Regelmäßig treffen sich ein paar selbsternannte Experten, Pädagogen, Vertreter von Berufen, die peripher irgendwas mit Medien zu tun haben, und promovierte Künstler. Sie beschließen dann die Welt mit ihrem Gutmenschentum zu bereichern. Wenn es dabei um Computerspiele geht, wird meist die ESL als Kooperationspartner auserkoren und schon steht das Konzept. So ungefähr wird es auch zum Projekt „Artworks Contest – Pic your game life“ gekommen sein. Finn ‚pille^‘ Friedrichs hat sich die Ausstellung einmal angeschaut.
Die Bilder der Gewinner des Contests werden in ganz Deutschland ausgestellt. Im Dezember sind sie in der Stadtbibliothek von Bremen zu finden. Als Bildungsaussiedler und somit ortsunkundiger Mensch muss man sich erst einmal durchfragen, bis man dort im Eingangsbereich steht. Die nette Empfangsdame eilt auch sofort zur Hilfe, als man sich etwas ratlos umschaut. Auf die Frage, wo denn der Artwork Screenshot-Contest zu finden sei, hat sie allerdings keine Antwort. Dafür weiß sie von einer wunderbaren Vernissage, die nächste Woche starten soll. Ihre junge Kollegin erlöst uns schließlich mit der Wegauskunft. Zweiter Stock, links das Rondell entlang und schon sind Sie da. Alles klar.
Die zweite Etage ist die Jugendabteilung der Bibiliothek und die Räumlichkeiten der Austellung entpuppen sich als Computerraum für Schüler. Beim Betreten des Raumes scheint Rooney gerade eine Großchance vergeben zu haben. In der hinteren Ecke sitzt ein Jugendlicher vor dem Bildschirm und spielt FIFA, oder PES. Eines dieser Spiele auf jeden Fall, die dem eSportler vor einigen Jahren mal als Heilsbringer der Branche präsentiert worden sind und die heutzutage eigentlich keine Beachtung mehr genießen, es sei denn man heißt Schellhase und ist Zwilling.
Die Artworks sind im ganzen Raum spärlich verteilt und sehen eigentlich ganz schick aus. Mannsgroße Pappaufsteller, oben der bearbeitete Screenshot, darunter eine kurze Erklärung vom Urheber. Ein paar Erwecken den Eindruck, als wäre nur ein wenig mit Photoshop rumgespielt worden. Bei anderen hat sich der Schöpfer viele Gedanken gemacht. Es geht immerhin um „fette Hardware-Preise“. Das Gewinnerbild zeigt den Hauptcharakter von GTA IV, Niko Bellic, wie er den Spieler beobachtet, wie dieser ihn beobachtet. Eine endloser Kreislauf. Der Künstler will damit die Frage anstoßen, „wer hier überhaupt die Kontrolle über das Geschehen hat“.
Die Austellung erstreckt sich über insgesamt drei kleinere Räume. Im zweiten Raum stehen ebenfalls einige PCs, drei Kinder und ein Teenager sitzen davor. Sie haben moderne bürgerliche Namen wie Lasse oder Elia. Ob sie öfter hier wären? Manchmal, sagt einer. Die anderen nicken. „Habt ihr euch die Bilder mal angeschaut?“ – „Welche Bilder?“. Irritiert zeigt man auf die Ausstellung, insgesamt sieben Bilder, raumerfüllend. „Ach die. Nö.“ Jetzt wollen die Kleinen aber auch mal was fragen, und zwar wie spät es ist. Es ist 15:20 Uhr. Sie zeigen sich hocherfreut über diese Antwort. Bis halb sechs dürfen sie bleiben. Noch zwei Stunden zocken, sie machen sich enthusiastisch ans Werk.
Auch die vierte Person im Raum, ein Junge, dem man annsieht, dass er mitten in der Pubertät steckt, muss passen. Bisher habe er noch nicht die Möglichkeit gehabt, sich die Werke anzugucken. Dann packt ihn das kulturelle Pflichtbewusstsein und er schiebt nach: „Mach ich aber später!“. Bestimmt. Er wendet sich wieder seinem Strategie-Spiel zu. In dieser Abteilung kann man im Unterschied zum Rest der Bibliothek auch ohne Chipkarte grenzenlos spielen.
“Was bewegt Spieler? Was erleben sie? Was wünschen sie sich? Und was haben sie zu sagen?“. Das sind die Fragestellungen, die die Jury des Artwork Contests klären wollte. Doch wer will sowas wirklich wissen? Kinder und Jugendliche, die unmittelbar in der Materie stecken und sich leicht selbst eine Antwort darauf geben könnten? Oder deren Eltern? War die Jugendabteilung in der Bibliothek mit dem Namen „Teen Spirit“ einfach der falsche Ort für eine richtige Idee?
Auf der Suche nach einem offiziellen Angestellten der Bibliothek wird man im Nebenraum fündig. Der Bibliotheksmitarbeiter fühlt sich allerdings nicht sonderlich zuständig. Seine Aufgabe sei nicht die Betreuung der Ausstellung, sondern der Service für die regulären Besucher der Bücherei. Bisher sei aber noch niemand wegen der Ausstellung auf ihn zugekommen. Ob er glaube, dass sich das überhaupt jemand explizit ansehen würde? Er schaut ungeduldig und murmelt etwas von „Laufkundschaft“. Anschließend schiebt er mir noch einen Veranstaltungskalender rüber.