Kaum drei Wochen nach Veröffentlichung von StarCraft 2 verliert Europa bereits seinen ersten aufstrebenden Star. Die Mannschaft von TeamLiquid zieht nach Südkorea und mit ihr TheLittleOne, der sich in der Betaphase bereits die Sympathien der Community erspielte. Es winken Ruhm und beträchtliche Geldgewinne, aber es drohen auch bittere Erfahrungen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass nur wenige mit ihrem Traum, in Korea leben und spielen zu können, wirklich glücklich wurden.
Die Zergbasis ist so gut wie gefallen, ein Bündel von Marines und Medics bahnt sich seinen Weg durch die verbleibenden Gebäude. Ein letztes Stimpack, dann ist auch der Schößling Geschichte und mit ihm das Finale der Hanaro OSL. Der junge Kanadier, auf den die Kamera nun zoomt, hat ein zufriedenes Lächeln im Gesicht und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Es war ein langes Duell, aber auf der fünften Map konnte er den Sieg für sich verbuchen und damit der erste Nichtkoreaner werden, der eine OSL gewinnen würde.
Guillaume Patry, besser bekannt als Grrrr, hätte vor mehr als zehn Jahren vermutlich deutlich mehr Emotionen an den Tag gelegt, wenn er sich einer Sache schon damals bewusst gewesen wäre – dass er nicht nur der erste, sondern bis zum heutigen Datum auch einzige nicht aus Korea stammende Spieler bleiben würde, der jemals ein Finale der StarCraft-Liga OSL für sich entscheiden konnte. Seit Jahren schon sind die sogenannten Foreigner rar im Mutterland von StarCraft, erfolglos sind sie noch dazu.
Es waren andere Zeiten, als sich noch unzählige Spieler im Dunstkreis von Größen wie Bertrand „ElkY“ Grospellier und Peter „Legionnaire“ Neate in Südkorea aufhielten. StarCraft war noch neu und unverbraucht, der eSport ein kräftiges Kind, das gerade in die Wachstumsphase kam. Zu Zeiten, als in Deutschland die Netzstatt Gaming League ihre Turniere vor den Augen gebannter Teenager auf der Jugendmesse You! ausspielen ließ, war Korea noch ein Experiment, ein Versuch das eigene Hobby in ungeahnte Höhen zu treiben und wenigstens für kurze Zeit den Genuß des Berühmtseins zu erlangen.
Die Jahre schritten voran, und StarCraft war nicht mehr das neue, das spannende Hobby, StarCraft war ein Geschäft geworden in Korea, an dem Millionensummen hingen. Die erste Generation der Aussiedler war fast vollständig zurückgekehrt im Jahr 2005, spielte nun Poker oder kehrte dem elektronischen Leben den Rücken. Spieler, die nun ihr Glück in Korea versuchten, waren einer von vielen und den Koreanern um viele Jahre Training hinterher. Krzysztof „Draco“ Nalepka erlebte es am eigenen Leib, kam zwar in ein professionelles Team, dort aber nie über das B-Team hinaus und kehrte schließlich auch in seine Heimat zurück. Egal, wer nach ihm kam – aus den verschiedensten Gründen war keiner von ihnen glücklich und wirklich erfolgreich zugleich in seiner neuen Heimat.Wer in Südkorea trainiert, ordnet sich der asiatischen Trainingsmentalität komplett unter. So wie japanische Schulkinder das Rechnen lernen, wird auch StarCraft zur Perfektion getrieben: Wiederholung, Wiederholung und nochmal Wiederholung. Wenn Tausende von Euro auf dem Spiel stehen, kann es sich kein Spieler leisten, eine nicht perfekt sitzende Taktik zu spielen. Trainiert wird lange und immer, sieben Tage die Woche und zwölf Stunden täglich sind keine extreme Ausnahmeerscheinung. Das sind Zahlen, bei denen jeder Sportwissenschaftler einen Schreikrampf kriegen und anschließend lediglich das Wort „Übertraining“ in Endlosschleife vor sich hermurmeln würde. Das richtige Üben ist eine Wissenschaft, aerobe und anaerobe Phase sind aus dem Trainingsplan eines Spitzensportlers so wenig wegzudenken wie Superkompensation.
