Der gestrige Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden, der 16 Menschen das Leben kostete, hat ganz Deutschland erschüttert. Doch bei Trauer und Unverständnis bleibt es nicht; man will Erklärungen. Erklärungen, die leider allzu oft in überhasteten Schnellschüssen enden. Simon ‚dummdidumm‘ Holthausen über verzweifelt gesuchte Motive, blinden Aktionismus und einen möglichen Photoshop-Fake.
Um kurz nach Neun betritt Tim K. die Albertville-Realschule. Ein letztes Mal kehrt er an die Schule zurück, an der er seinen Abschluss abgelegt hat. Warum er das mit einer Waffe in der Hand tut, das weiß niemand.
Um kurz nach Eins ist alles vorbei. Tim K. hat auf seinem Amoklauf durch die Schule und anschließend in Richtung des nahe gelegenen Orts Wendlingen insgesamt 15 Menschen getötet, am Ende erschießt er sich nach einem Schusswechsel mit der Polizei selbst. Was bleibt, ist Fassungslosigkeit. Wie kann ein 17-Jähriger so eine Schreckenstat begehen? Es ist nicht begreifbar.
Das Unerklärliche erklären
Und doch brauchen die Medien jetzt ein Motiv, einen Auslöser für die Tat. Es ist das Schema F, das im Angesicht dieses schrecklichen Amoklaufs verwendet wird. Das Schema F, das in so einer unerklärlichen Ausnahmesituation Routine vorgaukelt. Überall wird Psychologen, Kriminologen, aber auch Angehörigen, Bekannten des Täters oder Augenzeugen diese eine Frage gestellt: Warum?
Eine Antwort zu finden, würde das Unfassbare um einiges erträglicher gestalten. Ein schlüssiges Motiv ist immer besser als die Gewissheit, die Tat rational nicht erklären zu können. Und so versuchen die Befragten nun an allen Ecken und Enden, eine Erklärung für den Amoklauf zu finden. Oder noch besser: Wie man so etwas in Zukunft verhindern kann.
Ein Motiv ist schnell gefunden – aber jeder findet ein anderes. Ein Psychologe im Interview mit der Frankfurter Rundschau sagt, dass Amokläufer meist sehr isolierte Menschen sind, die mit ihrer Tat einmal in ihrem Leben große Aufmerksamkeit bekommen wollen, sich mächtig fühlen wollen. Ein ehemaliger Freund von Tim K. erzählt, Tim habe eine große Sammlung von Horrorfilmen besessen. – Horrorfilme also als Auslöser? Tim K. besaß ebenfalls eine Leidenschaft für Softairpistolen. – Eine Erklärung für den Amoklauf? Tims größte Leidenschaft – die für das Tischtennisspielen – scheint jedenfalls keine zu sein.
„Killerspiele“ als Auslöser dafür umso mehr. Dass auf Tim K.s PC Counter-Strike gefunden wurde, verleitete Spiegel Online dazu, seine „Vorliebe […] für gewaltlastige Computerspiele“ als bestätigt gelten zu lassen. Hans-Dieter Schwind, Präsident der Deutschen Stiftung für Verbrechensbekämpfung, ließ sich dann auch sofort zu einer mehr als merkwürdigen Aussage hinreißen: „Dass der 17-Jährige auf der Flucht noch weiter um sich geschossen hat, ist ein Verhalten, das Jugendliche auch in Spielen wie Counter-Strike oder Crysis lernen können.“
Blinder Aktionismus
Da ist es wieder. Schema F. Motiv. Erklärung. Auslöser. – Ein altbekannter Auslöser sogar – umso besser. Es macht das Unfassbare rational erklärbar, das Schreckliche bekommt eine schlüssige Ursache. Ob es jetzt Horrorfilme oder „Killerspiele“ sind, ist relativ egal; die Hauptsache: Es gibt einen Anhaltspunkt.
Und in der Hilflosigkeit wird der Anhaltspunkt zum Ausgangspunkt für blinden Aktionismus. Verbote, so viele und so schnell wie möglich, damit so ein schreckliches Ereignis nie wieder passiert. Konrad Freiberg, Chef der Gewerkschaft der Polizei, denkt laut über elektronische Einlasskontrollen an Schulen nach. – Dann schießt der Amokläufer eben auf die Schulbusse, sagt der Deutsche Lehrerverband. Bodo Ramelow, Fraktionsvize der Partei Die Linke im Bundestag, fordert eine neue Diskussion darüber, wie Waffen in Deutschland zu erwerben sind. – Dass Tim K.s Vater seine Waffen legal erstand und Tim nur zugreifen musste, wird eine Verschärfung der Waffengesetze auch nicht ändern. Und Hans-Dieter Schwind, Präsident der Deutschen Stiftung für Verbrechensbekämpfung? Er sprach sich für ein totales Verbot von „Computer-Gewaltspielen“ aus.
Ein Fake führt die Medien in die Irre?
Wie überhastet berichtet, vermutet und verteufelt wird, sieht man an der umstrittenen Ankündigung im Internet, die Tim K. auf krautchan.net gemacht haben soll. Ein Thread existierte wohl nie, die Medien stürzen sich momentan auf ein offenbar gefälschtes Bild, was die Seitenbetreiber dazu zwang, die Seite bis auf einen gehässigen Kommentar auf der Startseite vorübergehend zu schließen. Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech sagt dagegen, entsprechende Daten seien auf dem PC des Amokläufers gefunden worden. – Was stimmt aber wirklich? Im ganzen Wirrwarr ist man fast geneigt, sich mehr Sorgen um kommende Verbote zu machen und Aussagen zu hinterfragen. Das eigentlich Schreckliche, der Amoklauf und seine Opfer, gerät in den Hintergrund.
Und trotzdem, auch am Ende der Ermittlungen, nach allen wahren und falschen Meldungen und den hitzigen Diskussionen, bleibt diese eine quälende Frage ungeklärt: Warum? Die psychische Extremsituation, die Tim K. zu seiner absoluten Gewaltbereitschaft trieb, wird niemand je verstehen können. Die Ursachen für so eine Tat auf einzelne, singuläre Ursachen zurückführen zu wollen, scheitert an der Begriffserklärung selbst. Was bleibt, ist am Ende dasselbe wie am Anfang: Fassungslosigkeit.