Wieder einmal sorgte eine Cheatsperre in der Electronic Sports League für viel Gesprächsstoff: Jacky ’sTani‘ Lange war dieses Mal die Betroffene und löste damit einen Sturm der Entrüstung aus, vor allem in der Female-Szene. Nun äußerst sich David Hiltscher, Director Community Management, zu den Vorfällen und erläutert die Arbeit des ESL Anti-Cheat-Teams.
readmore.de: Der Fall sTani hat in der Community für viel Aufsehen und Unmut gesorgt. Hattet ihr mit den starken Reaktionen und Solidaritätsbekundungen aus der Female-Szene aber auch aus EPS-Kreisen gerechnet?David ‚affentod‘ Hiltscher: Damit war ganz klar zu rechnen. Sperrungen aufgrund von Timetables rufen immer ein großes Echo hervor.
readmore.de: Aber ein Echo in dieser Form, bei dem sich die Female-Teams zusammentun und ihre eigenen Finals mit dem in der ESL gesperrten Team austragen, ist bisher einmalig. Wie interpretiert ihr den Schritt der Teams?
David Hiltscher: Das war einfach eine Trotzreaktion. Es ist nun einmal für ungeübte Augen schwer, Demos effektiv auf Cheats zu überprüfen, daher kann ich das durchaus nachvollziehen. Letztlich muss die Autorität für solche Cheat-Entscheidungen aber bei der Liga liegen, ansonsten macht einfach jeder, was er will.
readmore.de: EPS-Spieler b4d, der Freund von sTani, mit dem sie auch zusammen wohnt, spricht im Interview mit readmore darüber, dass er während des betreffenden Spiels dabei gewesen sei und die Sperre auch nicht nachvollziehen könne. Wie bewertet ihr das?
David Hiltscher: Mit solchen Aussagen werden wir nach Cheatsperren häufiger konfrontiert, selbst wenn die Sperre durch Aequitas erfolgt ist. Er ist da natürlich kein neutraler Zeuge, von daher ist das eine Aussage ohne Wert. Entscheidungsgrundlage ist einzig und allein die beanstandete Demo.
readmore.de: Dass bei Cheatentscheidungen nicht jeder machen darf, was er will, ist wahrscheinlich Konsens. Warum kann sich der User aber sicher sein, dass die Liga nicht macht was sie will?
David Hiltscher: „Die Liga“ ist ein Konstrukt aus Regeln, mit dem Ziel, einen sportlichen Wettkampf zu ermöglichen. Dafür müssen die Regeln eingehalten und notfalls Sperren als Sanktionen vergeben werden. Nur so funktioniert eine Liga. Das einzige Eigeninteresse, das man annehmen könnte, wäre ja Sperren zu vermeiden, damit Spieler aktiv bleiben und weiter Premium bezahlen. Ein sauberer Spielbetrieb wiegt aber höher.
readmore.de: In solchen Fällen steht vor allem das AC-Team im Kreuzfeuer der Kritik. Es sei nicht unabhängig, werde für die viele Arbeit nicht entlohnt, die Weiterbildung fehle usw. Ist das AC-Team die derzeit optimale Lösung, mit solchen Fällen umzugehen?
David Hiltscher: Die optimale Lösung wären Computerspiele, in denen Cheating gänzlich unmöglich ist. Solange das ein ferner Traum ist, müssen wir uns als Ligabetreiber selbst helfen. Aequitas wird nie in der Lage sein, alle Cheats zu erkennen. Um den Cheatern nicht die Liga zu überlassen, bleibt dann nur die Demoanalyse. Die Prozesse im Anticheat-Team wurden seit dem Lunatic-Debakel vor zwei Jahren von Grund auf neu gestaltet. Das neue Verfahren hat Hand und Fuß, deswegen ist ja auch XektoR vor einem Jahr vor Gericht gescheitert. Zentraler Punkt der Anklage war, dass unsere Anticheat-Entscheidungen willkürlich getroffen würden. Das sah das Gericht nach eingehender Prüfung anders und gab uns Recht.
readmore.de: Wie muss man sich die Demoanalyse des AC-Teams vorstellen. Beschränkt sie sich auf die im Timetable des Protesterstellers genannten, auffälligen Szenen?
David Hiltscher: Die Anticheat-Admins analysieren immer die komplette Demo. Das Timetable-Verfahren wurde eingeführt, damit sich Protestersteller auch wirklich mit der Demo beschäftigen und nicht aus reiner Schikane einen Cheatverdacht anmelden. Daher unterscheiden sich die Timetables von normalen ESL-Spielern und AC-Admins gravierend, sowohl in der Auswahl der Szenen als auch in der Frage, worauf geachtet wird. Das ist ein sehr häufiges Missverständnis.
readmore.de: Wie soll denn dann ein Team einen vernünftigen Gegentimetable erstellen können?
David Hiltscher: Das Erstellen von Gegentimetables ist ebenfalls ein weitverbreitetes Missverständnis. Es reicht völlig aus, formlos eine kurz begründete Zweitanalyse zu beantragen. Dabei überprüfen erfahrene und höherrangige AC-Admins, die in die Ursprungsentscheidung nicht involviert waren, sowie in Fällen aus oberen Ligen TE-Mitarbeiter die Timetables der ursprünglichen AC-Admins. Es geht dabei darum, unsere eigene Analyse auf Fehler abzuklopfen. Wenn es Unstimmigkeiten im internen Timetable gibt, erfolgt ein Freispruch.
readmore.de: Wäre ein von der ESL unabhängiges Schiedsgericht – gerade aus Akzeptanzgründen in der Community – nicht eine bedenkenswerte Alternative zum AC-Team?
David Hiltscher: Unabhängig heißt auch unabhängig von der öffentlichen Meinung! Es macht mir sicher keinen Spaß, mich hier hinzustellen und gegen eine aufgebrachte Community eine Cheatsperre zu verteidigen. Aber das muss eine unabhängige Instanz nun einmal tun. Wir sind jetzt in zwei Gerichtsverfahren über die volle Distanz gegangen, um eine amtliche Bewertung unseres Anticheat-Verfahrens zu erhalten. Zusammen mit dem oben ausgeführten Mangel an Eigeninteresse der ESL sehe ich keinen Grund an der Unabhängigkeit unserer Entscheidungsgremien zu zweifeln.
readmore.de: Ein Schiedsgericht ist bei einer Instanz wie dem Deutschen eSport Bund also nicht nötig?
David Hiltscher: Wir sind die letzten, die ein Problem damit hätten, die finale Entscheidung in die Hand einer kompetenten und vertrauenswürdigen Organisation zu legen. Ich bezweifle aber stark, dass sich eine Instanz findet. Sie müsste einerseits unabhängig genug sein, um eine notwendige Entscheidung auch im Angesicht von starkem Gegenwind durchzufechten. Andererseits müsste sie in der Lage sein, mehrere hundert Fälle pro Monat zu bearbeiten. Denn ein Schiedsgericht muss ja laut Definition beiden Parteien zur Verfügung stehen: Dem, der womöglich ungerechtfertigt verurteilt wurde, aber auch dem, der am Freispruch zweifelt, der sich aus seinem Protest ergab.
readmore.de: Vielen Dank für das Interview.
