Heute Abend sollte ursprünglich das Intel Friday Night Game in der Liederhalle in Stuttgart stattfinden. Doch anlässlich Amoklaufes von Winnenden konnten die Stadt Stuttgart sowie Betreiber der Halle diese Veranstaltung so nicht akzeptieren. Nils ‚hellphyte‘ Johannsen befragte David ‚affentod‘ Hiltscher, Director Community Management bei Turtle Entertainment, zu den genauen Gründen der Absage und den möglichen Konsequenzen.
readmore.de: Wann kamen die ersten Anzeichen dafür auf, dass das IFNG Stuttgart in Gefahr sein könnte und wann erreichte euch die erste offizielle Mitteilung darüber?
David ‚affentod‘ Hiltscher: Erste Signale gab es seitens der Hallenbetreiber am Montag Mittag. Nur wenige Stunden später hat die Betreibergesellschaft schon eine Pressemitteilung herausgegeben. Konkret abgesagt wurde uns erst am Dienstag Mittag, als uns die Kündigung erreichte.readmore.de: Wurde niemals von der Stadt Stuttgart oder von den Betreibern der Liederhalle das Gespräch mit euch gesucht beziehungsweise Kompromissvorschläge gestellt?
affentod: Es gab in der vergangenen Woche ein kurzes Gespräch, bei dem über die Öffentlichkeitsarbeit für die Veranstaltung geredet wurde. Um Änderungen am Eventablauf ging es dabei aber nicht.
readmore.de: Inwiefern kannst du die getroffene Entscheidung nachvollziehen, unabhängig davon, in welcher Art und Weise sie gefällt und euch mitgeteilt wurde?
affentod: Wir verstehen, dass durch die öffentliche Debatte Computerspiele momentan ein sensibles Thema sind. Was wir nicht verstehen ist der Weg, der hier seitens der Stadt eingeschlagen wurde. Hier ist Aufklärungsarbeit gefragt, und gerade deswegen ist es schade, dass nun auch die Eltern-LAN nicht stattfinden kann.
readmore.de: Mittlerweile wissen wir, dass man euch nicht das Angebot unterbreitet hat, andere Spiele zu nutzen. Wie hättet ihr jedoch reagiert, wenn es so gekommen wäre?
affentod: Wir wären natürlich in einen Dialog eingestiegen, um der Stadt entgegen zu kommen. Irgendeine Lösung hätte man bestimmt gefunden.
readmore.de: Wieso wurde die, von der Öffentlichkeit geforderte, Schweigeminute von euch so entschieden abgelehnt??
affentod: Das wurde in manchen Berichten falsch wiedergegeben. Gegenüber einer Journalistin haben wir vorvergangene Woche geäußert, dass keine Schweigeminute geplant sei, schließlich ist der zeitliche Abstand doch recht groß. Jede Veranstaltung im Großraum Stuttgart bis zum Staatsakt am vergangenen Wochenende hat sich direkt oder indirekt an den Trauerfeierlichkeiten beteiligt, da hätten wir sicher keine Ausnahme gemacht.
readmore.de: Ein Produkt wie die ESL Pro-Series attraktiv für die breite Öffentlichkeit zu machen ist mit Sicherheit schon schwer genug. Nun aber wurde euch sogar komplett die Plattform für euer Produkt entzogen. Hättest du jemals damit gerechnet, dass es irgendwann soweit kommen könnte?
affentod: Man sollte aus dem Vorfall kein Drama machen. Sicher ist das unglücklich gelaufen, aber das ist kein Weltuntergang. Wir beschreiten weiter unseren Weg, den eSport in die Mitte der Gesellschaft zu bringen.
readmore.de: Welche Möglichkeiten kann die ESL jetzt nutzen, sich und dem eSport in der breiten Öffentlichkeit ein positives Bild zu verschaffen?
affentod: Mit der Bundeszentrale für politische Bildung veranstalten wir weiter Eltern-LANs. Das Feedback der Teilnehmer und die Nachfrage ist so gut, dass wir mittlerweile auch spezielle LANs für Abgeordnete und Manager durchgeführt haben. Darüberhinaus bauen wir unsere Kontakte zur Politik weiter aus mit Projekten wie der eSport-Schulmeisterschaft und der Beteiligung an der Munich Gaming.
readmore.de: Siehst du eine Gefahr darin, dass sich andere Locationbetreiber sich an dem Fall Stuttgart ein Beispiel nehmen könnten und eure Veranstaltungen ebenfalls sehr kritisch hinterfragen?
affentod: Wir haben bei all unseren Veranstaltungshallen den Ruf als friedlichste und sauberste Großveranstaltung, die dort regelmäßig zu Besuch ist. Hinzu kommt, dass wir meist seit Jahren die gleiche Halle nutzen und somit großes gegenseitiges Vertrauen herrscht. Nichtsdestotrotz befinden wir uns im aktiven Gespräch mit allen kommenden Locations, um mögliche Missverständnisse im Vorfeld auszuräumen.readmore.de: Wie haben die Spieler und Teams, die an dem Abend hätten spielen sollen, die Absage hingenommen?
affentod: Dadurch dass die Pressemitteilung vor der schriftlichen Kündigung kam, konnten wir die Teams leider nicht selbst informieren.
readmore.de: Wird man nach einem Ersatztermin in der Region Stuttgart suchen oder kommen dafür auch andere Städte in Frage?
affentod: Wir stehen momentan in Kontakt mit vielen Hallen in verschiedensten Städten. Aufgrund der nötigen Vorplanung werden wir wohl schon in den nächsten zwei Wochen ein Ergebnis präsentieren können.
readmore.de: Könnte es unter Umständen nicht sogar in Frage kommen, die Spiele in ESL TV-Studio abzuhalten, wie es damals bei den Studio-IFNGs der Fall war?
affentod: Ein Studio-Event kann eine Veranstaltung vor über 1.000 Zuschauern nicht ersetzen. Der eSport gehört einfach in große Hallen.
readmore.de: Wie groß ist euer finanzieller Schaden und wer kommt für diesen auf?
affentod: Zu diesem Thema können wir uns derzeit nicht äußern. Wir behalten uns allerdings rechtliche Schritte vor.
readmore.de: Wird die ESL aus der Absage Konsequenzen für zukünftige Events und IFNGs ziehen oder geht alles wie gehabt weiter?
affentod: Ganz klar: Mehr und größere Eltern-LANs und mehr Presse und Politiker einladen. Die Events sind die einzigartige Chance, die Generationengrenze zu überbrücken und aufzuklären darüber, was eSport ist und was es mit den Spielen auf sich hat. Nur so kann man ihnen zeigen, was Counter-Strike wirklich ist, und wie weit der Begriff „Killerspiel“ von der Realität des Spiels entfernt ist. Und dabei kann jeder mithelfen, indem er kritische oder neugierige Eltern, Lehrer und Lokalpolitiker über unsere Veranstaltungen, und insbesondere die Eltern-LANs informiert oder die Kontaktdaten von Turtle Entertainment weitergibt.
readmore.de: Vielen Dank für das Interview.