Aber wenig ist so im elektronischen Sport, wie es im traditionellen Sport ist. Es gibt nicht viele Untersuchungen zum Training im eSport, aber selbst die wenigen existierenden legen nahe, dass zuviel Spielen eher schadet als hilft. Das zeigt auch, am Spielpensum europäischer Teams gemessen, das eher mittelmäßige Abschneiden asiatischer Teams in Counter-Strike. In StarCraft allerdings dominieren die Koreaner den Rest der Welt, und damit legitimiert sich ihre Art des Trainings. Das mag effektiv sein, aber nicht unbedingt effizient, und doch sind die gelegentlichen Spitzenplatzierungen von Nichtkoreanern bei Turnieren wie den World Cyber Games zu selten und zu häufig dem Best Of One oder Bracket geschuldet, als dass sie gute Argumente für weniger Spielzeit liefern würden. Allerdings macht auch die größte Menge an Spielstunden nicht aus jedem Spieler einen Star. Gregory „IdrA“ Fields musste das leidvoll erfahren, als er nach zwei Jahren StarCraft von früh bis spät es gerade so schaffte, die großen europäischen Turniere zu gewinnen. Von einem erfolgreichen Abschneiden in den Fernsehligen in Südkorea war und ist er aber immer noch weit entfernt.Auch abseits des Spielfeldes hat ein solches Pensum dramatische Konsequenzen. Nicht zuletzt der Fall Robert Enke hat eine Diskussion ausgelöst, wie es ist, wenn Spieler unter zu großem Erfolgsdruck stehen. Wird ihnen dann auch noch die Möglichkeit genommen, sich Ankerpunkte außerhalb des Servers zu suchen, ist das Loch um einiges tiefer, in das sie bei Misserfolg fallen. Ohne Ausbildung, ohne Job irgendwann einmal dazustehen in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen – Brian „Assem“ Fransioli, Frederik „Slayer“ Ostervold und nicht zuletzt der jetzige Manager von TeamLiquid, Victor „Nazgul“ Goossens sind drei prominente Beispiele für Spieler, die früher oder später ihre Ausbildung einem ausschließlichen Leben als Vollzeitgamer vorzogen. Oder die nicht ganz so banale Thematik der Zwischenmenschlichkeit, die Tyler „NonY“ Wasieleski zum Aufgeben zwang: Trotz guter Erfolge in den Courage-Turnieren entschied er sich, von seiner Freundin vor die Wahl gestellt, nicht für die Aufgabe alles anderen und kehrte in die USA zurück, wo er auch jetzt als Teil des TeamLiquid bleiben wird.
Als wären die unterschiedlichen Arten, StarCraft zu spielen und zu leben, nicht schon Hürde genug, ist auch die kulturelle Differenz häufig ein Anlass für Probleme. Jos „ret“ de Kroon schien sich einen Traum erfüllt zu haben, als er 2009 zu eSTRO zog, aber ihn erwartete dort letztendlich eher ein Albtraum. Nicht in der Lage, sich mit den Mitspielern zu verständigen, trat er im Training auf der Stelle und wurde dann noch bezichtigt, Replays des Teams an die Öffentlichkeit gebracht zu haben – ein Vertrauensbruch, der wenn wohl auch unbegründet ihn zum Auszug aus dem Teamhaus zwang und schließlich dazu führte, dass der sympathische Holländer desillusioniert die Abreise antrat. Nicht nur für ihn war und ist es schwer bis unmöglich, neben dem professionellen Spielen auch noch eine schwere Sprache wie das Koreanische zu erlernen. Was Deutschland von seinen Immigranten permanent fordert, ist den StarCraft-Spielern fast unmöglich und verhindert, dass sie endgültig in der Gesellschaft vor Ort ankommen können.Ein Spieler wie Dario „TheLittleOne“ Wünsch, der erst mit der Beta überhaupt zu Erfolg kam und in StarCraft nur wenig in Erscheinung trat, wird vor allem von seinen ersten Erfolgen geprägt werden. Kann er sich etablieren als der Deutsche, der den Koreaner in StarCraft 2 das Fürchten lehrt, sind die nächsten Monate für ihn wohl eine äußerst interessante und wohl auch finanziell lohnende Erfahrung. In jedem Fall würde sich Guillaume wohl freuen, wenn er in der Hall Of Fame Gesellschaft bekäme – von jemandem, der das 12-Stunden-Experiment erfolgreich bestanden hat.


