Zu meckern gab es auch dieses Jahr wieder viel: grausam organisierte Turniere, schlechte Zeitpläne, fehlende Kommunikation zwischen Admins und Spielern – die Liste könnte man so fortführen. Gefreut haben sich die Zuschauer, ob vor dem PC oder live vor Ort, am Ende trotzdem. Simon ‚dummdidumm‘ Holthausen über das Jahr 2008 – von der emotionalen Seite.
Vom Jubeln, …
91 HP. 64 HP. 34 HP. – „Grubbyyyyy!“ – Die ersten Fans springen von ihren Sitzen auf und schreien, in der Hoffnung, der Orc-Spieler hört sie. Dann, in letzter Sekunde, bemerkt Grubby seinen Fehler und zieht seinen Blademaster vom Ancient of War weg, den er fälschlicherweise angegriffen hatte. Der Blademaster rennt, der Ancient of War schlägt noch einmal – 1 HP! Grubbys Held kommt gerade so davon.Wenn man so will, war es bei diesem verdammt knappen Spiel auf Secret Valley im Finale der WCG 2008 die Grenze zwischen Sieg und Niederlage, die Grubby in diesen dramatischen Sekunden erfolgreich überschritt. Er legte den Grundstein für seinen WCG-Titel. Die letzten Spielsekunden auf der finalen Map Twisted Meadows waren dann der wohl ehrlichste und ausgelassenste Jubel, den wir je von einem Warcraft-3-Progamer gesehen haben. Mit dem GG von Kontrahent Moon sprang Grubby wie von Sinnen auf, riss die Arme hoch und fuchtelte wie gegen einen Punching Ball trainierend in der Luft herum. Da war ihm auch das Headset egal, das ihm bei dieser Aktion fast vom Kopf viel.
Die WCG 2008 markierten den Höhepunkt eines WC3-Jahres, das mit so vielen Emotionen wie noch nie zuvor verbunden war. Es scheint, als könne man endlich das Image eines kreidebleichen Spielers ablegen, der nach seinem Sieg kurz an der Wasserflasche nippt und dann in den Katakomben der Arena verschwindet. – Klar, auch diese Spielertypen gibt es nach wie vor. Vor allem die asiatischen Spieler drücken ihre Freude über gewonnene Partien meist nur mit einer artigen Verbeugung aus.Dass man sich aber mittlerweile trotzdem mit ihnen identifizieren kann, liegt am deutlich steigenden Coverage-Aufwand. Übersetzungen von Onlinetagebüchern Skys etwa helfen sehr, die Gefühlswelt der asiatischen Superstars nachzuvollziehen und die Spieler selbst dadurch ganz nahe an den Fan zu bringen. Vorbei sind die Tage, an denen man sie manchmal unwillkürlich als emotionslose Trainingsmaschinen sah. Da empört sich auch ‚mal ein Sky offen und ehrlich über die Missstände auf dem IEF-Turnier, die die Disqualifikation von TeD zur Folge hatten.
Lächeln…
Andere haben ihre Scheu vor der großen Bühne abgelegt; ihre Auftritte sind nun wesentlich souveräner und entspannter. Moon zum Beispiel läuft ständig gut gelaunt und mit einem breiten Grinsen durch die Gegend, telefoniert nach Siegen freudig mit seiner Familie und treibt nicht nur ingame Schabernack.Vielleicht war er schon immer so – das wunderbare Interview auf der Dreamhack 2007 mit den Fragen nach Creolophus lässt darauf schließen -, nun bekommt man es aber auch endlich mit. Umgekehrt kann man Moon genauso niedergeschlagen sehen. Ob er nach der Niederlage gegen Grubby im WCG-Finale seine Tränen trocknete oder den Schweiß von der Stirn wischte, ist schwer zu sagen – geknickt war er auf jeden Fall.
…und Mitfiebern
Und wenn einmal die Stars nicht für Stimmung sorgten, dann zumindest das Publikum. Gerade in Korea und China ist die enorme Begeisterung für Warcraft 3 auf den großen Turnieren zu jeder Sekunde spürbar. Die Höhepunkte bildeten sicherlich die WC3L XIII Finals und die PGL Season III Finals, die zusammen im Sports Center Changsha in China stattfanden. Eine zum Bersten gefüllte Halle voller Warcraft-3-Anhänger – allein das versprach eine gute Stimmung. Die Stromversorgung trug dann den Rest dazu bei, aus den PGL Season III Finals ein packendes Erlebnis für jeden Zuschauer werden zu lassen.Als TH000 auf der letzten Map auf die Zielgerade einbog und in diesem Moment der Strom ausfiel, war das Publikum nicht mehr auf den Stühlen zu halten. Wütende Rufe paarten sich mit Sprechchören für TH000, der die Zuschauer während der ergreifenden Partie mit seiner unkonventionellen Spielweise immer mehr auf seine Seite gezogen hatte. Am Ende, nach einer dramatischen Pause, die beide Spieler für ihre erneute Konzentration einlegten, gewann der Humanspieler und die Halle explodierte förmlich. Inmitten des Rummels stand ein sichtlich gefasster TH000, der seinen Sieg wohl noch nicht ganz realisieren konnte.
So kann es weitergehen
Die Zuschauerzahlen des großen Doppelevents unterstreichen die gewachsene Begeisterung der Fans für Warcraft 3. 6.500 Zuschauer schafften es in die Sporthalle, auf die Streams wurde nach Aussage der ESL weltweit über acht Millionen Mal zugegriffen. „Das ist Rekord für die Ausstrahlung eines ESL Events“, freute sich Ibrahim Mazari, Director Public Relations der Turtle Entertainment GmbH aus Köln. Die Warcraft-3-Fangemeinde muss sich nicht zwangsläufig vergrößert haben, aber mit den Stars mitfiebern, das möchte heute jeder mehr denn je.Natürlich gab es auch lahme Turniere; die, in denen die Kamera lieber an den Spielern klebte, um nicht leere Stuhlreihen zu zeigen. Natürlich, von den EPS Saison 13 Finals hätte man sich etwas mehr Begeisterung erhofft. Natürlich, nach wie vor blicken einige Progamer beim Turniersieg eher gelangweilt als glücklich drein. – Trotz alledem: Die WC3-Stimmung hat sich verbessert und das entgegen allen Untergangsszenarien. Emotionen und echter Jubel muss nicht länger nur in CS-Turnieren gesucht werden. So kann es gerne weitergehen.




