Mit großen Eigen- und Fremderwartungen startete das Team von Wicked in die neue WC3L-Saison. Schließlich war man in der letzten Ausgabe unangefochtene Nummer Eins der regulären Saison geworden. Claude ‚Wolky‘ Koenig und der ehemalige Team-Manager Elroy ‚Noname‘ Pinto, der das Team bis zum vorletzten Spieltag begleitete, werfen einen genaueren Blick auf die Saison und Wickeds Chancen auf den Finals ab Montag in Peking.
Wicked war eines der wenigen Teams, die jeder WC3L-Fan als ziemlich sicheren Kandidaten für die fünfzehnten Finals hielt. Mit FoCuS, Shy und Space hatte man auch wahrscheinlich das am besten eingespielte Team der Welt. So beschrieb der Team-Manager Noname auch von vornherein den anvisierten Verlauf der Saison: „Always to come first and reign over the others.“ – „Immer an der Spitze stehen und die anderen kontrollieren.“
Zehn Siege und eine knappe Niederlage
Viele waren unsicher, wie sich das Team im neuen WC3L-System schlagen würde. Zum einen hatte man mit Shy und Focus ein eingespieltes Topduo, zum anderen profitierte man in der letzten Saison sehr von den unglaublich guten Seedings des Managements – ein Vorteil, der mit dem neuen Spielmodus verloren ging.
Am wenigsten mochten wohl die Manager das neue System der prestigeträchtigen Liga, so auch Noname. Die Auswirkungen machen sich als erstes in seinem Aufgabenkatalog bemerkbar: Seedings werden überflüssig, bislang die wichtigste Aufgabe im Hintergrund der WC3L. „Es reduziert den Job des Teammanagers auf sehr wenig. Er wird zu jemandem, der nur noch Spieltermine festlegt und die Spieler darum bittet an diesen Terminen anwesend zu sein, viel bla bla“, zeigt Noname seine Abneigung.Dennoch ist er alles andere als zufrieden mit seiner Position in der vergangenen Saison, die er erst mit dem Wechsel zu Wicked aufgab: „Dadurch, dass in unserem Fall auch die Aufgaben wegfielen, die mit dem Clanmanagement zusammenhängen, weil wir ohne Organisation im Hintergrund spielten, könnte man sagen, dass ich in der vergangenen Saison den größten Spaß hatte, Team-Manager zu sein. Überhaupt hatte ich Glück, mit einigen der besten Namen der Warcraft-3-Szene zusammengearbeitet zu haben und gleichzeitig mit Underdogs. Denn ohne die Erwartungen einer Organisation lässt es sich viel ruhiger aufspielen und arbeiten.“
Trotzdem wird man im Nachhinein sagen müssen, dass Wicked das neue System noch besser lag als das alte. Denn die Kombination Orc/Nachtelf ist die wohl stärkste in diesem Spielmodus und mit Space in der Hinterhand hatte man immer eine Topalternative, sollten die Maps oder die Form eines der Spieler dann doch einmal nicht passen.
Doch das ist nicht der einzige Vorteil, auf den man sich verlassen konnte. Shy und FoCuS gelten, vollkommen zu Recht, als das beste 2on2 Team der Welt. In der Saison 14 hatten sie das mit nur drei abgegeben Maps bereits unter Beweis gestellt. Diese Saison untermauerte man es erneut und gab lediglich fünf Maps ab. Mit einem sicheren Punkt aus dem 2on2 in petto war der Weg zu zwei weiteren und damit dem Sieg kein so weiter mehr.Die Erklärung für diese enorme Leistung liegt in der Beziehung zwischen den beiden. „Sie sind so gut, weil sie seit langer Zeit Freunde sind und zusammen in Warcraft 3 an die Spitze gekommen sind“, erklärt der Ex-Manager sich das Phänomen. „Viele andere Teams sind auch untereinander befreundet, aber das sind eher Bekanntschaften, nicht zu vergleichen mit der engen echten freundschaftlichen Beziehung zwischen Shy und FoCuS. Die Chemie zwischen den beiden ist der Schlüssel zum Erfolg von Go.“
Für die fehlenden zwei Punkte, die zu dem 2on2-Sieg in jedem Spiel hinzukommen mussten, sorgte vor allem FoCuS mit seiner unglaublich starken zweiten Saisonhälfte. Der MVP der Vorsaison war auch dieses Jahr wieder der Topfavorit mit einer Statisik von +30 und damit dem ersten Platz im Spielerranking. Neben dem MVP bot das Team jemand weiteren, der herausstach: Gäbe es so etwas wie den Award für den besten Ergänzungsspieler der Saison, würde dieser Preis sicherlich an Space gehen, der von sechs Einsätzen fünf gewinnen konnte.Formschwächen und dumme Fehler
Doch warum ist dieses Team mit dieser Leistung nur Dritter geworden? – Der Hauptgrund dafür ist wohl bei Teamcaptain Shy zu suchen. War er in der ersten Saisonhälfte noch Punktegarant, musste er in der zweiten beinah alle Spiele verloren geben. Dadurch steht er auch mit „nur“ +15 in der Statistik, was in Anbetracht der 2on2-Leistung auf wenig Erfolge im Einzelbereich schließen lässt.
