Westen gegründeten Trend folgen und auf das neue Spiel wechseln? – Fragen, die nur das kommende Jahr zu klären vermag.Trotz des schleichenden Niedergangs in vielen Bereichen wird das Jahr 2008 als ein gutes – vielleicht als das letzte gute – Jahr in die Erinnerungen eingehen. Noch nie zuvor konnten wir uns über so viele und so gut besetzte Turniere freuen; wir kamen noch einmal in den Genuss eines hochklassigen Warcraft-3-Turniers auf den WCG im eigenen Lande; wir wurden von Blizzard einmal mehr mit einem neuen Patch gesegnet; wir konnten nicht über mangelnde Spannung klagen, denn auch der beachtliche Erfolg von Lyn ließ noch genug Raum für andere Spieler zu glänzen.
Sollte dies tatsächlich das letzte Jahr WC3s gewesen sein, mit so vielen hochklassigen Warcraft-3-Spielen, so war es auf jeden Fall ein würdiger Abschluss. Ein Abschluss auf hohem Niveau. Ein Abschluss mit Knall.



