Im peruanischen Lima findet dieses Wochenende das KODE5 Global Final 2010 statt – und in Deutschland wird es kaum jemanden interessieren. Erstens, weil zeitgleich in Köln der siebzehnte EPS-Champion ausgespielt wird. Zweitens, weil sich die Anzeichen verdichten, dass kein einziges europäisches Spitzenteam die Reise in die Andenrepublik antreten will.
2006 hatten Thomas Kuhlenbach und Lester Lau die Revolution ausgerufen: Mit markigem Slogan und Qualifikationsturnieren in fast jedem UN-Mitgliedsstaat (unter anderem in Usbekistan) sollte der Name KODE5 in die Welt hinausgetragen werden. Mit einem Jahr Pause folgten 2008 und 2009 viel beachtete Turniere in Moskau, bei denen sich die Weltelite die Klinke in die Hand gab: Die Ninjas in Pyjamas, mTw.int und fnatic trugen sich bislang in die Hall of Fame ein. Im Jahr 2010 sollte die Revolution schließlich den südamerikanischen Sub-Kontinent erreichen, die Sieben-Millionen-Metropole Lima wurde zum Austragungsort der vierten KODE5-Finals erkoren.
Niemand in Lima
Was hltv.org bereits vor drei Tagen andeutete, scheint nun traurige Gewissheit zu werden: Das ohnehin dürftig besetzte Feld an europäischen Qualifikanten – x6tence, Iron Will und OSLF.dk stellten die Bekanntesten dar – hat seine Teilnahme noch nicht bestätigt und wird aller Voraussicht nach nicht anreisen. Bezüglich eingeladener Teams sieht es nicht viel besser aus: Auf der Facebook-Seite windet sich die Organisation von Tag zu Tag um die Bekanntgabe der endgültigen Teilnehmerliste, der peruanische Veranstalter Martin Lescano Casanova wollte sich auf Nachfrage von readmore.de nicht zu dieser Thematik äußern.
Das Preisgeld aber, wusste der Verantwortliche vor Ort stolz zu berichten, sei „zu hundert Prozent von der KODE5 zugesichert worden“. Das heißt: Spielten im vergangenen Jahr noch fnatic, mTw, frag eXecutors und Co. um 40.000 US-Dollar, geht es nun für Lokalmatador artyk, die argentinischen Wild Ineters oder das brasilianische CnB um die gleiche Summe.
Auf das Thema der zu hohen Reisekosten angesprochen, mit denen die Dänen von OSLF ihre Absage vor zwei Wochen begründeten, widerspricht Casanova energisch: „Ich verstehe nicht, was das mit Reisekosten zu tun hat. Die ausländischen Teilnehmer, die sich qualifiziert haben oder eingeladen wurden, bekommen Hotel, Verpflegung und Transferkosten voll erstattet“ – nur scheinen die Flüge nach Lima, die fraglos den teuersten Posten ausmachen, nicht unter „Transferkosten“ inbegriffen. Die Reise berge somit enormes finanzielles Risiko: Nur die ersten Drei bekommen überhaupt Preisgeld ausgezahlt, bereits die 5.000 Dollar für den dritten Platz reichen nur schwer aus, um fünf Flüge nach Peru zu refinanzieren.
Zielgruppe Südamerika
Zählt man die Unterhaltkosten für die aus den umliegenden Ländern angereisten Teams zu den 40.000 Dollar Preisgeld, ergibt sich dennoch ein äußerst üppiges Budget für ein bestenfalls mittelmäßig besetztes Turnier, das in Europa kaum Aufmerksamkeit erfahren wird. In Deutschland überträgt zwar Medienpartner GameSports; selbst Publikumsliebling Knochen wird es bei der Konkurrenz zu den EPS-Finals auf ESL TV schwer haben, eine große Anzahl an Zuschauern auf seinem Stream zu sammeln.
Der Schluss, den Partnern der KODE5 ginge es mit diesem Schritt um die Erschließung neuer Märkte in Mittel- und Südamerika, liegt zumindest nahe. Mit fast 1.700 Fans auf Facebook scheint dies zwar einigermaßen gelungen – seit Tagen drehen sich die Diskussionen jedoch primär um ein Thema: Was ist mit den Top-Teams? Die eSport-Fans wollen fnatic sehen, mTw, vielleicht Na’Vi. Ein peruanischer Fan namens Diego schlägt scherzhaft vor: „Bedroht fnatic doch mit einer Waffe, damit sie kommen“.
Dass Menschen wie Diego ein möglichst hochkarätiges Aufgebot sehen wollen, ist verständlich. Der Eintritt zum KODE5-Finale kostet 28 Nuevo Soles, knapp acht Euro, die angeschlossenen Attraktionen (Playstation-Turniere und eine kleine LAN-Party) kosten extra. Humane Tarife nach europäischen Verhältnissen, in Peru eine stolze Summe: Das Durchschnittseinkommen eines Peruaners liegt bei nicht einmal 150 Euro im Monat, in der Hauptstadt etwas höher. Dementsprechend kleinlaut gibt sich auch Martin Casanova auf die Frage, wie viele Zuschauer er erwartet. Eine Zahl möchte er nicht nennen, er hätte einfach nur gerne ein „Spektakel auf hohem Niveau“.
Ein hehres Ziel des Veranstalters – aber abzuwarten bleibt, ob dies auch Kingston und Konsorten ausreicht, auch im kommenden Jahr wieder eine mittlere fünfstellige Summe in dieses Spektakel zu stecken.