Vier Runden dauerte er an, der öffentlich ausgefochtene Disput zwischen fnatic und SK Gaming. Stein des Anstoßes war der Wechsel von SK-Spieler Rasmus ‚Gux‘ Stahl zum Konkurrenten fnatic: Nachdem Sam Matthews sich darauf berief, dass kein Vertrag zwischen dem Spieler und dem deutschen Clan bestand und er somit frei abgeworben werden konnte, veröffentlichte SK Chatlogs, in denen Stahl bekundete, den Vertrag bereits unterschrieben zu haben. Jetzt zieht die Frage weitere Kreise: In der G7 wird bereits diskutiert, fnatic auszuschließen.
Alexander Müller ist immer noch hörbar erregt, als er in seinem Kölner Büro den Telefonhörer abnimmt. Am Tag zuvor hatte sein Mitarbeiter Bereich Counter-Strike, Rasmus Stahl, ihm offenbart, zukünftig im Dress von fnatic auflaufen zu wollen – inmitten einer Turnierserie, wo das SK-Team im Wochentakt in Paris, Dallas, Bilbao und Shanghai auftreten sollte. Das Band zwischen ihm und fnatic, insbesondere deren Manager Sam Matthews ist zerschnitten: „Ich werde mit diesem Verein, diesem Menschen nicht mehr zusammenarbeiten.“Was das für die Organisation G7 bedeutet ist klar: „Es ist kein Platz für beide Teams innerhalb der G7“ und weiter: „Entweder SK wird drin bleiben oder fnatic“ – explizit fasst Müller zusammen, was bereits aus seinem ersten Statement nach dem Wechsel herauszulesen war. Eine entsprechende Abstimmung ist bereits initiiert, die Beweislage, die auch in einem längeren Statement veröffentlicht wurde, liegt der G7 vor, fnatic wurde dazu aufgerufen, das Gleiche zu tun. Dann sollen die verbliebenen Mitglieder – mousesports, mibr, EG und compLexity – über den Verbleib von fnatic in der Organisation entscheiden.
Na und?
In jedem Falle würde die Zahl der in der G7 organisierten Teams auf fünf reduziert. Es verblieben fünf Teams, von denen zumindest die drei amerikanischen in letzter Zeit nicht allzu viel von sich hören ließen. Egal, ob nun fnatic hinausgewählt wird oder SK von sich aus die G7 verlässt: In jedem Falle verlöre die Organisation einen äußerst professionell aufgestellten Clan mit Vorbildcharakter – auch wenn dieses Bild in der öffentlichen Schlammschlacht etwas beschmutzt wurde.
Nun möge man einwerfen, dass ein Bedeutungsverlust der G7 kein allzu großer Schaden für den eSport sei. Von Dezember bis Juni gab es auf der offiziellen Homepage nicht die geringste Aktivität zu verzeichnen, öffentlich bemerkbare Aktionen waren rar gesät. Zumal es ja in der Vergangenheit des öfteren Organisationen gab, die den eSport auf ein neues Level heben sollten und letztlich über Pressemitteilungen nicht hinausgekommen sind.
Konzertierte Meinungsartikulation hinter den Kulissen
Die G7 in dieses Raster einzusortieren, würde der tatsächlich verrichteten Arbeit aber nicht gerecht werden. Von vornherein war sie so konzipiert, dass die Hauptarbeit hinter den Kulissen stattfindet – der Dialog mit den Turnierveranstaltern zum Beispiel, der gerade in der jüngeren Vergangenheit forciert wurde: „Wir haben zum Beispiel mit der ESL sehr ausführlich über das Thema Intel Extreme Masters und Shanghai gesprochen. Wir haben ganz klar gesagt, dass solche Events, die sehr kurzfristig angekündigt werden und dann auf einem globalen Zirkel stattfinden, erhebliche Mehrkosten für die Teams verursachen, die wir so nicht stemmen können“, so G7-Spokesman Müller.Ohne eine Neugestaltung der Preisgeldstruktur sei die regelmäßige Teilnahme – besonders wenn wie im Juli sehr viele Events geballt auftreten – kaum aufrechtzuerhalten (Dies wird zum Beispiel an den Absagen für den Arbalet Cup deutlich). Dass die Interessen der Teams gebündelt vertreten werden und die bekanntesten Teams vertreten sind, gibt dem Konstrukt eine Meinungsgewalt, über die sich ein Veranstalter schwerlich hinwegsetzen kann.
