Mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise expandiert ein Unternehmen von Schweden nach ganz Europa: die DreamHack. Zum ersten Mal finden in dieser Spring-Season Qualifier außerhalb Schwedens statt. Und die Entwicklung soll weitergehen. Christian Bauer sprach mit David Garpenståhl, CEO DreamHack AB, und gibt einen Überblick über die größte LAN der Welt, die bald auch in Deutschland gastieren könnte – nicht nur einmal.
Ambitionierte Pläne zur Welteroberung sind unter den Organisatoren größerer LAN-Events relativ gängig. Ein Angel Munoz beispielsweise war allen Hindernissen zum Trotz nicht müßig, seine CPL-Lizenzen unter wechselnden Namen in alle Herren Länder zu verschiffen. Die WSVG machte als Marktneueinsteiger 2006 gleich mit den branchenüblichen Qualifiern in der ganzen Welt auf sich aufmerksam. Nicht zu vergessen auch Lester Lau und Thomas Kuhlenbach, die es sich offenbar zur Aufgabe gesetzt haben, in jedem UNO-Mitgliedstaat einen Finalsqualifikanten für ihren KODE5 zu erspielen.
Von daher war den Äußerungen des Schweden Robert Ohléns Ende 2007 noch nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. „2007 kommt Schweden zur DreamHack, 2008 kommt die Welt und 2009 kommt die DreamHack zur Welt“, äußerte sich der damalige CEO der größten LAN-Party der Welt ambitioniert, als er vor anderthalb Jahren auf die Zukunftspläne seiner schwedischen DreamHack angesprochen wurde. Zum damaligen Zeitpunkt marktübliches Getöne.
Doch mittlerweile haben sich die Zeiten gewaltig geändert. Aus dem einstigen Geflecht von internationalen Großturnieren mit eigenen Qualifikationsstopps sind zum heutigen Zeitpunkt nur noch der KODE5, die World Cyber Games und die Extreme Masters der ESL übrig geblieben. Ein Vakuum, das zum Zeitpunkt des Gesprächs zwischen Ohlén und readmore-Redakteur David ‚Craven‘ Abel freilich noch nicht abzusehen war. Angesichts der kriselnden Konkurrenz verblüfft aber doch, mit welch traumwandlerischer Sicherheit die ursprünglich in Jönköping ansässige DreamHack den vorgezeichneten Weg gehen konnte.
Vom Aufwärmturnier zum Saisonhöhepunkt
Von Anfang an setzten die Organisatoren dabei auf eine symbiotische Zusammenarbeit mit den anderen Turnieren. Ob WCG oder ESWC, WSVG-Stop oder KODE5 – die DreamHack war immer ein gefragter Austragungsort für alle möglichen Qualifier und sonstige Events. Der Vorteil für die Lizenzvergeber: Sie konnten auf eine bestehende und funktionierende Infrastruktur sowie einen erfahrenen Organisationsstab zurückgreifen.
Die DreamHack auf der anderen Seite profitierte dadurch, dass nationale wie internationale Topteams die Reise nach Jönköping antraten, selbst wenn das hauseigene WGT-Turnier für diese finanziell nicht interessant gewesen wäre. Die eSport-Begeisterten freute es; neben den selbst im BYOC-Bereich Spielenden stiegen auch die Zuschauerzahlen.Messen lässt sich die gesteigerte Attraktivität für Top-Teams an der Einstellung selbiger: 2006 beispielsweise diente die DreamHack für das neu formierte ALTERNATE aTTaX noch eher als erste Lackmusprobe, als lockerer Aufgalopp in die Saison. Ernsthafte Erwartungen wurden, kurz nach dem Ende der EPS Saison nicht gesetzt, man wollte eben Spielpraxis sammeln. Zweieinhalb Jahre später sah die Lage schon anders aus: Die internationale Prominenz versammelte sich letzten Winter in Jönköping, war die DreamHack doch das letzte prestigeträchtige Event des Jahres.
Zurück zu den Wurzeln
Den Besucheraufschwung der zuletzt florierenden DreamHack (über 12.000 Spieler, mit Zuschauern gar über 15.000 Personen) nur auf die professionellen eSportler zu schieben, wäre natürlich Unsinn. Schließlich hat sogar Spiegel Online bereits 2007 einen Redakteur entsandt, der über das viel zitierte „Woodstock ohne Alkohol“ und die besondere Atmosphäre der Massen-LAN berichten sollte. Das Konzept DreamHack unterscheidet sich von den nüchternen Only-eSport-Events vom Schlage einer WCG, wo das höchste der Gefühle für den Zuschauer darin besteht, am Samsung-Stand an einem gestellten Handy Autorennen zu fahren. Der eSport ist nur ein Teil der Show, der Casual Gamer wird ebenso aktiv miteinbezogen wie der begeisterte eSportler, der in Bettwäsche mit fnatic-Logo schläft.Neben dem rein ideellen Back-to-the-Roots-Gegenpol zu einer Entwicklung, die in der pervertierten Abart der CGS-Inszenierungen gipfelte, ist dies auch finanziell ein vielversprechendes Konzept: Die Eintrittspreise lagen vergangenes Jahr bei knapp 80 Euro, was eine solide Finanzierungsgrundlage bieten sollte. Wesentlich wichtiger ist bei den gemeldeten Zuschauer- und Teilnehmerzahlen aber die mögliche Präsenz der Sponsoren.