In den Augen Nonames lag es vor allen Dingen an dem Druck, den der Koreaner nach der beendeten Ladder Saison von sich abfallen lassen konnte: „Mich hat Shy enttäuscht diese Saison, aber das ist in Ordnung. Ich glaube, er hat sich eine Pause gegönnt, als die Ladder Saison endete. Allerdings erwarte ich von ihm jetzt auf den Finals einiges. Während wir uns in der regulären Saison auf FoCuS verlassen haben, sollte Shy auf den Finals eine richtige Überraschung werden.“
Der andere Grund für das Misslingen der Online-Titelverteidigung sind dumme und unnötige Best-of-Three-Verluste, gegen Spieler, die man unter normalen Umständen im Handumdrehen hätte schlagen können. So zum Beispiel die 2:0 Niederlagen von Focus gegen leon und Future; oder das mit 2:1 abgegebene 2on2 an nGt. Hätte man diese Siege eingefahren, stünde man nun auf dem ersten Platz. „Wir haben in dieser Saison einige Spiele verloren, die wir nicht hätten verlieren sollen, meistens wegen schlechter Leistungen, dafür gibt es keine Entschuldigungen“, stimmt Noname zu.
Wieder ein enttäuschender 4. Platz oder doch endlich ein Erfolg?
In der letzten Saison war man mit großen Erwartungen angereist und deutlich als Vierter ausgeschieden. Das soll dieses Jahr anders werden. Zum einen wird es keine Seedings mehr geben, bei denen man etwas falsch machen könnte. „Nach den letzten Finals war ich richtig sauer auf mich. Ich werde immer bereuen, Shy und FoCuS nicht getauscht zu haben. Das war ein riesengroßer Fehler. Im Spiel gegen MYM ließ Shy sich dann zu stark unter Druck setzen“, erinnert sich der damalige Team-Manager Noname.
Dieses Jahr können dank der Umstellung des Systems derartige Fehler nicht gemacht werden, die Team-Manager haben – vielleicht zu ihrem Leidwesen – keinen so essentiellen Einfluss mehr auf den Ausgang des Spiels. Außerdem ist die Situation in den Augen von Noname eine andere: „Letztes Mal spielte FoCuS ausschließlich in der WC3L stark, jetzt ist er gänzlich wieder in Form. Er wird unser Ass im Ärmel sein.“Der erste Gegner heißt Team Evil Geniuses – ein Widersacher, den man in der regulären Saison 3:2 schlagen konnte. Auf dieses erste Spiel wird es wahrscheinlich ankommen, denkt auch Noname: „Ich bin zwar nicht mehr bei dem Team, aber ich glaube trotzdem, dass für sie das erste Spiel auf den Offline-Finals das härteste sein wird. Wenn wir das erste gegen EG gewinnen, haben wir sehr, sehr gute Chancen auf den Gesamtsieg, jedenfalls auf den zweiten Platz.“
Von absolut essentieller Notwendigkeit für einen Erfolg gegen EG und im Wettbewerb an sich ist das 2on2. Kann Wicked dort zeigen, was es kann, haben die beiden Koreaner, FoCuS und Shy, einen Punkt sicher, gegen alle anderen drei Teams. Doch vor allem die starken Formschwankungen von Shy und die momentane Schwäche gegen Undead könnte gegen EG ein großes Problem darstellen. Der wahrscheinlich einfachste Gegner in Peking dürfte mouz sein, dank des 2on2s und der Tatsache, dass der zweite Mann neben TH000 schlagbar sein dürfte.