In regelmäßigen Treffen und Kommunikation über Skype und interne Foren soll dabei die Grundausrichtung der G7 festgesetzt werden – die Entscheidungsfindung geschieht letztlich über eine Abstimmung mit paritätischer Stimmverteilung. Wichtig ist Müller dabei, zu betonen, dass man nicht sein eigenes Süppchen kocht. „Wir reden auch sehr gerne mit den Leuten von Dignitas, MYM, mTw oder Alternate – wir lassen auch viel mehr Leute in die Diskussionen mit rein, holen uns Meinungen und präsentieren das dann auch entsprechend nach außen.“
Was bedeutet der fnatic-Vote für die G7?
Im vorliegenden Fall geht es jedoch um wesentlich mehr, als bei einer Abstimmung, ob Starcraft 2 in die G7-Rankings aufgenommen werden soll oder nicht. Erstens würde die G7, das räumt auch Alex Müller ein, zumindest kurzfristig an Strahlkraft verlieren, wenn fnatic oder SK die Organisation verlassen. Es werde jedoch zeitnah dafür gesorgt, dass möglichst schnell „ein Platzhalter oder anderes Team“ die Riege ergänzt – mögliche Kandidaten gibt es genug, sei es ein mTw oder auch ein MYM, wo nach der schmerzvollen Katharsis im vergangen Jahr wieder seriös gewirtschaftet wird.
Zweitens – und das ist wesentlich wichtiger – wird hier in den Augen Müllers ein „Präzedenzfall“ geschaffen. Es geht um eine Diskussion der Grundwerte über Vertragswesen und Rechtsfragen. Und damit auch über Zusammenarbeit, gegenseitige Achtung und Kooperation. Müller argumentiert, dass er nicht mehr mit fnatic zusammenarbeiten will und kann, weil die Basis fehle: „Damit meine ich nicht, dass die doof sind und wir gut, sondern ich sage ganz klar: Wenn wir eine unterschiedliche Vorstellung der Basis haben, sehe ich wenig Möglichkeit, das gemeinsam auszuschöpfen und weiterzuentwickeln.“
Nun lässt sich dies problemlos weiterspinnen – was, wenn die Entscheidung zwar zuungunsten fnatics ausfällt, aber knapp wird? Auch ein oder zwei andere Clans hinsichtlich dieser grundsätzlichen Einstellungen auf einer Linie mit fnatic sind? Kann man mit diesen weiter zusammenarbeiten? Zwar seien die ersten Reaktionen von Clans außerhalb der G7 (konkret mTw und MYM) zugunsten von SK, dennoch steht die Entscheidung von mousesports, mibr, EG und compLexity auf einem anderen Papier. Von einer raschen, einstimmigen Entscheidung auszugehen, wäre gewagt, zumal Müller – als Außenstehender, fnatic und SK sind aus der Diskussion ausgeschlossen – momentan noch nicht einmal erste Tendenzen sieht.Ernste Grundsatzdiskussionen
Somit steht der G7 wohl eine zukunftsweisende Debatte ins Haus. Die Gefahr, dass die Organisation an dieser Herausforderung zerbricht, sieht zumindest der Spokesman nicht konkret. „Es kommt jetzt darauf an, was entschieden wird und vor allem, wie dann damit umgegangen wird.“ Das heißt konkret: Fehler eingestehen, die Ansichten anderer akzeptieren und für die Zukunft den Weg finden, der ein professionelles Miteinander ermöglicht. Dann, und nur dann, kann die G7 auch in Zukunft ein wichtiger Akteur im eSport und für den eSport sein.