Ein weites Feld
Jetzt also soll das schwedische Erfolgskonzept in die Welt hinausgetragen werden. Die Organisatoren gehen dabei behutsam vor, Schritt für Schritt. Qualifikationsturniere in Oslo, Helsinki und Kopenhagen zu veranstalten, liegt nicht nur logistisch nahe, auch die LAN-Szene ist sowohl in Skandinavien als auch in Finnland stark entwickelt. Nicht ganz grundlos kursierte lange Zeit der Mythos, dass sich die Nordeuropäer lieber auf einzelne Offline-Höhepunkte der Saison konzentrieren, statt sich dem geregelten Zeitplan einer Online-Liga unterzuordnen.
David Außerhalb der nordischen Länder gehen die Organisatoren vorsichtig vor. „Man muss erst einmal lernen zu laufen, bevor man rennen kann“, gibt CEO David Garpenståhl bodenständig zu Protokoll. Frankreich zeigte sich durch die Miage-LAN und vor allem den ESWC als aufgeschlossener Markt; der zweite Stop Serbien liegt in Osteuropa, wo eine LAN-Party aus dem viel zitierten Grund der schlechten Internetleitungen kein schlechtes Geschäftsmodell darstellen sollte.
Erste Schritte – auch nach Deutschland
Mittelfristig, so viel lässt Garpenståhl durchscheinen, werden diese zurzeit eher klein gehaltenen Qualifier allerdings wachsen. Der Hauptfokus liege zwar immer noch in der Entwicklung der „Haupt“-DreamHack in Jönköping. Sofern die Qualifier allerdings gut verlaufen und ein Zuschauerinteresse abzusehen ist, würden sowohl Umfang als auch Zahl der Stops steigen.
Besonderes Augenmerk wird dabei auch auf Deutschland gelegt. Bereits im Herbst 2009 wird es mindestens ein DreamHack-Qualifikationsturnier in Deutschland geben, versicherte der Schwede, der selbst ein halbes Jahr hier gelebt hat. „Ich liebe Deutschland und glaube, dass sich Schweden und Deutsche hinsichtlich Kultur und Tradition sehr, sehr ähnlich sind“, betonte Garpenståhl. Er geht sogar noch weiter: „Wenn Spieler und LAN-Party-Freunde hier mehr als nur einen Qualifier sehen wollen, werden wir sicherlich versuchen, das umzusetzen.“
Ob dieser Plan zeitnah realisierbar ist, bleibt angesichts der jüngsten Querelen um die iFNG-Absagen von Stuttgart, Nürnberg und Karlsruhe, allerdings zumindest fragwürdig. Der DreamHack-Boss gibt sich optimistisch. Auf „Unwissen und fehlender Information“ gründe die Tatsache, dass solche Debatten überhaupt aufkommen. „Wenn es wirklich einen kausalen Zusammenhang von Computerspielen und realer Gewalt gäbe, hätten wir mit 15.000 Killerspiel-Spielern bei jedem Event ernsthafte Probleme“, widerlegt er ironisch. Das Gegenteil sei der Fall – aufgrund der Friedfertigkeit des Zocker-Festivals empfehle sogar die schwedische Polizei den Organisatoren anderer Großevents wie Konzerten und Sportveranstaltungen, einen Blick nach Jönköping zu werfen.Krise? Welche Krise?
Dass der Plan, Europa zu erobern, nun ausgerechnet im Rezessionsjahr 2009 losgetreten werden kann, ist verwunderlich. „Von einer Rezession haben wir geschäftlich gesehen eigentlich nicht wirklich etwas mitbekommen“, erklärt Garpenståhl. Es sei eher andersherum: Noch nie seien die Karten so schnell verkauft gewesen. Kinos verbuchen in Krisenzeiten Rekordumsätze, weil sich, Theorien von Verhaltensforschern zufolge, in Zeiten wirtschaftlicher Probleme die Menschen gerne in die heile Hollywood-Welt flüchten. Verglichen mit den zwei Stunden für acht Euro, scheinen 80 Euro für vier Tage Abtauchen in das 42.000 Quadratmeter große Nerd-Paradies kein schlechter Deal zu sein.
So macht sich, wie bereits angesprochen, das Geschäftsmodell, die Haupteinnahmen durch Eintrittspreise zu generieren, natürlich gerade in dieser Zeit besonders bezahlt. Ferner ist die DreamHack, durch fast fünfzehn Jahre solides Wirtschaften und guter Entwicklung, auch für die Sponsoren ein verlässlicher Partner geworden: Partner Telia habe gar andere Marketing-Aktivitäten gekürzt, um den Support für die DreamHack trotz krisenbedingt gekürztem Budget in vollem Umfang aufrecht zu erhalten.
„Der coolste Platz auf Erden“
Es gibt also allen Grund für David Garpenståhl, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Über 200.000 Spieler sollen dieses Jahr, am Beginn der Europatournee also, bereits erreicht werden, die Tendenz für die nächsten Jahre geht natürlich steil nach oben. Die Parole gibt der CEO selbst aus: „Ich will den für Gamer coolsten Platz auf Erden schaffen.“ – Ein reichlich ambitioniertes Ziel. Aber mit Ambitionen kennt man sich in Schweden ja aus.


