Die Entscheidung polarisiert: Wenn ESL TV in Zukunft ein Match auf einem Offline-Event der ESL überträgt, wird in diesem Spiel kein HLTV oder Waaagh!TV mehr erlaubt sein. Ein Schritt, den die ESL schon lange hätte gehen müssen, oder ein Schritt ins Abseits? – Guido ‚Mr.Jumper‘ Schwering und Johannes ‚yoh‘ Bebermeier sind unterschiedlicher Meinung und kommentieren die Entwicklung.
Das Gesamtpaket stimmt einfach nicht – Von Guido ‚Mr.Jumper‘ Schwering
Die ESL zeigt sich momentan zu communityfern. Sie verliert den Kontakt zur Basis. Die Nutzer sind in dieser Hinsicht rabiat: Wer sich auf dem Balanceakt zwischen Community und Eigeninteressen verspekuliert, bleibt nicht länger ein Seiltänzer, sondern muss sein Glück in einem anderen Zirkus versuchen.
A propos Zirkus, ein gutes Stichwort: So geht es bei den live Übertragungen von ESL TV oft zu. ESL-Moderator Andreas ‚pre‘ Lenski gibt seine Späße zum besten, zeigt jedoch wenig Leidenschaft, wenn es um das Kommentieren von Spielen geht. Zwar sind seine Bemerkungen teils lustig, doch mangelt es ihm an Ernsthaftigkeit. Da sind die englischen Kommentatoren um Längen besser. Sie sind sympathisch, leidenschaftlich, gut. Sie sorgen für Spannung während der Matches und wissen ihre Zuschauer in den Bann zu ziehen.
Doch liegt es nicht nur am Moderator, wenn der Freitagabend in die Hose geht. Das Gesamtpaket stimmt einfach nicht. Die Qualität des Freestreams lässt zu wünschen übrig. Außerdem sorgen Timelaggs für unerwünschte Nebeneffekte. Verabredet man sich mit Freunden für das gemeinsame Fernsehen via Internet, kommt es häufig vor, dass der Kumpel an der anderen Leitung einige Sekunden voraus ist. Er weiß, was demnächst passieren wird; er hat den spektakulären Schuss von Patrik ‚f0rest‘ Lindberg schon gesehen, wenn man selbst gerade jubeln darf.
Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man diesen Schuss überhaupt zu Gesicht bekam. Denn: Kommt einmal solch eine Szene, schweben die Moderatoren an einer ganz anderen Stelle über die Map; mit verwundertem Blick werden drei unglaubliche Kills kommentiert. Als Zuschauer ist man leider an die Moderatoren gebunden. Man sieht, was sie sehen. Und das ist oftmals Mist. Da sehnt man sich nach dem guten alten HLTV, mit dem man selbst entscheiden kann, was man sieht. Häufig möchte der geneigte Zuschauer sich einfach nur anschauen, wie ein Bombspot gedeckt wird, wie ein bestimmter Spieler sich verhält oder wo man durch Wände schießen kann. Das alles fällt nun weg. Schade.
Ein weiteres Ärgernis offenbart sich bereits vor jedem Match: Vor Ort mögen sie die Stimmung anheizen und anziehend für die Zuschauer sein, für die Fans zu Hause sind sie vergeudete Minuten: die Raffles. ESL TV filmt sie vom Anfang bis zum Ende, für die Nutzer von ESL TV sind sie allerdings so unnötig wie ein Kropf. Die Fans vor den Bildschirmen können keine T-Shirts fangen, keine Fragen beantworten, um Hardware zu ergattern, und sie können auch nicht vor der Bühne zur Stimmung beitragen. Abschalten und den HLTV nutzen, war bisher das probate Mittel. Aber moment einmal, da war doch was. – Achja, das geht in Zukunft ja gar nicht mehr.
Eine notwendige Regelung – Von Johannes ‚yoh‘ Bebermeier
Es ist ein mutiger Schritt: Mit der Entscheidung der ESL gegen HLTV und Waaagh!TV auf Offline-Events hat sie große Teile der Community gegen sich aufgebracht. Und die Aufregung ist sogar im ersten Moment verständlich. Denn wer lässt sich heute schon gerne Bevormunden, wenn man gestern noch die freie Wahl zwischen gemütlichem Stream-Abend zum Entspannen und voller Freiheit im Ingame-TV hatte?
Auf den zweiten Blick wird klar: Die Regelung war notwendig, wenn nicht sogar überfällig. Dazu muss man jedoch erst einmal wissen, wie die Liga grob funktioniert: Die ESL finanziert sich und ihre Wettbewerbe zu großen Teilen durch Sponsoren, von deren Geldern auch die Tochter ESL TV etwas abbekommt. Dafür bietet die ESL den Partnern ein Paket für eine bestimmte Liga an, das unter anderem die Übertragung auf ESL TV mit entsprechender Werbung für die Produkte des Partners beinhaltet. Um dieses Sponsoren-Paket zum besten Preis verkaufen zu können, braucht die ESL vor allem Reichweite. Denn der potentielle Sponsor greift natürlich umso tiefer in die Tasche, je mehr Menschen die Werbung für seine Produkte sehen.
Reichweite auf dem ESL-TV-Stream, versteht sich. Denn Sponsoren ist Werbung im Ingame-TV sehr viel schwerer zu vermitteln, als auf einem Stream mit diversen Möglichkeiten der Platzierung. Die ESL – nicht nur die Tochter ESL TV – hat sich durch das Zulassen von HLTV und Waaagh!TV also bisher potentielle Einnahmen entgehen lassen. Einnahmen, die wiederum in die Verbesserung bzw. Aufrechterhaltung des Angebots der Ligen und Turniere hätten gesteckt werden können und auch ESL TV zugute gekommen wären. Denn ESL TV kann sich nur mit dem nötigen Kleingeld technisch und inhaltlich weiterentwickeln. Und dieses Kleingeld ist sicherlich nicht im Überfluss vorhanden, wenn man sich das Scheitern von GIGA2 anschaut.
Wer schlecht wirtschaftet, wird nie guten eSport machen – zumindest nicht lange. Und erst recht nicht in dieser schwierigen Zeit. Das ist die Lehre, die man aus den vergangenen Pleiten im eSport ziehen sollte. Deshalb ist die einzige kritische Frage, die sich die ESL gefallen lassen muss, ob diese Einsicht nicht sogar etwas spät kam.